Vereinigte Staaten

Aus der Zukunft

Von Tobias Rüther
© Dave DiCello/Bearbeitung F.A.S, F.A.S.

Da steht ein Monster am Fluss. Zehn Tonnen schwer. Riesengroß, dunkel und mit Nieten gepanzert. Ein Ding von reiner Gewalt und brutaler Kraft. Aus einer anderen Zeit.

Man nennt dieses Monster die Bessemerbirne. Aber das klingt viel zu nett, wenn man eingeschüchtert davorsteht, am Ufer des Monongahela River von Pittsburgh. Auf Englisch heißt das Monster, das wie eine Urne aussieht und hier zum Denkmal gebändigt auf dem Station Square steht, Bessemer Converter. Es soll an eine Zeit erinnern, die kein Mensch in Pittsburgh mehr zurückhaben will. Auch wenn der Preis, sie hinter sich zu lassen, hoch war. Im Bessemer Converter wurde früher flüssiges Roheisen durch Luftzufuhr zu Stahl. Bei Temperaturen von bis zu 1500 Grad. Pittsburgh ist einmal die Metropole der amerikanischen Stahlindustrie gewesen – und auch die des Rußes und des Drecks und härtester körperlicher Arbeit, erledigt von Generationen von Einwanderern: Deutsche, Polen, Slowaken. Sie kamen, ertrugen die Hitze des Bessemer Converter und bauten Pittsburgh auf – und damit die Vereinigten Staaten. Denn aus Stahl – wer „Mad Men“ gesehen hat, erinnert sich – ist das Rückgrat Amerikas gemacht, the backbone of America.

Bis die Industrie in den siebziger Jahren in die Krise geriet. Ein Werk nach dem anderen musste damals schließen. Fast hundertfünfzigtausend Jobs gingen verloren. Mitte der Achtziger hatte sich Pittsburgh mehr oder weniger halbiert, so viele Menschen waren weggezogen. Nur dreihunderttausend sind geblieben. Wo der flüssige Stahl geleuchtet hatte, gingen jetzt die Lichter aus.

Dort, wo heute die Bessemerbirne steht, um an den Aufstieg und Fall einer ganzen Industrie zu erinnern, lag damals die Brache der Pittsburgh & Lake Erie Railroad. Entlang der Schienen waren Clubs eingezogen, hier ging man zum Tanzen hin – ein typischer Ort des Nachtlebens, das sich, um laut sein zu können, dorthin zurückzieht, wo keiner sein will, vor allem nicht, wenn es dunkel wird.

Das Mantra „Tomorrow“

Heute laufen am Station Square Kinder herum, ist das ganze Areal zum Ausflugsziel aufpoliert, samt Shopping Mall und jenen Restaurants, die man immer dort findet, wo Stadtrundfahrten starten und die nur für Leute da sind, die nicht von hier sind. „Free Crab Tomorrow“, steht an der Balustrade von „Joe’s Crab Shack“, wenn du morgen wiederkommst, soll das heißen, kriegst du die Krabben geschenkt: Und das ist einerseits nur ein lustig-blöder Werbespruch. Andererseits wirkt dieses große Tomorrow wie das Mantra dieser Stadt, wie das Versprechen, auf dem sie aufgebaut ist: dass es immer weiter geht und morgen, tomorrow, die Welt schon wieder etwas besser aussieht als heute. Anders hätte Pittsburgh, das vor dreißig Jahren ausgeknockt am Boden lag, nicht wieder so zurückkommen können: als optimistische, grüne Stadt, in der an der Zukunft geforscht wird.

Man kann das hier tatsächlich auf der Straße sehen. In Pittsburgh probiert der Uber-Konzern selbstfahrende Taxis aus. Und hin und wieder fahren die sogar an einem vorbei, im Strip District zum Beispiel, da biegt plötzlich so ein graues, großes Gefährt auf die Penn Avenue, und man wundert sich kurz, weil ja doch ein Fahrer am Steuer sitzt, aber der passt vielleicht nur auf seinen Passagier auf.

Die Bessemerbirne am Station Square. Aus der Brache der Schienenanlagen ist heute ein Ausflugsort geworden.
© Jeff Greenberg, F.A.S.

