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Urlaub mit Kindern

So nah und doch so großstadtfern

Von Harald Staun
 - 10:10
So nah und doch so großstadtfern Bild: Gisela Goppel , F.A.S.

Die Reise fing mit großen Augen an, mit ordentlichem Respekt, und mit einer kleinen Enttäuschung, aber der Reihe nach: Natürlich hatten wir das Boot schon vorher gesehen, auf Bildern und sogar in einem kleinen Film, in dem das Charterunternehmen seinen Kunden ein paar herrliche Eindrücke lieferte, die sie dann gewissermaßen nur noch nacharbeiten mussten. Wir sahen Kinder, die auf dem Dach Karten spielten und in der Küche Pizza buken, und vor allem sahen wir das Boot, „ein Boot“, wie das Mädchen in dem Video sagte, „das aussieht wie ein echtes Schiff“, und das lag dann auch vor uns im Hafen, nur dass es, als wir es zum ersten Mal betraten, noch viel echter aussah, als wir es uns vorgestellt hatten: Der „Kormoran“ war über zwölf Meter lang und aus dickem Stahl, hatte zwei Steuerstände, dicke Fender und einen mächtigen Anker, vor allem aber war er komfortabler als erwartet, mit drei Bädern, einer warmen Außendusche, einem modernen Gasherd, zwei Kühlschränken und Kojen, die so gemütlich aussahen, dass die Erholung schon bei ihrem Anblick einsetzte. Die Kinder, die naturgemäß den viel besseren Blick für die wahren Wunder dieses Schiffes hatten, entdeckten noch ganz andere Sensationen: Betten auf Schienen, runde Fenster mit Schraubverschlüssen, ein Steuerrad im Esszimmer und Wasserhähne, die man herausziehen und als Dusche verwenden konnte.

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Dass man, wie es der Vermieter versprochen hatte, dieses Boot ohne Führerschein fahren können sollte, konnte nur ein Missverständnis sein. Doch nach einer dreistündigen Einweisung waren wir ganz zuversichtlich, dass wir es mit vereinten Kräften schaffen würden, das Boot von See zu See zu fahren, durch Schleusen und Kanäle, und auch wieder zurück. Wir lernten, welche Boje wo zu passieren war, mit welchen Hupzeichen wir auf uns aufmerksam machen sollten und wer auf dem Wasser Vorfahrt hatte (im Prinzip alle Boote außer solche wie unseres); wir lernten, wie wir den Koloss fast auf der Stelle wenden konnten, und schlossen sehr schnell Freundschaft mit dem Bugstrahlruder, dem Zusatzantrieb, der nautischen Idioten wie uns beim An- und Ablegen erlaubte, das Boot auch quer zur Fahrtrichtung zu manövrieren. Wir drehten eine Runde im Becken der Marina, testeten den Antrieb, das Ruder und die Toleranz der Vermieter, und wenn wir überhaupt etwas auszusetzen hatten, dann war es der Name unseres schönen Bootes: Es hieß „Christian“. Christian, das klang eher nach Zahnarzt als nach Ferien. Viel lieber wäre uns ein abenteuerlicherer Name gewesen, wenn schon nicht „Black Pearl“ oder „Santa Maria“, dann vielleicht „Kondor“ oder „Sturmmöwe“ oder wenigstens der einer der Ziele unserer Reise, die in unseren Ohren auf etwas spröde Art exotisch klangen: Zechlin, Priepert, Rheinsberg und allen voran natürlich Mirow.

