Zu Gast im Waldkloster

Die zappeligen Affen in unseren Köpfen

Von Anna Gyapjas
© curlsandcoconuts.com, F.A.Z.

Als mich der Bus ausspuckt, dämmert mir, dass Wat Tam Wua möglicherweise gar nicht das Einsiedlerdomizil ist, das ich mir ausgemalt habe. Zum einen wäre da ein werbetafelhohes Schild mit Holzdach. „Wat Tam Wua welcomes you to practice Vipassana“, verkündet es geradezu großbetrieblich. Zum anderen geht links davon der Weg zum Waldkloster ab, Fahnenstangen mit rot-weiß-blauen Tüchern säumen die zweispurige Betonstraße.

Nach anderthalb Kilometern Marsch zu Füßen majestätischer Berge schälen sich weitläufige, mit Kacheln ausgelegte Hallen ohne Wände aus dem Dunkel. Zunächst scheint alles verlassen auf dem Klostergelände, dann entdecke ich weißgekleidete Gestalten zwischen den Unterständen. Sechs Dutzend weitere von ihnen sitzen in der Dhamma Hall, der Haupthalle von Wat Tam Wua. Niemand rührt sich, alle schweigen, nur die Ventilatoren surren vor sich hin. Als schließlich die Lichter angehen, stimmt die Gruppe einen buddhistischen Choral an.

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Kurz vor acht Uhr erheben sich die barfüßigen Meditationsschüler. Selig lächelnd nehmen sie ihre Gesangsbücher, Sitzkissen und Yogaklötze und türmen sie am Ende der Halle auf. Eine feingliedrige, modisch gekleidete Frau löst sich aus der Gruppe und eilt mir entgegen. Miss Sue verantwortet die Abläufe im Wat und das Wohlergehen der ausländischen Gäste. Dafür hat sie eigens ihr Berufsleben in Bangkok aufgegeben. Wat Tam Wua ist neben seinem lockeren Regelwerk dafür bekannt, dass Tempeltouristen so anreisen können, wie es ihnen passt. Aber Miss Sue ist acht Uhr zu spät.

Der Gong scheppert zum Morgengruß

Mit strenger Miene notiert sie meinen Namen und die Passnummer, das Geklimper silberner Armreifen begleitet ihre energischen Bewegungen. Dreimal zwei Stunden Meditation, eine Stunde Nützlichmachen, das letzte Mahl zur Mittagszeit: Während wir zu einem der Gemeinschaftshäuser hasten, gibt Miss Sue einen Schnellkurs in Sachen Tempelalltag. Im Frauenschlafsaal angekommen, drückt sie mir eine dünne Baumwollmatte, Bettdecke und ein Kopfkissen in die Hände. „At six thirty we meet for rice offering“, mahnt sie an, dann verlässt sie die Hütte. Außer mir ist niemand im Saal. Ich schlage mein Lager auf, stelle den Wecker und knipse das Licht aus. Noch empfinde ich die harten Holzdielen als angenehm. Aus dem Bad höre ich die Geckos gackern. Ich werde die Nacht nicht durchschlafen. Keine meiner neun Nächte in Wat Tam Wua. Der Schlafmangel fällt aber kaum ins Gewicht: Die Tage atmen tief und gleichmäßig den Geist der Gegenwart. Sie beginnen für uns Laien wie für die Mönche des Tempels mit dem Morgengrauen.

Auch gehen ist Meditation: Weißgewandete Gäste im üppigen Grün des Tals.
© Anna Gyapjas, F.A.Z.

Über dem Schulterschluss zweier Berge blinzelt der Morgenstern herüber, als ich mich am nächsten Tag auf den Weg zur Dhamma Hall mache. Dort händigt Miss Sue schon geschäftig Blechschüsseln aus. Dann weist sie uns an, auf dem Boden Platz zu nehmen, schon scheppert ein Gong, der Morgengruß. Sein Klang scheucht die letzten Nachzügler auf ihre Plätze, viele tragen noch Fleecejacken und Strickmützen über ihren weißen Gewändern. Als fünf Männer in ziegelroten Roben an der Schwelle zur Haupthalle erscheinen, breitet sich erwartungsvolles Schweigen aus.

„Superman, where are you?“

Wortlos schreiten die fünf Mönche an den Anwesenden vorbei. Wir wiederum schaufeln jedem der Mönche etwas Reis in seine Almosenschale, einem basketballgroßen Gefäß aus Metall. Üblicherweise speist die buddhistische Bevölkerung die Repräsentanten des Dhamma – der buddhistischen Lehre –, wenn diese beim Binthabat durch die Straßen ziehen. Dabei geht es nicht nur um Respekt, sondern auch darum, sich um gutes Karma verdient zu machen. So dankbar, wie Buddhisten wohl für solch eine Gelegenheit sind, bin ich nicht, zu neu ist das Ritual, zu aufregend. Trotzdem übe ich mich in Demut, vermeide Augenkontakt mit den Mönchen und senke meinen Kopf, wenn sie an mir vorüber ziehen.