Vielleicht isst er auch gerade was, deswegen kommt man eigentlich in den Strip District, hier reihen sich italienische Metzger an griechische Käsereien und syrische Gemüsehändler und polnische Supermärkte, das Viertel wird immer voller, je länger der Tag dauert – und was man hier seit Generationen zu essen bekommt, Pierogi, Hummus, Biscotti, das erzählt genau wie die Bessemerbirne von der reichen Einwanderungsgeschichte dieser Stadt an drei Flüssen, dem Monongahela und dem Allegheny River, die sich zum Ohio River vereinen.

Dass Uber hierherzog, hat mit dem Forschungsstandort zu tun, der Pittsburgh seit langem für die Roboter-Technologie ist: Die Steuerungssoftware des Curiosity Rovers zum Beispiel, der im Herbst 2013 auf dem Mars gelandet ist, wurde am Robotics Institute der Carnegie Mellon University entwickelt, eine der großen Hochschulen, die sich auf den Hügeln von Pittsburgh angesiedelt haben. Uber hat dem Institut dann gleich ein paar Spitzenkräfte abgeworben. Stadtrundfahrten durch Pittsburgh führen ganz selbstverständlich hier oben hinauf, weil die Universitäten elementar zur Erfolgsgeschichte gehören, die Pittsburgh von sich erzählt: eine Stadt, gebaut aus den analogen Techniken des 19. Jahrhunderts, kollabiert am Ende des 20. Jahrhunderts – und wird dann wiederbelebt durch die Technologien und Wissenschaften für das 21. Jahrhundert. Roboterforschung, Medizin: Davon leben die Menschen in Pittsburgh heute.

Pittsburgh hat nichts mit Trumps Amerika zu tun

Und diese Menschen erzählen einem auch sofort und ungefragt, was für ein Unsinn es ist, dass Donald Trump die Schwerindustrie zurückbringen will. Nicht nur, weil sie den Dreck und den Schmutz nicht zurückhaben wollen, den das mit sich bringen würde: Sie wissen auch, dass dank der Automatisierung, an der hier in Pittsburgh geforscht wird, niemals wieder so viele Menschen in den Stahlwerken arbeiten würden wie früher, als hier die Schlote rauchten und die Fassaden der Stadt von einer Schmierschicht bedeckt waren. Und man muss das gar nicht selbst erlebt haben, man muss einfach nur vor so einer gewaltigen Bessemerbirne stehen, um zu verstehen, wie auszehrend diese Arbeit einmal gewesen ist, für Mensch und Umwelt.

Dass der amerikanische Präsident jetzt aus dem Klima-Abkommen aussteigen wird, weil er Politik für Pittsburgh, nicht für Paris machen wolle, zeigt nur, dass er länger nicht mehr hier gewesen sein muss. Pittsburgh hatte ohnehin für Hillary Clinton gestimmt. Erst wenn man die Stadtgrenzen verlässt und ins weiche Umland von Pennsylvania fährt, begegnen einem die „Make America Great Again“-Schilder, an den Stoßstangen von Pick-ups, in den Vorgärten.

Aber Trump ist eben doch vor kurzem noch in Pittsburgh gewesen, im Wahlkampf, zweimal sogar, im April und Juni 2016, und was er hier dann gesehen hat, wenn er es denn wahrnehmen wollte, war eine Stadt, die lebenswert geworden ist dank lauter Entwicklungen, die überhaupt nichts mit dem Amerika zu tun haben, das Trump wieder groß machen will: Grüne Technologie. Ethnische Vielfalt. Kleinteilige Stadtplanung. Windkraft. Und öffentlicher Nahverkehr.

Im Augenblick der größten Depression, 1984, hatte Pittsburgh begonnen, eine U-Bahn zu bauen. Zwei Linien gibt es, das Ticket kostet 2,50 Dollar. Natürlich ist Pittsburgh noch immer eine Stadt für Autos, wir sind schließlich in Amerika, das Geflecht der Highways wirkt wie in den meisten Städten auch hier so, als wollten sie den Vierteln, die dazwischenliegen, die Luft abschnüren. Aber in Pittsburgh sind in den letzten Jahren auch Fahrradwege eingerichtet worden, die Stadtverwaltung schreibt vor, dass dort, wo neue Gebäude entstehen, immer auch an Grünflächen gedacht wird – innerstädtisch gibt es hier nur wenige Parks. Pittsburgh muss ein ziemliches Loch gewesen sein, als der Stahl hier noch gehärtet wurde.

