Urlaub im Zwitterbus

Nicht ohne meine Ohrstöpsel

Von Martina Lenzen-Schulte
 - 18:27
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Da schau her, Schnur hast du schon mitgebracht“, lautet der Kommentar eines alten Hasen am ersten Abend meiner ersten Rotel-Reise. Es klingt einerseits bewundernd, andererseits ein wenig enttäuscht, denn offenbar gehört es zum Initiationsritus, den Frischlingen vorzuführen, an wie viel Zubehör es ihnen mangelt. Mit den Schnüren in der Hand gebe ich mich also gleich als jemand zu erkennen, der sich bei einem Kenner kundig gemacht hat. Das beste Briefing verdankte ich einer Freundin, die schon oft in den überlangen, roten Bussen mit den vielen kleinen Heckfenstern unterwegs gewesen ist. Die Damen vom Buchungs- und Serviceteam im bayerischen Tittling, dem Stammsitz der Rotel-Touren, gaben sich am Telefon nämlich stets zugeknöpft, wenn man im Vorfeld allzu detailliert nachfragte. Sie verweisen am liebsten auf die Homepage des Unternehmens. Die lässt jedoch etliche praktische Fragen offen, deswegen ist ein Gespräch mit einem Rotelianer seines Vertrauens vor Antritt der Reise ungemein hilfreich.

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Am Morgen waren wir in aller Herrgottsfrühe in Mexiko-Stadt gelandet, am Vormittag standen für die übermüdete Truppe der dreiundzwanzig Teilnehmer gleich Besichtigungen auf dem Programm, erst am späteren Nachmittag kamen wir endlich am weit außerhalb der Metropole gelegenen Campingplatz in Tepotzotlán an. Es war die erste Station einer Vierzehn-Tage-Tour, mehr als zweitausend Kilometer quer durch Mexiko bis nach Cancún lagen vor uns.

„Sag, du hättest Hexenschuss“

Bevor indes die Schnüre zum Einsatz kamen, galt es, die Zuteilung der Kabinen abzuwarten. Während die festen Sitzplätze im Reisebus vorne immer der Reihe nach vergeben werden und vorher feststehen – wer zuerst bucht, hat freie Wahl –, verteilte unser Reiseleiter die Schlafkabinen im hinteren Teil erst an Ort und Stelle. Wobei das Wort Kabine eigentlich ein Euphemismus für die zwei Meter langen, achtzig Zentimeter breiten und ebenso hohen Behältnisse ist. Drei solche Kojen liegen übereinander, acht Reihen gibt es nebeneinander, das ist auch schon der ganze Schlafteil des Hotelbusses für vierundzwanzig Gäste. „Sag dem Reiseleiter, du hättest Hexenschuss, Knieprobleme oder so was“, lautete ein Hinweis der besorgten Freundin. Nicht nur mitreisende Ärzte wissen ähnliche Ausreden zu erfinden, um nur ja keine der unteren Kabinen zu erwischen. Wem das blüht, der muss die Reise über Staub fressen.

Das ist unvermeidbar und liegt in der Natur dieses Vehikels, eines Zwitters aus Reisebus und Schlafmobil. Der unlängst verstorbene Unternehmensgründer Georg Höltl hatte sich die Idee zu dem originellen Hotelbus nach dem Zweiten Weltkrieg patentieren lassen. Man schläft letztlich in einer Kiste, den Boden füllt eine Matratze aus, am Fußende ist die Ein- und Ausstiegsluke, am Kopfteil ein Miniaturfenster. Während der Fahrten tagsüber werden die Einstiegsöffnungen mit Klappen am Bus von oben und unten verschlossen. Für das Schließen der Fenster ist jeder Gast selbst verantwortlich, und die Gardine sei unbedingt zuzuziehen, mahnt die Freundin mehrfach und eindringlich. Den Grund kennt niemand, meine persönliche Hypothese lautet: Kein Außenstehender soll sich einen realistischen Eindruck vom Platzangebot drinnen verschaffen dürfen.

