Südafrika

Jenseits von Gnu und Löwe

Von Oliver Maria Schmitt
© Oliver Maria Schmitt, F.A.S.

Gesondheit, cheers, kwa siha yako! Da steht das Nashorn prall und bullig in der Botanik und äugt mich an. Ich hebe das Glas und proste ihm zu. Mit Sauvignon Blanc. Unter den fünf großen Rebsorten Südafrikas habe ich genau diese ausgewählt, weil beide, Tier wie Wein, eine sehr charakteristische Nase haben, an der man sie sofort erkennt. Golden schimmert der Trunk im Glas, mit grünlichen Reflexen. So wie der Urin, mit dem das Rhinozeros sein Revier markiert. Keine Frage - Wein und Tier, sie harmonieren hier.

Und bei den Elefanten? Kaum hat unser Landrover die nächste Anhöhe im Gondwana-Wildreservat erklommen, sehen wir sie auch schon: prächtige Muttertiere, die ihre Kälbchen nicht aus den Augen lassen. Ein Dickhäuter hebt den Rüssel zum Gruß, ich proste zurück, diesmal mit Cabernet Franc. Auch dieser tiefrote Tropfen passt bestens zum Tier, er kommt wuchtig, schwer, ja elefantös daher. Schon die Traube selbst mit ihrer ledrigen Schale ist ja ein echter Dickhäuter. Perfektes Pairing Nummer zwei.

Ranger Felix wendet den Wagen, nun suchen wir Büffel. Sanft rollen die grünen Hügel über die Kapspitze Südafrikas, wir holpern durch den Fynbos, grünes Land aus Blumen, Büschen und Sträuchern, einer der artenreichsten Winkel der Erde. Vorbei an einer Zebraherde, in der Ferne kreuzen Antilopen und Springböcke. Doch dafür habe ich jetzt keinen Sinn, ich will nur die „Big Five“, die fünf legendären Großtierarten. Ich will sie sehen und schmecken, ich will wissen, ob man sie auch trinken kann - als vinifizierte, abgefüllte und verkorkte Traubenflora, als Big Five der südafrikanischen Weine.

Big five, 1: Nashorn, Elefant, Büffel, Löwe und Leopard

Da vorne! Da steht ein Schock Büffel herum und käut den Feinbusch wieder. Dem Hornvieh proste ich mit einem kräftigen Pinotage zu. Die extrem würzige Spätburgundervariante passt gut zum Wild. Sie ist ein echter Südafrikaner, wurde dort erfunden und wächst in Massen, genau wie der würzig müffelnde Kaffernbüffel. Friedlich taxiert er mein seltsames Treiben, doch der Schein könnte trügen. Unter den Big Five gelten die Rindviecher als die gefährlichsten Tiere, sie töten weitaus mehr Menschen als Löwen. Schließlich heißen die großen Fünf nicht so, weil sie besonders groß sind, sondern weil die Jäger der afrikanischen Kolonialzeit besonders großen Respekt vor ihnen hatten. Weil diese Fünf nach einem nicht immer todbringenden Schuss oft noch auf ihre Mörder losgingen. Deswegen gehört die riesengroße Giraffe auch nicht zur berühmten Fünfergruppe aus Nashorn, Elefant, Büffel, Löwe und Leopard.

Weintrinken bis man Elefanten sieht  - grau und rosa.
© Oliver Maria Schmitt, F.A.S.

Was aber nicht tragisch ist, denn Giraffen können mit Wein eh nichts anfangen. Gestern ging ich in der Dämmerung spazieren, die Sonne tropfte gerade als merlotfarbener Rotweinrand hinter die Kette der Outeniqua-Berge, da kreuzte ein Giraffenpärchen meinen Weg. Ich prostete den Langhälsen mit einem Sauvignon Blanc zu, er harmonierte irgendwie mit der Fellfarbe, doch die beiden wandten sich nur angewidert ab. Zu Recht, denn der fett aromatische Tropfen passte geschmacklich gar nicht zu den schlanken, filigranen Gestalten.

Plötzlich brauste Felix im Landrover heran. Er war aufgeregt und wollte wissen, warum ich so was Verrücktes machte. „Weil ich auf Wein-Safari bin.“ - „Das meine ich nicht. Sie können auf einer Safari machen, was Sie wollen, auf Swahili bedeutet Safari jede Art der Reise, das kann auch nur ein Spaziergang sein. Aber Sie dürfen nicht alleine außerhalb des bewachten Campgeländes spazieren! Hier sind Löwen unterwegs!“

Big five, 2: Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Pinotage, Sauvignon Blanc und Merlot