Ich See etwas, was Du nicht siehst

Wir hatten uns für den Weg nach Süden entschieden, zur Mecklenburgischen Kleinseenplatte, gegen die große, endlose Müritz, welche den Blicken keinen Halt und dem Boot keine Ankermöglichkeiten bietet, auch wenn wir etwas Sorge hatten, dass wir dort sämtliche Familien wiedertreffen würden, die wir gerade im Kurs kennengelernt hatten, und noch ein paar hundert Charterboote mehr (was sich zum Glück nicht bewahrheiten sollte). Es war spät geworden, als wir mit der Einweisung fertig waren, und dass wir trotzdem nicht daran dachten, die erste Nacht im sicheren Hafen zu verbringen, lag nicht nur daran, dass uns unsere Ungeduld antrieb, so bald wie möglich eine einsame Bucht zu besetzen; es lag auch an der eher abstoßenden Ästhetik der Marina in Rechlin, wo die Charterfirma Kuhnle nicht nur ihren Hauptsitz und ihre Werft, sondern mittlerweile auch einen eigenen Ferienpark gebaut hat: Das sogenannte Hafendorf Müritz lässt leider all die Geschmackssicherheit vermissen, die die Designer des „Kormorans“ bewiesen hatten. Die Ferienhäuser sollen vermutlich an die romantischen Bootshäuser erinnern, die an den Ufern der mecklenburgischen Seen verstreut sind, wirken aber mit ihren vier Stockwerken eher wie eine Fertighausausstellung. Und außerdem hatten wir ja nicht ein Boot gemietet, um uns in überfüllten Häfen Reling an Reling mit achtzig anderen Freizeitkapitänen zu drängeln, sondern weil das Versprechen, dem Lärm, der Hektik und dem Anblick jeder Art von Zivilisation zu entkommen, gleichsam inklusive war.

Am ersten Abend kamen wir bis kurz hinter die Kleine Müritz, wo wir, mit Blick auf ein paar der originalen reetgedeckten Bootshäuser, zum ersten Mal den schweren Anker hinunterließen. Am nächsten Tag übten wir das Manövrieren auf dem Müritzarm, auf dem uns der freundliche Betreiber eines Kanuverleihs für eine kleine Pause an seinem Steg festmachen ließ, was er beinahe bereut hätte. Zu viel Strömung und zu wenig Erfahrung drückten das Boot gegen den Steg, aber die Crew und der Helfer an Land konnten größeren Schaden verhindern. Immerhin wussten wir nun, warum die Kuhnle-„Kormorane“ bei den Einheimischen nicht nur liebevoll „Bügeleisen“ genannt werden, sondern auch unter dem Namen „Bums & Beule“ bekannt sind: Die eine oder andere leichte Karambolage ist nicht so ungewöhnlich. Seit der Einführung der sogenannten Charterbescheinigung im Jahr 2000 können in Deutschland viele Seen auch ohne Bootsführerschein befahren werden, sogar mit Booten bis 15 Meter und 15 PS Motorleistung. Das gilt, bis auf ein paar Ausnahmen, vor allem für Gewässer in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, und trotz des Spotts der Hafenbetreiber und Führerscheinbesitzer sind die Schäden, die selbst Stahlverdränger wie der „Kormoran“ verursachen, so lapidar, dass kaum jemand diese Maßnahme bereut.

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Wir fuhren weiter, durch die Müritz-Wasserstraße, meisterten die erste Schleuse mit Erfolg, und als dann vor uns das Schloss von Mirow auftauchte, fühlten wir uns längst souverän genug, um an der Schlossinsel anzulegen. Das Schloss, erbaut im Jahr 1752, wurde 2014 gründlich restauriert, und dass es nun ein wenig aussieht wie aus Lego, passt ganz gut zu dem Ruf, den seine früheren Besitzer, die Herzoge von Mecklenburg-Strelitz, bei ihren Zeitgenossen hatten: Friedrich der Große, der in seiner Zeit als Kronprinz von Preußen nur ein paar Kilometer von Mirow entfernt, in Rheinsberg, lebte, hielt sie für einfältig und trunksüchtig und nannte sie spöttisch „Mirokesen“. Dafür haben es vor allem die Töchter das Hauses weit gebracht: Luise von Mecklenburg-Strelitz heiratete Friedrich Wilhelm III. und wurde 1797 Königin von Preußen, ihre Schwester Friederike wurde 1837 Königin von Hannover, und ihre Tante Sophie Charlotte wurde als 17-Jährige mit Georg III. vermählt und war 57 Jahre lang englische Königin.