Logistikunternehmen würden vor Neid erblassen

Ist am Abend eines Reisetages der Campingplatz erreicht, müssen sich die Männer beim Aufbauen nützlich machen. Die Verschlussplatten der Kabinen an einer Seite des Busses werden nach oben gestemmt und bilden so ein provisorisches Dach, die unteren werden hinabgelassen und mit Stelzen darunter am Boden abgestützt. So entsteht ein Plateau vor den Schlafkojen, eine Treppe führt hinauf, eine Plane soll den Vorbau abdichten. Nur über diesen Weg erreicht der Rotelianer seinen Schlafplatz, allerdings auch jeder Dieb in der Nacht, denn nichts ist abgeschlossen.

Ein Drittel der Schlafkojen liegt nun unmittelbar ebenerdig, was zum einen bedeutet, dass man stets nur in der Hocke oder auf Knien vor der Einstiegsluke an seine Utensilien auf der Matratze gelangt, multiples Anstoßen am Bodenteil der darüber liegenden Kabine inklusive. Zum anderen ist der Boden davor bald schmutzig, denn auf dem schmalen Pfad vor der eigenen Koje gehen alle dahinter untergebrachten Mitreisenden vorbei, um zu ihren Schlafplätzen zu gelangen. Der Schmutzeintrag spiegelt die Bodenbeschaffenheit des Campingplatzes und den Zustand der Wasch- und Toilettenräume vergleichsweise zuverlässig wider. Wer in der Mitte schläft, hantiert dagegen bequem im Stehen und tritt rasch beiseite, wenn der Dritte im Bunde zum obersten Stock hochklettert und dabei noch etwas Sand von den Füßen dem knieenden Underdog in den Nacken rieseln lässt. Deswegen sind die mittleren Kabinen im Ranking so beliebt wie umkämpft, gefolgt von den obersten. Diese haben den Vorteil, dass keine Damen mit schwacher Blase oder Männer mit Prostatabeschwerden darüber liegen, die mehrfach nachts herabsteigen, um die Toiletten aufzusuchen. Deshalb, und weil die dünnen Wände zwischen den Kojen den Schlafteil des Busses quasi zum großen Schlafsaal machen, retteten die unerlässlichen Ohrstöpsel schon manchem Rotelianer die Nachtruhe.

Die berühmten Drei-Tage-Taschen

Beim Herausrobben am ersten Morgen mache ich gleich den ersten Fehler: Ich krieche mit dem Kopf voran, und schon rammt mir jemand sein Knie an die Schläfe. Eine Armlänge vor mir stapeln sich Schlappen und Schuhe, dahinter die berühmten Drei-Tage-Taschen, ein absolutes Rotel-Unikum. Sie heißen so, weil man sie mit Utensilien packt, die voraussichtlich für die nächsten drei Tage benötigt werden; an den eigentlichen Reisekoffer kommt man immer nur kurz zum Umpacken. Über den Taschen ist an einer Stange Platz für Kleiderbügel, zwei für jeden, eigene Vorräte empfehlenswert.

Nur ist das provisorische Dach nicht dicht, nach Regenfällen oder vom Tau sind die Kleider morgens feucht bis nass und die Handtücher zum Duschen auch nicht trocken. Es sei denn, sie sind in der Kabine untergebracht. In diesem Moment erschließt sich Sinn und Zweck der Schnüre beim Blick in die Nachbarkabine. Dort spannen sie sich entlang der Kabinenwand, Tücher und T-Shirt trocken und sicher daran aufgehängt. Haken empfehlen sich ebenso, denn alle Utensilien, die sonst in einem Hotelzimmer einfach herumliegen, müssen eben auf der Matratze in der Schlafkoje oder vorn beim Sitzplatz im Bus auf engstem Raum untergebracht werden. Der Variantenreichtum von Kisten, Gummis, Karabinern und Tüten, mittels derer Rotelianer rund um ihren Sitzplatz jeden Quadratzentimeter zum Stauraum machen, würde Logistikunternehmen vor Neid erblassen lassen.

