Urlaub mit Kindern

In Rüstung über den Parkplatz

Von Eva-Maria Magel
 - 10:00

Die Damen und Herren Ritter machen erst mal Pause. Man kann es ihnen nicht verdenken, es gibt schließlich Pommes frites und Flammkuchen mit Speck unter freiem Himmel, dazu Elsässer Bier. Da legt man das Kettenhemd gern noch einmal beiseite. Zu dumm. Denn die Kinder, kurz vor der letzten Burgruine schon am Schwächeln nach zwei Tagen Rundwanderweg, hatten die Ritter, drei französische Herren und eine Dame mit feuerwehrrot gefärbtem Haar, kaum erblickt, da schwangen sie sich zu einem regelrechten Finish auf. Doch die Ritterschar, in vollem Ornat auf dem Parkplatz der Burg Fleckenstein ihrem Mittelklasseauto entstiegen, ging nicht etwa schaukämpfen, sie ging nur essen.

Es ist allerdings nicht so, dass es auf Burg Fleckenstein, zwischen Hirschthal und Lembach am Rand der Nordvogesen gelegen, an Ritterflair mangelte, selbst wenn alle diensthabenden Mittelalter-Darsteller gleichzeitig Mittag machen. Eine wackere Endsechzigerin, die als „Baumeister“ in rotsamtenem Kostüm auf Deutsch und Französisch Auskunft über die Entwicklung der Burg gibt, ist schier unermüdlich, scheint Pausen nicht zu benötigen und freut sich über jeden, der sie mit Fragen löchert. Wir tun ihr den Gefallen und lernen etwas über Aufbau und Verfall dieses Gemäuers.

Burg Fleckenstein, die vor fast 500 Jahren das Idealbild einer schier uneinnehmbaren Burg gewesen sein soll, bis sie dann eben doch eingenommen wurde, ist unsere siebte und letzte Burg in zwei Tagen. Sie tut so gut wie alles dafür, auch die Jüngsten bei Laune zu halten. Viele kommen nur für ein paar Stunden, mit dem Auto oder dem Bus oder vom nahegelegenen Gasthaus „Gimbelhof“, das zwar kulinarisch nicht unbedingt besticht, dafür mit einem Ritter-Abenteuerspielplatz in unmittelbarer Nähe aufwartet.

Mit Holzschwertern in den Kampf

Die Region zwischen Nordvogesen und Pfälzer Wald ist nicht nur einfach zu erreichen. Es gibt dort gleich zwölf sogenannte Premium-Wanderwege unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit, und viele davon führen an den Relikten des Mittelalters vorbei. Der „deutsch-französische Burgenweg“ gilt als schwer, ist das aber eher wegen der Länge von 15 Stunden Gehzeit. Wenn man ihn an einem Tag geht. Wir haben zwei Hälften draus gemacht, mit Fleckenstein als Höhepunkt. Die Burg ist zweifellos die spektakulärste Ruine, selbst ohne Ritterpersonal. Wer nicht das Glück hat, gleich auf dem Parkplatz fast waschechten Rittern zu begegnen, kann erst einmal im gutsortierten Museumsshop prachtvolle Kinderbücher zu „Tristan, le petit chevalier“ erwerben, Holzschwerter, Helme und Schilde sowieso. Gegenüber im Innenhof liegt „P’tit Fleck“, das Entdeckermuseum für die jüngsten Burgbesucher. Alle, die schon lesen können, folgen durch die Ruine den Geschichten und Rätseln, mit denen auf schon fast ein bisschen zu penetrante Weise auch das lauffaulste Kind noch bis auf den Ausguck hoch oben gelockt wird. Dort blitzt dann tatsächlich ein Eimer voll Goldmünzen aus dem Dunkel eines modrigen Schachts! Allerdings nur, wenn man das richtige Wappen und die Lösung des Rätsels gefunden hat.

Lila illuminierte einstige Kemenaten, Ritter, die auf Knopfdruck plaudern und stimmungsvolle Klänge: Die Burg Fleckenstein, die einzige der Ruinen, für die Eintritt verlangt wird, rechtfertigt wacker die Ausgaben. Wer den ganzen Kitzel von Rätseltour und Bespaßung will, muss ein Zusatzpaket buchen, aber schon die Basisversion ist tatsächlich der krönende Abschluss des Burgen-Hoppings zwischen den Erbfreunden Deutschland und Frankreich.

Erwachsene finden vermutlich die weitaus ruhigeren Ruinen von Hohenbourg, Wegelnburg oder Löwenstein auf dem Weg charmanter. Auch wenn wir selbst an den höchsten Stellen nie alleine waren in diesen zwei Wandertagen mit sechs Burgen, vielen Bergen, ein paar spektakulären Felsen und viel Bergauf und Bergab mit wundervollen Ausblicken: Die Gegend ist extrem beliebt. Für die Erwachsenen ein Ausflug in die Geschichte, für die Kinder in die Phantasie, mit echter Kulisse.