„Wonderful!“, beendet schließlich der Klostervorsteher Ajahn Luangta das Ritual, „Good morning!“ Dann macht der Abt noch mal die Runde. Hier und da hält er einen Plausch, einige Teilnehmer aus Japan begrüßt er mit einem heiteren „a-ri-ga-to-u“. Plötzlich bleibt er stehen. „Superman, where are you?“, ruft er, woraufhin ein Russe mit raspelkurzen Haaren seine Rechte hebt und alle lachen. Bis zu meiner Abfahrt werden der Mönch und sein Schüler den Sketch noch etliche Male aufführen. Worauf Abt Luangta damit anspielt, wissen wohl nur die wenigsten. Aber das gehört zum Vorsteher wie sein Lächeln, das nie aus seinem runden Gesicht weicht.

Den Mönchen Essensgaben zu spenden verbessert das Karma.
© Reuters, F.A.Z.

Auch wenn er eine gewisse Ähnlichkeit mit der Buddha-Statue hat, die hinter ihm thront, kommt man in Wat Tam Wua nicht weit mit seinen Klischees. Ajahn Luangtas Ordensbrüder blicken ob ihrer Versunkenheit meist finster drein und bleiben unnahbar. Und dass es den typischen Wattouristen gar nicht gibt, zeigt sich schon in der Schlange zum Frühstücksbuffet. Dort warten Jung und Alt, Menschen aus westlichen Ländern wie aus asiatischen, Männer und Frauen. Vor mir steht ein junger Brillenträger, unter dem Halsausschnitt seines Shirts steht „mindfulness“, Achtsamkeit. Er könnte Kunststudent sein, aber auch angehender Unternehmensberater.

Schweigewillige tauschen Zettel aus

Fragen werde ich ihn nicht, denn er hat sich – wie auch ich – ein „silent and happy“-Schild angeheftet. Ich bin auf Ruhe aus, möchte Zweifel loswerden und in dieses innere Gleichgewicht finden, von dem daheim in Lifestyle-Deutschland so oft die Rede ist. Der freiwillige Sprechentzug führt trotzdem nicht in die komplette Beziehungslosigkeit: Wenn ich im Garten den anderen über den Weg laufe, tauschen wir ein Lächeln aus. Wenn es an die Gemeinschaftsarbeit geht, kehre ich das welke Laub besonders ordentlich zusammen, den Tempelgast, der es wegschafft, wird es freuen. Und bei den Mahlzeiten beobachte ich immer wieder Schweigewillige, die pärchenweise beisammensitzen und Zettel austauschen. Angesichts der täglich wechselnden, vegetarischen Reisgerichte könnte man ohnehin fast vergessen, dass man in einem Kloster ist. Es gibt Tofu mit Kohl, Kürbis mit Kartoffeln, Aubergine in Kokosmilch. Während wir nach dem Frühstück unser Geschirr abwaschen, geht hinter den Bergen die Sonne auf. Was sie alles erleuchtet, lenkt mich kurze Zeit später von meiner ersten Vipassana-Übung ab.

Bei der morgendlichen „walking meditation“ folgen wir den Mönchen, den Kopf gesenkt und im Abstand von drei Metern, bis an den Rand des Geländes. Der Morgennebel steht dann meist noch an den Berghängen. Mit der rauhen Schönheit des Dschungels wetteifert die Idylle des Tempelgartens: Karpfenteich, pinkfarben blühende Sträucher und Schilder mit Aufschriften wie „Seize the day“ – zu Deutsch: „Nutze den Tag“. Hin und wieder läuft ein Hahn durchs Bild, sein Gefieder glänzt in den Farben von Bernstein und Onyx. Vergessen ist die Meditation, im Handumdrehen sind die Handys gezückt. Zu schön ist dieses Tal, zu paradiesisch – bis man die Einheimischen erblickt. Während wir Freizeittempler uns im achtsamen Gehen üben, bewirtschaften sie mit schwerem Gerät den Garten.

Das Leben, ein Leidensweg

Das Meditieren klappt natürlich auch später nicht auf Anhieb. Weder, als wir mittags im Schatten der Bäume am Berghang entlangwandeln, geschweige denn bei der Übung, die wir im Liegen absolvieren. Zuverlässig stottert dann ein Schnarchen durch die Hitze. Dass das kein Grund zur Sorge ist, lerne ich in den Meditationsklassen. Dreimal täglich versammeln wir uns dazu in der Dhamma Hall, Männer sitzen in den vorderen Reihen, die Frauen dahinter, damit ihre Präsenz nicht die Sinne der Mönche verwirrt. Die Zusammenkünfte beginnen mit einer Lektion, die mal der Abt selbst hält, mal sein Hilfsmönch. „Vipassana-Meditation“, beginnt Ajahn Luangta am Nachmittag, „mindert das Leid, das die menschliche Existenz darstellt.“ Moment mal! Mein Leben, ein Leidensweg?