Tütensuppen, Fertigpüree, Dosenfutter

Bei einigen wenigen Kabinen fehlt die Trennwand zum seitlichen Nachbarn, aber diese „Suiten“ sind offenbar unbeliebt. Am ersten Abend wird es schon peinlich, keiner möchte so recht in die überzähligen Doppelkabinen, die eigentlich für Paare vorgesehen sind. Rotelianer sind nun einmal bevorzugt Alleinreisende mit ausgeprägtem Kostenbewusstsein. „Du sparst dir hier den Wahnsinnsdoppelzimmerzuschlag in den Hotels“, tun gleich mehrere Businsassen bei einer Miniumfrage kund. Denn einige hundert Euro extra sind für etliche zu viel.

Für wenig Geld die Welt bereisen – „ich hab Indien damals mit Rotel für tausend gemacht“, sagt ein stolzer Rotelianer –, das ist eine der Hauptmotivationen für die Wahl dieses Reiseveranstalters, der nach dem Krieg damit begann, billige Busreisen für Pilgerfahrten nach Jerusalem zu organisieren, und das Konzept dann auf die ganze Welt ausdehnte. Nicht zuletzt bevorzugen Frauen diese Variante der Gruppenreise, weil sie sich in etliche Gegenden als Backpacker nicht trauen, auch nicht mit einer Freundin. Andere, die das nötige Kleingeld für die gehobenen Hotelvarianten hätten, fühlen sich bei Rotel von Anfang an weniger ausgeschlossen: „Woanders verkrümeln sich abends die Pärchen, und du kannst sehen, wo du bleibst, das passiert dir bei Rotel nie“, begründet eine quirlige Rentnerin jenseits der siebzig ihr Faible für die roten Busse.

Die prinzipielle Offenheit der Alleinreisenden prägt das Klima, das viele nicht missen wollen. „Das nicht so tolle Essen nehme ich in Kauf, Hauptsache, gute Stimmung, nette Gesellschaft“, heißt die mehrfach bestätigte Devise. Bei Rotel bucht man nämlich Halbpension, der Busfahrer sorgt traditionell für Frühstück und Abendessen. Ihn als Koch zu bezeichnen trifft die Sache indes nicht immer. Tütensuppen, Fertigpüree, Dosenfutter und ein offenbar unerschöpflicher Brötchenvorrat, Tag für Tag dieselbe Sorte, zeugen von einem knapp bemessenen Verpflegungsbudget. Die Nachfrage in puncto kulinarische Erlebnisse bei Rotel fördert die ganze Bandbreite von zutiefst enttäuscht bis hellauf begeistert zutage. Geschildert werden bittere, nie vom Unternehmen beantwortete Beschwerdeschreiben – „Wir kauten auf den zuvor nicht entfernten Plastikhüllen der im Eintopf gekochten Würstchen herum“ –, aber auch Lobeshymnen über Steak und Fisch beim abendlichen Barbecue.

Unser Fahrer mühte sich redlich, aber die aus Riesenpackungen stammenden Schinken- und Käsescheiben zum Frühstück boten keine Abwechslung, während der ebenso kostengünstige wie knapp kalkulierte Instantkaffee auch keine große Freude bereitete. Die krümelig trockenen Backwaren wollte nach einiger Zeit niemand mehr schönreden, zumal das Brotangebot selbst in mexikanischen Supermärkten auf Anhieb einladender aussah. Nachts befielen einen Albträume, in denen man den heimlichen Brötchenvorrat suchte, jedoch nie vernichten konnte. Der Fahrer verkaufte Bier in Minidosen und Wein aus der Kiste, ein Euro pro Plastikbecherportion. Ein Vielgereister hatte vorsorglich ein Weinglas mitgebracht, sein Zwinkern wertete ich als Ausdruck des Überlegenheitsgefühls; dass der Wein darin besser schmeckte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

„Einmal Rotel, immer Rotel“?