Blödsinn, dachte ich - die waren doch gestern Abend noch ganz woanders, zehn Kilometer entfernt in einem Seitental des riesigen Gondwana-Reservats. Als wir sie aber anderntags genau dort trafen, wo Felix mich eingesammelt hatte, wurde ich ganz still. Da lief sie vor uns vorüber, die stolze Mutter mit ihren beiden halbwüchsigen Söhnen: fast ausgewachsene, sehnig drahtige Tiere, cool und majestätisch. Nur jagen konnten sie noch nicht. Sie mussten ihre Mutter dabei beobachten, blutlüstern und hungrig. Als ich ihnen vom Fahrzeug aus mit einem Cabernet Sauvignon zuprostete, dem unbestreitbaren König der Reben, hielten sie für einen Moment inne. Und fixierten das blutrote Getränk. Ich nahm Haltung an und leerte das Glas. Dann gingen sie weiter. Und ich schmeckte die Löwen in der wuchtigen, muskulösen Kreszenz nach.

Es spricht ja absolut nichts dagegen, die fünf wichtigsten Rebsorten Südafrikas - Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Pinotage, Sauvignon Blanc und Merlot - mit den Big Five zu vergleichen. Ich habe mir die Aufgabe nun mal gestellt, jetzt ziehe ich sie auch durch. Wobei der Merlot leider offen bleiben muss, weil der dazugehörige Leopard nicht zu finden ist.

Dabei ist Kamerad Tier durchaus auch mal für einen gepflegten Zug durch die Gemeinde zu haben. In Skandinavien torkeln jedes Jahr trunkene Elche durch die Wälder, weil sie ihren Wiederkäuermagen mit gut nachgärenden Äpfeln beballert haben. In der Nähe der australischen Stadt Darwin kommt es alljährlich zu feuchtfröhlichen Papageienpartys, wenn randvolle Rotnackenloris nach dem Genuss vergorener Beeren flugunfähig von den Bäumen fallen, um dann als desorientiertes Bodenpersonal weiterzufeiern. In den Vereinigten Staaten beobachtete man sogar tödliche Kollisionen natterbreiter Finken und Stare, nachdem sie sich mit vergorenen Beeren abgeschossen hatten. Und auf der Karibik-Insel St. Kitts haben sich eingeschleppte Grünmeerkatzen darauf spezialisiert, Touristen die Cocktails zu entwenden und selbst zu verkasematuckeln. Es gibt zwar auch Abstinenzler unter diesen Affen, zwölf Prozent jedoch, so belegt eine berühmte Studie, sind starke Trinker und fünf Prozent steigern ihren Vollrausch gar bis zum Exzess.

Weinverkostung in der Wildnis

So weit will ich es selbst aber nicht kommen lassen. Ich bedanke mich bei Felix für den Feinbusch-Fahrdienst, verlasse das Reservat und fahre auf der Garden Route durch fruchtbares Acker- und Plantagenland und riesige grellgelb leuchtende Rapsfelder zurück Richtung Kapstadt. Erwartungs- und getränkedurstig rolle ich den majestätischen Sir Lowry’s Pass hinunter und biege rechts ab nach Stellenbosch, vorbei an Reben und alten kapholländischen Häuschen. Das lauschige kleine Universitätsstädtchen ist nach Kapstadt die zweitälteste weiße Siedlung in Südafrika.

Der Klippschliefer gehört nicht zu den Big Five.
© Oliver Maria Schmitt, F.A.S.

„Ja, wir sind so was wie das Bordeaux Südafrikas“, sagt Kevin Arnold, der wiederum trotz seiner weißen Haare so was wie die graue Eminenz des Kap-Weinbaus vorstellt. Der hochgewachsene, drahtige Mann bugsiert mich in seinen Landrover, und schon kann die Wein-Safari durch die weitläufigen Lagen des Waterford Estate losgehen. Seit seiner Gründung 1997 leitet Arnold das Weingut. Es liegt außerhalb des Städtchens im schönen Blaauwklippental, zwischen den einzelnen Lagen blitzen Seen und kleine Tümpel, blinken Nadelkissen-Silberbäume im Schatten des mächtigen Helderbergs.

Mitten im Weinberg wird angehalten und ausgepackt, weiße Tischdecke und polierte Gläser, die Jagd auf kompetente Wein-Tier-Vergleiche ist eröffnet. Arnold öffnet einen 2009er Sauvignon Blanc, einen kräuterigen, fruchtigen Tropfen, und noch bevor ich „typisch Nashorn“ sagen kann, hält er sein Glas gegen die Sonne, schmatzt, kaut, schluckt und sagt: „Diese Kraft, diese Eleganz, wie der abgeht - das ist eine Antilope. Vielleicht sogar ein Impala!“ - „Ich habe ihn eher als Nashorn getrunken“, erwidere ich. „Big Five, Sie verstehen. So will ich die Weine einordnen.“ Und zwinkere. Beim nachfolgenden Cabernet Franc will ich gerade anfangen, an einen Elefanten zu denken, da ist Arnold schon damit fertig: „Ich denke an ein Zebra.“ - „Aber das Zebra gehört auch nicht zu den Big Five!“ Arnold schenkt mir einen mitleidigen Blick.