Die totale Gegenwart: Bei der Gleichförmigkeit des Klosteralltags fällt der Schlafmangel kaum ins Gewicht.
© Anna Gyapjas, F.A.Z.

Nach anfänglichen Zweifeln kann ich dem Abt folgen. Leiden, das bedeute für ihn, sich immer wieder auszumalen, was seinem erwachsenen Sohn alles zustoßen könnte. Selbst ein Mönch sei nicht gefeit gegen den „monkey mind“, den Geist, der wie ein Affe von Idee zu Idee springt und sich nur zu gern von der Umgebung abgelenken lässt. Mit einer Stimme, die Achterbahn fährt, erklärt Ajahn Luangta, was den Menschen unglücklich macht: sein Vorstellungsvermögen, seine Sinneseindrücke, Gedanken und Gefühle. Mit Vipassana könnten wir das Leid des rastlosen Geistes hinter uns lassen – indem wir atmen und beobachten. Dadurch soll unsere ichbezogene Perspektive einer diesseitsbezogenen Einsicht weichen. Denn nur in der Gegenwart könnten wir erkennen, dass alles vergänglich ist.

Das Wort Vipassana lässt sich mit „Einsicht“ übersetzen. Aber so vielversprechend diese Sicht der Dinge auch ist, geschenkt wird sie einem nicht. Mit der Meditation ist es wie mit dem Muskelaufbau: kein Wachstum ohne regelmäßige Wiederholung. Beim Gehen, Kartoffelschälen, selbst beim Toilettenputzen in Wat Tam Wua übe ich mich darin, den Affen im Kopf zu beruhigen und den Einflüssen meiner Umwelt mit friedlichem Gleichmut zu begegnen. Auf die Probe gestellt werde ich schon am zweiten Tag.

„Außerdem darfst du gar nichts sagen“

Die nachmittägliche Vipassana-Sitzung ist vorbei, ich schlendere zurück zu meiner Hütte. Im Garten trocknen Flickenteppiche auf Wäscheleinen, ein lauer Wind bringt sie zum Tanzen, und beseelt beschließe ich, mich bis zur Putzstunde noch im Atembeobachten zu üben. Plötzlich scheidet eine kräftige Stimme durch die Siesta-Stimmung. Die dazugehörige Frau steht in Slip und Shirt in meinem Schlafsaal. Sie fragt nach meinem Namen, ich zeige auf mein Schweigeschildchen, entschuldigendes Lächeln. Meine neue Zimmergenossin versteht, wendet sich ab und schreit irgendetwas auf Schwedisch durch die mit Moskitonetz bespannten Fenster. Irritiert lasse ich mich auf meiner Matte nieder, besinne mich auf mein Postmeditationshoch – es antwortet eine Männerstimme aus dem Schlafsaal unter uns. Ich schließe die Augen, atme ein, atme aus – das Zwiegeschrei geht weiter. Ob sie ein wenig leiser sein könnte? „Ich unterhalte mich“, keift die Schwedin zurück. „Außerdem darfst du gar nichts sagen, also sei leise.“ Und damit ist mein „monkey mind“ plötzlich hellwach. Er springt in die Tiefe meines Gemüts, greift sich meine Empörung, schwingt rüber zum Groll, hangelt sich in halsbrecherischem Tempo von „Ist das Ihr Ernst?“ zu diversen Beleidigungsoptionen und verschnauft schließlich auf einem Ast der Fassungslosigkeit.

Die Begegnung beschäftigt mich noch Stunden später, auch dann noch, als ich in friedlicher Runde aus Küchenabfällen Fischfutter zubereite. Schweigend schnippeln wir Gemüsereste klein, dann bringen wir sie zum Karpfenteich. Alles, was ich höre, ist das Geschwätz des Affen in meinem Kopf. Es verstummt erst bei der Abendmeditation. Der Hilfsmönch stimmt ein Lied an, seiner sanften Stimme folgen bald die der Tempeltouristen. Eine Dreiviertelstunde lese ich aus einem buddhistischen Gesangbuch fremde Buchstabenfolgen ab und versuche gleichzeitig, die Melodie des Mönchs zu intonieren. Ich habe keine Ahnung, was ich da singe. Aber mein Geist ruht endlich.

Meditativ im Wald

Das Waldkloster erreicht man von den Städten Chiang Mai bzw. Mae Hong Son aus. Wer mit Bus anreist, nennt dem Fahrer als Ziel Wat Tam Wua im Dorf Baan Mae Suya. Nach Ausstieg folgt ein Fußweg von zwei Kilometern. Eine Anmeldung ist nicht nötig, eine Ankunft vor 17 Uhr erwünscht. Ebenso eine Spende: das Kloster erhebt keine Gebühren für seine Gäste. Weitere hilfreiche Infos unter: www.facebook.com/FriendsOfWatTamWua und wattamwua.com.

Quelle: F.A.Z.
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