Das Campingplatzgefühl ließ sich bei unserer Reise kaum mehr perfektionieren. Unsere Plastiktische und Holzbänke galt es allmorgendlich vor dem Aufbruch im Bus zu verstauen, abends wollten sie wieder herausgeräumt werden. Auf Rotel-Fotos im Internet stellen die Mitreisenden gerne eine fröhlich tafelnde Runde in der Wüste, in freier Wildbahn bei schönstem Wetter zur Schau. Kalte Abende im Dunkeln und bei Regen, in denen man keinen anderen Platz zum Verweilen hat als das Innere des Reisebusses, werden naturgemäß ungern dokumentiert, ebenso wenig wie der Halteplatz unmittelbar an der Straße, über die Laster nachts am Fensterchen vorbeidonnern.

Küchenhilfe ist für die Reisenden obligat, Hygienekontrolle nicht. Morgens legten wir Schinken und Gurkenscheiben aus, Obst längst nicht immer. Abends stand Schnippeln an, wenn es denn einmal Salat gab, oder das Umrühren von Saucen und Reis. Jeder erhält zu Beginn der Reise zwei Geschirrtücher, Besteck, Teller, Becher und Brett im roten Beutel, erfahrene Mütter erinnern die Plastikmaterialen an unverwüstliches Kindergeschirr. Das spült jeder selbst, danach kommen die Töpfe vom Abendbrot dran, es sei denn, das Rotel-Essen fällt aus, weil man erst spät am Ziel ankommt. Dann dürfen die Teilnehmer sich für ein paar gutgeschriebene Euro selbst verköstigen.

Reiseleitung und Komfort klaffen weit auseinander

Manchmal endete so ein Abend in einem authentischen mexikanischen Restaurant, leider allzu selten. Ein Campingplatz zum Beispiel bot in Fußdistanz lediglich amerikanische Schnellimbisse als Anlaufstellen. Das sei gleichgültig, denn wie sonst käme man so kostengünstig zu einer ambitionierten Mexiko-Studienreise mit derart eng getaktetem Programm und einem derart kompetenten deutschen Reiseführer, betonten die Mitreisenden völlig zu Recht. Unser Führer Rainer war so gut wie immer zuständig, führte kenntnisreich durch Museen und antike Metropolen wie Teotihuacán, entwirrte für uns Olmeken, Tolteken, Azteken oder Zapoteken und kannte sich in der Maya-Forschung ebenso gut aus wie mit korrupten mexikanischen Politikern. Vermutlich gibt es keinen zweiten Veranstalter, bei dem die Qualität von Reiseleitung und Reisekomfort derart weit auseinanderklaffen wie bei Rotel.

Ob sich dieses ambivalente Konzept in Zukunft noch tragen kann, wird sich allerdings weisen müssen. Wenn ich das unterschwellige Grummeln in der Gruppe richtig gedeutet habe, spricht nicht viel dafür. Für etliche Mitreisende, die sich eine solche Reise mühsam ersparen müssen, ist das Preisniveau nicht mehr konkurrenzlos niedrig, und sie überlegen, vom vielzitierten „Einmal Rotel, immer Rotel“ Abstand zu nehmen.

Von einer Erosion des Konzepts zeugen nicht zuletzt die Campingplätze, auf denen wir übernachteten. Sie hatten zum Teil mehr als Patina angesetzt und lagen – so einer der Hauptkritikpunkte – nicht nur weit außerhalb der Stadtzentren, was das Abendprogramm ziemlich einschränkte. Mitunter waren auch keine anderen Gäste mehr dort zu finden, spätestens beim Besichtigen der Sanitärräume erklärte sich, warum. „Früher“, so erinnerte sich der Reiseleiter, der seit fast vierzig Jahren für Rotel unterwegs und eigentlich schon Rentier ist, früher seien deutlich mehr Busse in Mexiko unterwegs gewesen. Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Auch unser Vehikel schien angezählt, zumindest müsste der Bus mit Passauer Kennzeichen in Deutschland dringend mal wieder durch den TÜV – die Plakette ist schon 2011 abgelaufen.

Rollende Sardinenbüchsen

Informationen: Rotel Tours, Herrenstraße 11, 94104 Tittling, Telefon: 0 85 04/40 40, Internet: www.rotel.de.

Quelle: F.A.Z.
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