Die beiden Großen vorneweg erkundeten zwar jedes Gemäuer, spielten aber selten Ritter. Eher imaginierten sie sich in ein diffuses Mafia-Aliens-Zombie-Universum des 22. Jahrhunderts, in dem die Burgruinen, das wilde Dahner Felsenland und sogar unser kleines Hotel als kulissenhafte Überreste des 21. Jahrhunderts dienen mussten, zerstört von den bestialischen Attacken, denen nur zwei Helden im ganzen Universum, genannt Rübe und Hanni, Paroli bieten konnten. Gemeinsam dienten sie Prinzessin Otter, die in ihrer ganzen vierjährigen Huldhaftigkeit wacker fürbass schritt. Bis sie, flankiert von waschechten „Knarren“ aus elsässischem Fundholz, wieder in ihre galaktische Sänfte, nämlich die Kindertrage auf Mamas Rücken, einstieg. Wir sind willige Lasttiere, und der Otter ist ein eher gewichtsfreies Kind.

Drei verschiedene Kilometerangaben für dasselbe Ziel

Als wir noch keine Kinder hatten und stattdessen Fans von „dynamischen Wanderungen“ mit im Durchschnitt fünfeinhalb Stundenkilometern waren, hätten wir die knapp 32 Kilometer des Burgenwegs zwischen Nordvogesen und Pfälzer Wald natürlich in einem Tag gemacht. Ist man aber erst einmal mit der süßen Last von Fruchtquetschen, Butterkeksen und einer Kleinkindkraxe beladen, läuft man entschieden gemütlicher durch den lichten Wald und ist, auch weil die großzügig verteilten Burgen uns zusätzliche Treppen und Leitern aufbürden, froh über die Pausen. Zumal es in diesem wundervollen Wald keine einzige richtige Einkehr gibt, man muss hier schon Proviant mitnehmen.

Ehrlich gesagt hätten wir als unsere früheren Ichs vermutlich nicht jede der zahllosen Ruinen besichtigt, weil sie den Wanderfluss doch sehr bremsen. Auf dem deutsch-französischen Burgenweg aber kann man der Bedeutsamkeit einfach nicht entkommen. Wegweiser in jede Himmelsrichtung mit drei verschiedenen Kilometerangaben für dasselbe Ziel muss man nicht mögen, aber kann sie deuten: Wenn man weiß, dass die einen stur den ganzen Rundkurs in einem Tag spurten, andere zwei gemächliche Halbkreise, wieder andere eine Acht wandern, wird das plausibel. Und dann sind da noch die stundenweisen Spaziergänger, die Kletterer und die Einheimischen, denen das sowieso komplett Wurst ist oder Saucisson. Für alle gibt es Schilder, in Deutsch und Französisch. Wegweiser und Erklärungen der Ruinen, eines Geländes, das von Köhlern, Bauern, Raubrittern und binationalen Tourismusverbänden seit Jahrhunderten wirtschaftlich und politisch geprägt ist. Der Wald ist kein gewordener, er ist, seit fast tausend Jahren, ein gemachter.

Wenn man merkt, wie sehr es den touristischen Partnern heute darauf ankommt, die vor allen nationalen Fehden gelegene Einheit der Landschaft zu betonen, lernt man ungeheuer viel über Europa, über die deutsch-französische Freundschaft sowieso. Das Friedenskreuz, das man entlang der Route erblickt, steht da nicht umsonst. Zwischen „Bonjour“ und „Hallo“ für die Entgegenkommenden wechselnd, wandern wir vor uns hin, auf sehr breiten Waldwegen und bisweilen auch steileren laubbedeckten Steigen, wir wissen, die Zivilisation dies- und jenseits der Grenze ist nicht weit, und doch sind wir in einem Dazwischen. Was haben die damals eigentlich gesprochen auf diesen Burgen? Altfranzösisch oder Mittelhochdeutsch? Wo war die Grenze? Die gab es nicht. Die Kinder erfinden ein mittelalterliches Kauderwelsch eigener Art, das sie auch abends noch pflegen, wenn wir wieder in unserem Gasthof in Obersteinbach sind, dessen Wirte, auf verschlungenen Wegen, einer elsässisch-algerisch-australischen Großfamilie entstammen und auf Deutsch und Französisch mit uns sprechen. Es gibt Forelle aus dem Dorfbach und Püree aus den Brennnesseln, die am Ufer wachsen, und das wahrscheinlich schon immer.

Der Weg zu den Burgen

Anreise Das Dahner Felsenland, teils Pfälzerwald, teils Vogesen, liegt südlich von Kaiserslautern. Anreise per Bahn z. B. nach Pirmasens. Informationen und Karten unter dahner-felsenland.net. In der Region gibt es zahlreiche Burgruinen zu erwandern, auf der Burg Fleckenstein gibt es ein festes Kinderprogramm mit Rätselburg und Naturmuseum. Informationen im Internet unter www.fleckenstein.fr

Ritterferien für Kinder bieten etwa Schloss Altenhausen bei Magdeburg oder die Wasserburg Heldrungen in Thüringen.

Quelle: F.A.S.
Geschenktipps - Die Vorschläge der Kulturredakteure der Rhein-Main-Zeitung Eva-Maria Magel,  Florian Balke, Harald Budweg und Michael Hierholzer
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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