Wie wird der Winter?

Schnee von morgen

Von Andreas Lesti
 - 11:47
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Beginnen wir vielleicht mit den Meldungen der vergangenen Wochen und Monate: Der Winter 2017/18, verkündete eine russische Nachrichtenagentur im September, würde der „kälteste Winter seit 100 Jahren“ und berief sich auf britische Klimaforscher, die ein „Sonnenflecken-Minimum“ entdeckt haben wollen. Vier Wochen später erklärten österreichische Skigebietbetreiber, dass sie wegen der ausgeprägten Hurrikan-Saison in der Karibik mit einem pulverschneereichen Winter in den Alpen rechneten. Und kurz darauf prophezeiten in der Schweiz die „Muothaler Wetterschmecker“ einen „g‘hörigen Winter“ mit viel Schnee, viel Sonne und weißer Weihnacht.

Meteorologisch gesehen ist nichts davon haltbar, weil sich das Wetter nicht über zwei Wochen hinaus voraussagen lässt. Und erst recht kein ganzer Winter. Aber es zeigt, wie anfällig vor allem die Wintersportbranche in den Alpen für dubiose Vorhersagen ist. Es scheint so, als wünsche man sich dort nach drei schneearmen Wintern nun den „Jahrhundertwinter“ herbei. Und weil seriöse Wetterexperten dazu nicht im Stande sind, bemüht man Bauernregeln („Ist‘s in der ersten Augustwoche heiß, bleibt der Winter lange weiß.“ „Andreasschnee bleibt 100 Tage liegen.“), den „Hundertjährigen Kalender“ (sagt für diesen Winter „unlustiges Wetter im Dezember“, „Schnee im Januar“ und „Kälte im Februar“ voraus) die russische Nachrichtenagentur, deren Sonnenflecken-Meldung schon im November 2016 in die Welt geschickt wurde, nimmt jedem rauschebärtigen Scharlatan bereitwillig ab, dass bald mehrere Meter Neuschnee fallen. Unter diesen Propheten taugt fast alles zur Vorhersage: Spitze Ameisenhügel, lautes Heuschrecken-Zirpen und pralle Eichhörnchen-Vorräte, aufgeschnittene Zwiebel, hochfrequente Flügelschläge von Hummeln, Bienen, Wespen und Mücken, ambitionierte Froschklettereien und Krötenwanderungen sowie frühe Wildgänse- und Kranichzüge. Manche lesen sogar in sezierten Schweinelebern den kommenden Winter. Manche Praktiken bewegen sich am Rande des Exorzismus.

Vergleichsweise harmlos ist da Josef Haslinger, besser bekannt als Haslinger-Sepp, Urbayer und ehemaliger Hüttenwirt. Er beobachtet seit Jahren den Blütenstand der Königskerze. In Benediktbeuren, am Rande der Alpen, prüft er im Herbst die Knospen der hochgewachsenen Pflanze. Sind sie geschlossen, dann kommt kein Schnee. In Oberbayern hat Haslingers Vorhersage durchaus Bedeutung. Räumdienste und Streusalz-Händler konsultieren ihn – obwohl er in den vergangenen drei Jahren immer falsch lag mit seinen Prognosen.

Der Scheitel der Feldmaus

Etwas schlauer stellen es die „Muothaler Wetterschmecker“ aus der Zentralschweiz an. Ganz einfach, weil sie jedes Jahr im Herbst sechs verschiedene Prognosen abgeben und die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen Recht behalten wird, damit relativ hoch ist. Wobei ihre betont humoristisch und in unverständlichem Schwyzerdütsch vorgetragenen Prognosen auch nicht ganz ernst gemeint sind. Sie wühlen in Maulwurfhügeln, legen sich in Ameisenhaufen und essen Sägemehl. Vier von sechs prophezeiten diesmal einen guten Winter. Was Martin Horat, das ist der mit den Ameisen, genau gesagt hat, haben wir leider auch nur sehr bedingt verstanden. Es ging aber in eine für Wintersporter recht erfreuliche Richtung: Man brauche keine Schneekanonen, und die Wintersportler sind so im Stress, dass sie morgens nicht mal Zeit haben aufs Klo zu gehen. Sein Kollege Martin Holdener beobachtet dagegen Feldmäuse – und deren Frisuren. Alle haben den Scheitel dieses Jahr auf der gleichen Seite, „von rechts nach links, das heißt Nordwest-Wind, Nordwind, Südostwind, die bringen Schnee, Kälte und Sonnenschein.“ So einfach ist das.