Immer wenn ich auf mein tierisches Klassifizierungssystem hinauswill, schlägt er etwas anderes vor. Ein großer, fetter Shiraz ist für ihn wie ein Elefant, obwohl die Rebsorte gar nicht zu den großen Fünf gehört, und seine Premium-Cuvee „The Jem“ ist gar aus acht Rebsorten gemacht. „Der ist nicht nur kraftvoll wie ein Leopard“, schwärmt er, „dieser Wein repräsentiert für mich unsere Regenbogennation Südafrika! Viele Rebsorten wirken zusammen, um das Beste zu werden, das wir haben.“ Aber was hat das mit meiner Weinsafari zu tun? Vor lauter Aufregung kippe ich etwas zu viel vom Zebrawein in mich rein, dann noch vom Impala und von diesem angeblichen Leoparden auch.

Kater und Elefanten

Am nächsten Morgen lerne ich ein völlig neues Tier kennen: den südafrikanischen Stellenbosch-Kater. Er hatte sich heimlich über Nacht angeschlichen, als ich in einer viel zu gut sortierten Weinbar mein Forschungsgebiet noch einmal Tierart für Tierart nacharbeitete, bis ich schließlich extrem seltene rosa Elefanten sah, einige davon sogar doppelt.

Leider kann ich die Ergebnisse nicht mehr lesen, obwohl ich sie groß und deutlich auf meiner Handinnenfläche notiert habe. Der Kopf schmerzt, ich tapere die Dorpstraat auf und ab. Wird mir Kevin Arnold meinen Auftritt als deutscher Erbsenzähler jemals verzeihen? Immerhin hatte er die Größe, mich seine Verachtung nicht spüren zu lassen. Ich tue mir selbst leid, kultiviere mein schlechtes Gewissen, und je länger ich mich in diesem quirligen Weindorf herumtreibe, desto schlechter wird es.

Im Township Kayamandi, das direkt an Stellenbosch grenzt, sitze ich mit Mama Swartbooi am Tisch ihres kleinen Gästehauses, und sie erzählt bei selbstgemachtem Ginger Beer von der Apartheid, dem totalen Alkoholverbot für Schwarze und von den Shebeens, den illegalen Kneipen zwischen den Holz- und Wellblechhütten. Wer ein solches Ingwerbier brauen könne wie sie, lacht Mama Swartbooi, der brauche doch weder Kneipen noch Wein. Und wir stoßen auf Nelson Mandela an.

Der Winzer Kevin Arnold macht seit fast zwanzig Jahren Wein im Blaauwklippental.
© Oliver Maria Schmitt, F.A.S.

Dieses stolze, bewegende und freundliche Südafrika! Und seine freundlichen Menschen! Einen Abend verbringe ich im Haus einer Familie, die früher die Bezeichnung „farbig“ im Pass stehen hatten. „Dinner with locals“: Es gibt indisch-afrikanische Köstlichkeiten und Plaudereien mit Künstlern, Heimatforschern und Ingenieuren, allesamt Nachfahren indischer Sklaven, die mir von den unmenschlichen Lebensbedingungen unter weißer Rassistenherrschaft berichten. Geschwister, die - behördlich genehmigt - in eine andere „Rasse“ geheiratet hatten, durften einander nicht mehr besuchen. Und das ist noch gar nicht so lange her. Die schrecklichen Erinnerungen lösen sich in Gelächter und munter strömendem Kapwein auf. Als ich wieder mal auf den Vergleich mit den Big Five hinauswill, lacht der Ingenieur und zeigt mir das Etikett des Merlots, den wir gerade vernichten: eine Giraffe ist darauf zu sehen, und darunter steht „Tall horse“, großes Pferd. „Da wurde die Giraffe einfach umbenannt“, ruft der Heimatforscher und lacht, „so wie wir! In unseren Apartheid-Pässen hatten wir Nummern, die uns als indisch, malayisch, kap-farbig oder anders-asiatisch auswiesen - obwohl wir alle ganz normale Menschen sind.“

Im Traditionsweingut Kleine Zalze vor den Toren Stellenboschs treffe ich Kellermeister Alastair Rimmer. Der junge stämmige Mann mit dem blonden Stoppelbart hat bereits drei Flaschen seines Cabernet Sauvignon entkorkt, doch anstatt mir damit drei Löwen einzuschenken, besteht er eisern auf Elefanten. „Der Löwe, sagt er und schwenkt kontrastierend einen Weißen, „der ist doch wie dieser Chenin Blanc - wild, elegant und muskulös zugleich.“ Nach einem Testschluck muss ich ihm recht geben. Dann machen wir uns über einen überraschend fruchtigen und knackigen Chardonnay her, den er unumwunden zum Leoparden erklärt.

