Portland, Jamaika

Ein Strand für alle

Von Barbara Liepert
 - 17:22
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Das Paradies liegt nicht da, wo es alle vermuten. Der Strand, der Jamaika zum Sehnsuchtsziel für die Massen aus aller Welt gemacht hat, liegt ganz im Westen der Westindischen Insel und ist bemerkenswert lang: elf Kilometer. Tatsächlich ist der Seven Mile Beach von Negril so weiß und fein wie Puderzucker, so wie man es seit den 1970er Jahren in jedem Karibikkatalog sehen kann. Er fällt sanft und sehr langsam ins Meer ab, man könnte leicht eine ganze Kindergartengruppe alleine beaufsichtigen, in diesem Wasser würde man gern den ganzen Tag verbringen, wäre da nicht die immerzu energisch brennende Sonne und das, was man gerne ausblendet, wenn man auf der Suche nach Wärme um die halbe Welt geflogen ist: Horden von Springbreakerinnen mit zu enger Badebekleidung und zu viel Glitzer im Gesicht. Pauschalreisekleingruppen, die ihren jamaikanischen All-inclusive-Resortanlagen (entweder im toskanischen Villenstil oder in retroneoklassizistischer Bunkeranmutung) auf der Suche nach etwas entflohen sind, das im Prospekt „Lokalkolorit“ heißt. Und dann wären da noch die professionellen Anschnacker, die sich auf die beiden Spaziergängergruppen konzentrieren. Die Sonne versinkt an wenigen Orten so vielfarbig und postkartendramatisch im Meer wie am Seven Mile Beach – aber was vor dieser Kulisse geboten wird, ist nicht Jamaika, sondern die böse Karikatur, die eine bestimmte Form von Tourismus daraus gemacht hat.

Ein normaler Sonntag am Strand

Wer sich dafür interessiert, wie die normalen Leute in der Karibik den Sonntag am Strand verbringen, muss fünf Stunden über die Schnellstraße ans andere Ende der Insel fahren. Portland im Nordosten ist der Bezirk, in dem es am meisten regnet, dessen Grün einen anspringt und umarmt, wo weder Machete oder Teerstraße es daran hindert. Hier liegen die mächtigen Blue Mountains, die bis über 2000 Meter hoch ansteigen und oft wolkenverhüllt sind. In Portland gibt es deutlich weniger Massenbeherbergungsbetriebe als rund um Montego Bay, und die Kreuzfahrtschiffe docken auch weiter im Westen an, in Ocho Rios. Die Küste hier fühlt sich weniger überlaufen an, ist zerklüfteter, es gibt viele kleine Buchten, der Sand ist manchmal dunkler, manchmal kieseliger, hier fließen viele Flüsse ins Meer, auf manchen kann man mit Flößen das letzte Stück mitfahren.

Ein paar Buchten östlich von Port Antonio liegt Winnifred Beach. Er ist einer der letzten Strände der Gegend, die frei zugänglich sind – und schon deswegen ein Politikum. Über eine Straße mit riesigen Schlaglöchern geht es mit einem Allradjeep oder – wenn der Taxifahrer sich mit Verweis auf seine empfindlichen Stoßdämpfer weigert – eine Viertelstunde zu Fuß den Hügel hinunter zu einem von Kokospalmen gesäumten Gelände mit einem Volleyballnetz, ein paar selbstgezimmerten Hütten und Tresen, an denen Essen und Getränke verkauft werden. Am östlichen Ende der kleinen Bucht liegt eine Süßwasserquelle, ein kleiner Bach läuft ins Meer, Kinder hüpfen darin herum und bauen Staudämme, Eltern finden Schatten unter den großen alten Mandelbäumen.

Wem gehört der Strand?