Seen und gesehen werden

Jener Sophie Charlotte, die eine leidenschaftliche Gärtnerin war, verdanken nicht nur die Strelitzien ihren Namen, sondern auch die Städte Charlotte in North Carolina und Charlottesville in Virginia. Davon, dass ungefähr zur selben Zeit, als wir auf der dem Schloss vorgelagerten Liebesinsel unter alten Bäumen sorglos picknickten, in Charlottesville der Hass tobte, bekamen wir nichts mit, was auch daran lag, dass seit Beginn dieser Reise der Blick auf die hässlichen Seiten der Welt verstellt war. Das war gewissermaßen der größte Erholungsfaktor dieser Ferien: Vom Wasser aus sahen wir nur die schöne Rückseite des Landes, sahen lebendige Tiere statt scheintoter Urlauber und die prachtvollen Fassaden der Seevillen statt ihrer geschmacklosen Interieurs, und die depressiven Zweckbauten des real existierenden Nachwende-Kapitalismus, die Lidl-Rossmann-Kik-Schachteln, die jedes noch so schöne Fachwerkstädtchen in ihren pragmatischen Schatten stellen, kamen uns von hier aus fast vor wie ein Gerücht.

Nicht immer ließen sich solche Zumutungen ganz ausblenden, weil auch viele der Boote, die uns auf dem Wasser begegneten, aussahen, als gäbe es sie beim Discounter. Vor allem einige der selbstgebauten Hausfloße waren eindeutig mit dem Wissen entworfen worden, dass einem ja als Passagier der Anblick des eigenen Bootes weitgehend erspart bleibt. Aber auch mit einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde war die nächste einsame Bucht nie weit entfernt.

Wir gingen trotzdem noch ein paarmal an Land, in Rheinsberg, wo uns weniger das Schloss lockte als vielmehr die berühmte Eisdiele mit den „365+“ Sorten, oder an einem Ort namens Flecken Zechlin, um auf der Seeterrasse der Landbäckerei Janke einmal zu überprüfen, ob die Seen vom Land aus genauso schön aussehen. Aber schon nach ein paar Tagen begann es eigenartig zu schwanken, wenn wir festen Boden unter den Füßen hatten, so dass wir das Schaukeln des Schiffes kaum erwarten konnten.

Am Nachmittag sprangen wir, wenn das Wasser tief genug war, vom Dach des „Kormorans“, am Abend grillten wir an Deck, und als wir morgens, nach unglaublich tiefem Schlaf, die nächste Etappe planten, richteten wir die Route eher nach der Schönheit der Ankerplätze aus als nach der Ausstattung der Häfen. Es war nie schwer, die herrlichsten Buchten zu finden – und dass wir manchmal nicht mehr wussten, wo wir waren: das lag nicht an unserem schlechten Orientierungssinn. Sondern allein daran, dass wir nach ein paar Tagen einfach nicht mehr glauben konnten, dass wir nur zwei Autostunden von zu Hause entfernt waren.

Der Weg aufs Hausboot

Anreise Das Hafendorf Müritz liegt zwei Autostunden von Berlin.
Bootsverleih Auf einer „Kormoran 85“ finden sieben Leute in drei Kabinen Platz – plus zwei zusätzliche Betten im Salon (Preis im Oktober 2300 Euro pro Woche), es gibt auch kleinere Boote, die in den Herbstferien (Kraniche!) noch buchbar sind, deutlich unter 1000 Euro/Woche.

Weitere Informationen Kuhnle-Tours, Telefon 039823 / 266 96, www.kuhnle-tours.de

Quelle: F.A.S.
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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