„Aber Chardonnay ist doch keine Big-Five-Rebsorte“, meckere ich, was den verträumt an seinem Glas schnüffelnden Rimmer nicht die Bohne zu interessieren scheint. Was ich denn immer mit diesem komischen Big-Five-Ding hätte - es gebe doch hier im Land viel mehr und viele interessante Rebsorten! Und Tierarten erst recht! Ob ich den „Small Five“ auch schon Weine zugeordnet hätte? „Wie - die kennen Sie gar nicht? Nashornkäfer, Büffelweber, Ameisenlöwe, Elefantenspitzmaus und Leopardenschildkröte!“ Das seien die „kleinen Fünf“ - genauso schön und bedroht wie ihre großen Pendants. Aber viel schwerer aufzuspüren! Die solle ich erst mal in Weine übersetzen, da hätte ich genug zu tun. Und überhaupt: der niedliche, süße Klippschliefer, der an den Küstenklippen in der Sonne döse - sei der nicht wie ein süßer Mourvèdre, den man zum Dessert schlürfe?

Zum Teufel mit der Klassen-, Rassen-, Arten- und Sortengesellschaft!

Dabei traktiert mich der Kellermeister unablässig mit seinen phantastischen Cabernet Sauvignons, die über derart komplexe animalische Noten verfügen, dass man fast einen Zoo zu trinken glaubt. „Und überhaupt - der Cinsaut!“, schreit er plötzlich. Das sei doch die unterschätzteste Rebe überhaupt in Südafrika, der schmecke völlig eigenständig, ja unverwechselbar! Ja, das sei doch der Elefant unter den Weinen! „Moment mal, das ist doch der Cabernet Sauvignon, das hatten wir doch schon festgelegt“, hake ich ein. Und weil Rimmer unablässig nachschenkt, löst sich meine Zunge nachhaltig. Ich werde sentimental, beklage die Schwierigkeit, die Weine den Tieren korrekt zuzuordnen, und heule herum, dass meine Big-Five-Safari ja wohl irgendwie und im Prinzip gefloppt sei.

Ach was, ruft da der Kellermeister, ich finge doch gerade an zu begreifen, wie bunt und vielgestaltig und reich dieses Land sei. Das alles einzuordnen und zu klassifizieren, das sei hier ja schon einmal gescheitert. Das brauche doch kein Mensch mehr!

Ja. Der Mann hat recht! Zum Teufel mit der Klassen-, Rassen-, Arten- und Sortengesellschaft! Vor der Flasche sind wir alle gleich! Ich bereue meinen kleinlichen Ordnungswahn und ertränke ihn in einem seidig-sanften Pinot Noir, den wir sofort und eindeutig als Pavian (ich) beziehungsweise als Gnu (Rimmer) einstufen. Ein anschließend gereichter Gamay Rosé erinnert mich sofort an dieses kleine, pelzige Tier, auf dessen Namen ich jetzt nicht komme, während Rimmer das Gesöff nach längerem Nachschmecken und -schmatzen zielgenau als Brillenpinguin einstuft. Die müsse ich mir auch noch anschauen, bei Boulders Beach, diese Pinguinkolonien - die seien ja soooo süß, hihihi! Darauf einen beerenfruchtigen Gamay Noir und dann noch einen und . . .

© F.A.Z., F.A.S.

Der Weg zum Wein

Anreise South African Airlines fliegt täglich ab Frankfurt nach Kapstadt ab 684 Euro, www.flysaa.com. Weiter per Leihwagen in 20 Min. nach Stellenbosch oder in vier Stunden zum Gondwana Game Reserve

Hotel In Kapstadt das „Cape Grace“, entspanntes Luxushotel am Yachthafen, www.capegrace.co.za, DZ ab ca. 400 Euro. In Stellenbosch: „Lanzerac Manor“, historisches Landgut, DZ ab 150 Euro, www.lanzerac.co.za

Weinsafaris bucht man über die Hotels oder beim Weingut. Etwa Waterford Wine Estate, 35 Euro p. P., www.waterfordestate.co.za

Tierbeobachtungen im Gondwana Game Reserve: In der Nähe von Mossel Bay liegt das malariafreie Wildreservat. Es bietet auch luxuriöse Rundhütten mit Pool, gondwanagr.co.za, DZ ab 300 Euro

Informationen zum Wein unter www.wineroute.co.za, zu Südafrika unter www.dein-suedafrika.de

Quelle: F.A.S.
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