Kleiner und leiser zu neuer Größe

Es ist ein bisschen wie mit der Lower Eastside von New York, die mal ein finsteres, stickiges Viertel von Manhattan war, wo die Einwanderer auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. Heute ist die Gegend unbezahlbar. Und genauso ist aus dem Einwandererviertel am Monongahela River, der Southside, eine begehrte Gegend geworden, zum Ausgehen, zum Leben. Hier stand einmal ein Werk der Jones and Laughlin Steel Company, mitten in der Stadt – als es schloss und die Arbeiter wegzogen, verfielen auch ihre kleinen Reihenhäuser, die sie zurückgelassen hatten, manche konnte man dann für einen Dollar kaufen.

Wer das damals gewagt hat, ist heute ein glücklicher Mensch. Denn heute will man hier sofort wohnen. Heute fährt man bei der Stadtrundfahrt die East Carson Street entlang und schaut durch weit offene Fenster in Restaurants, wo schöne, junge, durchweg tätowierte Menschen Lunch essen. Das Werk ist verschwunden, ein neues Stadtviertel ist an seiner Stelle entstanden, weitläufig und grün, achtzehn Jahre hat das gedauert. Auf der Rundfahrt sind auch ein paar einheimische Damen dabei, die ihre eigene Stadt erkunden wollen, aber als sie merken, dass sie im Bus neben Deutschen sitzen, fragen sie besorgt nach den ganzen vielen Einwanderern, von denen sie im Fernsehen gehört haben, die Lage sei doch sehr gefährlich, was mache man nur mit denen? Sie lassen sich dann zwar beruhigen – aber die Pointe, dass diese Damen, während sie so daherreden, ein Viertel bestaunen, das es ohne Einwanderung ärmster Menschen aus desolaten, kriegsversehrten Weltgegenden gar nicht gäbe, genau wie ihre Stadt, genau wie ihr Land, entgeht ihnen.

Pittsburgh ist eine typische amerikanische Stadt im 21. Jahrhundert, wie Seattle oder Philadelphia: All diese Städte versuchen, öffentlichen Raum zu schaffen, am Fußgänger Maßstab zu nehmen oder am Radfahrer, die Leute ziehen wieder nach downtown Pittsburgh, seit zehn Jahren, das ist neu, das passiert auch anderswo. Kleiner zu werden, leiser und offener für die Bedürfnisse ihrer Bewohner hat diese Städte wieder großgemacht. Das ist nicht ganz Amerika. Aber mittendrin.

© F.A.Z., F.A.S.

Der Weg nach Pittsburgh

Anreise Ab diesen Juni fliegt Condor bis Ende September zweimal die Woche von Frankfurt direkt nach Pittsburgh (Preise und Informationen unter www.condor.com). Delta Airlines startet ab Paris direkt nach Pittsburgh (www.delta.com), mit United Airlines ist es mit Zwischenstopp in New York möglich (www.united.com).

Unterkunft Das Hotel „Priory“ im Stadtteil Germantown ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, das Mitte des 18. Jahrhunderts von deutschen Mönchen gegründet wurde (www.thepriory.com).

Stadtführungen Um eines der beliebtesten Viertel von Pittsburgh zu erkunden, den Strip District, bietet sich die „’Burgh, Bits & Bites“-Tour an, ein kulinarischer Spaziergang quer durch die Küchen der Einwanderer (www.burghfoodtour.com).

Kunst Aus einer slowakischen Einwandererfamilie stammt der wohl berühmteste Sohn der Stadt, Andy Warhol: Sein Museum zeigt auch Filmaufnahmen aus dem verrauchten Pittsburgh der Stahlzeit (www.warhol.org).

Weitere Informationen unter www.visitpittsburgh.com

Quelle: F.A.S.
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