Die „Wetterschmecker“ sind in einem Verein organisiert, in dem vor vielen Jahren auch der Schweizer Wetterexperte Jörg Kachelmann Mitglied war. Doch weil er an deren wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit zweifelte ist er ausgetreten. Wenn man heute mit Jörg Kachelmann über Winterprognosen spricht (Gesprächsbedingung war: „Solange Sie nicht fragen, wie der Winter wird.“), dann fällt auf, dass Kachelmann fast nicht hinterherkommt, all die Thesen und Theorien mit „völliger Blödsinn“ zu kommentieren. Der Jahrhundertwinter? „Völliger Blödsinn.“ Sonnenflecken? „Das weiß niemand.“ Die Hurrikane-Saison in der Karibik? „Völliger Blödsinn.“ Wettervorhersagen für einen ganzen Winter seien generell nicht möglich, sagt Kachelmann. Aber gerade hierzulande würde man gerne das Gegenteil glauben. „Deutschland ist die Zentrale des Aberglauben und der Scharlatanerie“, sagt Kachelmann. „Jeder hinterletzte Schwachsinn hat eine Chance.“

Auch Biowetter, Wettereinflüsse des Mondes und Wetterfühligkeit seien für ihn typisch deutsche Phänomene, die er auf die „Externalisierung von Verantwortung“ zurückführt. „Wenn es uns schlecht geht, muss irgendetwas anderes Geheimnisvolles daran Schuld sein.“ Dabei würde man immer davon ausgehen, dass das Wetter eine Art denkendes Wesen ist. „Ich frage mich immer wie das geht? Wie soll denn das Wetter das machen? Sagt es sich, okay, vor zwei Wochen habe ich diesen Hurricane in der Karibik gemacht und deswegen mache ich jetzt ein Hoch über Skandinavien?“

Nur für die Harten
Marathon bei minus 25 Grad
© reuters, reuters

Und was rät Kachelmann nun den Schneesportlern und Wintersportgebieten? „Ich würde jeden Tag in der Kirche eine Kerze anzünden, immer wieder. Denn das ist nicht bewiesen, dass das nicht funktioniert. Alles andere ist – völliger Blödsinn.“ Und dann sagt er noch diesen motivierenden und völlig unspekulativen Satz aus der kalten Realität dieser ersten Dezembertage: „Die Wintersportsaison geht gut los, mit genialen Verhältnissen auf der Alpennordseite.“

Karl Gabl ist einer der alpinen Wetterexperten Österreichs. Der Meteorologe aus Tirol hat über Jahrzehnte hinweg Höhenbergsteiger in der ganze Welt mit zum Teil überlebenswichtigen Vorhersagen versorgt. „Wenn mich jemand fragt wie der Winter wird, dann sage ich: Ruf bei den Indianern in den USA an. Wenn sie viel Holz gesammelt haben, dann wird es ein strenger Winter.“ Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Beim Wetter brauchst du dir nur einen langen Bart wachsen zu lassen und dann kannst du mitreden.“ Tatsächlich können Meteorologen das Wetter derzeit bis zu fünf Tagen sehr zuverlässig voraussagen. Alles was über einen Monat hinaus geht nennt Gabl „Motivationsprognosen ohne wissenschaftliche Grundlage.“ Der Deutsche Wetterdienst, das Max-Planck-Institut und die Klimaforscher vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung tüfteln zwar seit langem und mit hohem Aufwand an zuverlässigen Langzeitprognosen, der Erfolg hält sich bis jetzt aber in Grenzen.