Als die Regierung 2007 die Budenbesitzer aufforderte, ihre Verkaufsstände abzubauen und den Strand zu verlassen und erste Gerüchte über Bebauungspläne für ein exklusives Ferienresort die Runde machten, formierte sich breiter Widerstand bis nach Kingston. Auch Besucher, die sich den Eintritt – meist sind es ein paar Dollar – zu den anderen privaten Stränden der Gegend hätten leisten können, gaben Winnifred Beach immer schon den Vorzug: Weil es hier sensationelles „Ackee and Saltfish“ gibt, das Nationalgericht, das ein bisschen wie Fisch mit Rührei aussieht und noch besser schmeckt, vielleicht, weil es sich bei Ackee nicht um Rührei, sondern um eine Baumfrucht handelt. Und weil hier der Lobster erst dann aus dem Wasser geholt wird, wenn er bestellt wird, und weil es laute Musik aus großen Boxen gibt, Sonntagsalltag eben. Ein paar Anwälte schalteten sich unentgeltlich ein, vor Gericht erstritten die Kläger 2014 den Kompromiss, dass die lokale Bevölkerung weiterhin und unter allen Umständen das Recht hat, den Strand zu nutzen, allerdings ist noch nicht klar, wer für eine Zufahrtsstraße und die notwendigsten sanitären Anlagen zahlen soll und wer sich um die Müllabfuhr kümmert. Für manche Aktivisten ist Winnifred Beach erst der Anfang der Rückeroberung der Strände für alle. Frenchman’s Cove taucht zwar immer mal wieder in den Best-Beach-Listen internationaler Reisemagazine auf, aber die Bucht ist zu klein, um weltberühmt wie der Seven Mile Beach zu werden, außerdem muss man Eintritt zahlen, was die Einheimischen schon aus Prinzip davon abhält, dorthin zu fahren. Extra gedeckt wird an diesem kleinen Strand erst um die Mittagsstunde, wenn die Premiumgäste der Kreuzfahrtschiffe eintreffen – ein Bus voller Leute, und dann ist der Strand aber auch gut gefüllt mit Menschen. Diese bahnen sich mit „Nein, wie schön!“-Rufen den Weg zur Wasserkante, machen Selfies zwischen den Felsen, die die Bucht einschließen, und staksen danach zu einer Schaukel, die idyllisch knapp über dem kleinen Fluss hängt, der sich flaschengrün ins Meer ergießt.

Die Strände rund um Port Antonio sind nicht unbedingt eine Neuentdeckung, streng genommen tauchten sie schon zweimal in der touristischen Geschichte der Insel auf. In Port Antonio begann der Tourismus auf Jamaika: Ende des 19. Jahrhunderts holten hier die Bananendampfer Ware und brachten bald auch die ersten wohlhabenden Besucher aus dem Ausland, vor allem aus Nordamerika.

Auf der Flucht vor Prüderie

Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchteten Künstler hierher vor der heimatlichen ästhetischen und sittlichen Zugeknöpftheit; es muss ein bisschen wie Tanger Ende der 1940er Jahre gewesen sein, wenn man die Legenden liest, die sich um die Glitteraten und Literaten ranken. Errol Flynn soll über die Region Portland gesagt haben, es sei the most beautiful woman I have ever laid eyes upon. Der Hollywoodschauspieler, der schiffbrüchig auf Jamaika strandete, fand, während seine Yacht repariert wurde, hier eher zufällig sein Paradies. 1951 kaufte er sich ein Hotel; von seinen ausschweifenden Partys sprechen die Leute noch heute.

Der Weg an die Strände von Portland

Anreise: Von Deutschland aus fliegt Condor und Eurowings nach Montegobay (von dort sind es etwa fünf Fahrstunden nach Port Antonio; schneller, etwa zwei Stunden, geht es wenn man in Kingston ins Auto steigt; Flugverbindungen nach Kingston mit diversen amerikanischen Airlines über die USA

Unterkunft: Ein verträumtes Hotel in den Hügeln über dem Meer, nur 15 Minuten von Winnifred Beach entfernt, ist das Zehn-Zimmer-Haus „Mocking Bird Hill“: ab 200 Euro, Halbpension und täglicher Transfer zu Frenchman’s Cove inklusive (www.hotelmockingbirdhill.com).

Veranstalter: „Vibzen“ aus Kingston organisiert individuelle Touren überall auf Jamaika, Winnifred Beach wird gerne angesteuert (www.vibzen.com)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Liepert, Barbara (bali)
Barbara Liepert
Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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