Die Winter werden kompakter

„Langfristig lassen sich allenfalls Tendenzen festmachen“, sagt Gabl: „Zu warm, zu kalt, zu feucht oder zu trocken.“ Für die Winter gilt seit einigen Jahren klimaerwärmungsbedingt: zu warm. Sieben von elf Wintern waren in den vergangenen Jahren wärmer als der Durchschnitt. „Dadurch“, erklärt Gabl, „werden die Winter kompakter. Der Boden ist wärmer und der Schnee bleibt zu Beginn des Winters später liegen und schmilzt am Ende schneller weg.“ Zugleich würden – und nun kommt die gute Nachricht für Wintersportler – die Bedingungen in den Alpen besser und stabiler: Wärmerer Schnee haftet und setzt sich besser, die Lawinengefahr nimmt ab. Zu einer langfristigen Einschätzung lässt sich Gabl aber dann doch hinreißen: „Die Atmosphäre ist gerade sehr aufgeladen. Wenn es so turbulent zugeht, dann ist die Chance da, dass es einen guten Winter gibt.“ Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Aber das ist nur eine Spekulation von mir. Und vielleicht ist es für die Skigebiete auch ganz gut, dass sich der Winter nicht voraussagen lässt“. Gabl erinnert an das Jahr 1989. Damals habe es in den Alpen im Februar das erste Mal geschneit. „Wenn man das gewusst hätte, wäre doch keiner hingefahren.“

Ungeachtet aller Prognosen läuft in den Skigebieten die Kunstschneeproduktion seit Wochen auf Hochtouren. Sobald es kalt genug ist für die Schneekanonen werden diese mit Wasser gespeist und schleudern Kunstschnee auf die Pisten. Selbst wenn es im November schon schneit. Dafür ist das Risiko, nicht rechtzeitig eröffnen zu können, einfach zu groß.

Der November ist der Vorfreudemonat der Ski- und Snowboardfahrer. Die Schneesportindustrie kurbelt die Lust auf den Winter mit weiß stahlenden Glitzerfotos, Filmen, Prospekten und Produkten bewusst an. Da wird auch immer wieder fasziniert über die Vorstellung eines „Jahrhundertwinters“ gesprochen. Doch niemand dürfte ernsthaft Interesse an diesem Superlativ haben. Nicht einmal die Skigebiete. Denn derartige Winter, das zeigten die Jahre 1951, 1954, 1975 und 1999, waren Katastrophenwinter. 1999 dachte viele, die Naturgewalten mit Verbauungen und moderner Technik im Griff zu haben. Dann verschüttete eine Lawine den Ort Galtür in Tirol und tötete 31 Menschen. Auch in Frankreich und in der Schweiz forderten verheerende Lawinen viele Menschenleben. Und selbst wenn man mittlerweile aus den Fehlern gelernt und vorgesorgt hat, stürzen große Schneemengen die Städte im Flachland immer wieder ins Chaos und in den Bergen werden ganze Täler von der Außenwelt abgeschnitten. Lawinen verschütten Liftstationen und aus Sicherheitsgründen sind viele Skipisten dann tagelang gesperrt. So wie im Februar 2014 in Südtirol, Osttirol und Kärnten. Davon hat dann auch niemand etwas.

In Buch am Ammersee seht die „Altbayerische Wetterstation“. Dabei geht es um die Realität eines „Stoa“, also eines schwarzen Steins. „Stoa feicht“ steht da: „Regen“. Und: „Stoa weiß: Schnee“. Das ist genauso hilfreich wie das holzgeschnitzte Schild, das im Tiroler Lechtal die präzise meteorologische Weisheit verkündet: „Wenn‘s Wetter so bleibt, isch‘s morgen genauso wie heit“. Das erfüllt zwar nur sehr bedingt das Wesen der Vorhersage – dafür trifft es immer zu.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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