Zum Reiten nach Moçambique

Das Glück der Pferde

Von Karin Finkenzeller
© CHROMORANGE / CHROMORANGE / FOTO, F.A.S.

Princess hat die Ohren leicht nach hinten geneigt. Alles ganz entspannt, könnte gerade nicht besser sein, heißt das in etwa. Die Stute planscht mit den Hufen im seichten klaren Wasser vor der Ilha de Benguerra im Indischen Ozean und scheint die Reiterin auf ihrem Rücken fast vergessen zu haben. Shelby Janes lässt ihr lange Zügel. Ein paar Strandspaziergänger zücken ihre Kameras und halten diesen idyllischen Moment fest: vor Anker liegende Fischerboote im Hintergrund und fluffige Wolken am azurblauen Himmel.

Die Geschichte der Vertreibung

Wenn die leichte Brise dieses ostafrikanischen Sommertages mit Princess’ dunkler Mähne spielt, sieht nur Janes die gezackte Narbe am Haaransatz des Pferdes. Das, was von einer tiefen Schusswunde übriggeblieben ist. Das Pferd wäre bei dem Angriff beinahe gestorben. Die Fotografen ahnen nicht, dass unter Princess’ Mähne eine blutige Geschichte der Vertreibung steckt, die in dieser Inselkulisse nach Jahren endlich ihr gutes Ende gefunden hat. Dass Princess’ Besitzer die Stute und über hundert weitere Pferde in einer abenteuerlichen Flucht vor den wütenden Anhängern eines Präsidenten Robert Mugabe aus Zimbabwe hierher nach Moçambique retteten. Hier tragen sie nun Reiturlauber über viele Kilometer lange einsame Sandstrände, durch ungezähmte Mangrovenwälder und zu verstreuten Dörfern einheimischer Fischer.

Mandy Retzlaff und Princess, eines der Pferde mit denen sie aus Zimbabwe geflohen ist.
© Karin Finkenzeller, F.A.S.

„Weiße Farmer wurden nie als Flüchtlinge wahrgenommen oder gar anerkannt. Wir mussten uns selbst helfen“, sagt Mandy Retzlaff. Die 62-Jährige sagt es ganz nüchtern, scheinbar ohne Groll oder Resignation und streicht Princess nach dem Ritt über die schmale weiße Blesse. Es ist, als habe sie jeden Zorn darüber, dass Weiße in Afrika, Nachkommen von Kolonialherren, die erwachsene männliche Angestellte mit Selbstverständlichkeit „boys“ nannten, nicht auch Opfer sein können, vor langer Zeit weggesperrt und den Schlüssel fortgeworfen. Schmerz und Wut erlaubt sie sich nur, wenn sie erzählt, was Mugabes Leute ihren Tieren und denen anderer Farmer antaten, um Vergeltung zu üben.

Vergeltung vergeben?

Vergeltung an den 6000 Weißen, denen die Kolonialregierung im einstigen Südrhodesien gut 15 Millionen Hektar des besten Farmlands zugesprochen hatte. 700 000 schwarze Familien, mehr als vier Millionen Menschen, teilten sich derweil nur wenig mehr Agrarfläche. 1980, als Mugabe nach der Unabhängigkeit von Großbritannien zunächst Premierminister wurde, besaßen weiße Farmer noch immer 42 Prozent des Landes.

Freunde und Nachbarn von Mandy und ihrem Mann Patrick starben, als die Veteranen des Unabhängigkeitskriegs anfingen, ab dem Jahr 2000 die jahrelang hinausgezögerte Landreform gewaltsam einzufordern und Farmen zu besetzen. Viele andere Farmer wanderten aus, in die Nachbarländer Südafrika und Sambia, aber auch weit weg, nach Australien und Neuseeland. Die Rinder und die Schafe schlachteten sie meist vorher. Aber was tun mit den Pferden?

Irgendwann sprach es sich herum, dass Mandy und Patrick die „Pferdeleute“ waren, die nicht nein sagen konnten und sie in Obhut nehmen würden. Und so schwoll die eigene kleine Herde immer mehr an, nachdem das Ehepaar und seine drei Kinder von der eigenen Crofton River Farm nördlich von Harare vertrieben worden waren, aber noch hofften, innerhalb des Landes ein neues Heim für sich und die Tiere zu finden. Über Jahre zogen sie von einem Ort zum nächsten, holten die Pferde bei Nacht und Nebel und unter Lebensgefahr von den Weiden und aus den Ställen, wenn wieder einmal der Räumungsbescheid kam und ihnen nur vier Stunden blieben, die Sachen zu packen. Bis sie schließlich vor den Bvumba-Bergen standen, die Zimbabwe von Moçambique trennen, und ihnen nur noch ein Weg blieb.

Auf zu neuen Ufern

Die Herde zog weiter nach Vilankulo. Die Küstenstadt rund 750 Kilometer nördlich von Maputo mit ihren Dünen und weiten Sandstränden, die bis an den Horizont reichen, und das vorgelagerte Bazaruto-Archipel mit den Inseln Bazaruto, Benguerra, Magaruque, Santa Carolina und Bangué waren den Retzlaffs nicht unbekannt. Für die weißen Siedler Zimbabwes waren sie einst beliebte Urlaubsdestinationen, wie geschaffen für ein Katalogfoto des nahezu unberührten Paradieses. Das Two Mile Reef vor Benguerra gilt noch immer als eines der besten Tauchgebiete der Welt. Noch in 30 Metern Tiefe ist die Sicht gut. Mehr als 200 verschiedene Fischarten leben hier, auch Haie, Mantas, Barrakudas und Schwertfische. Delfine kommen nah an die Inselküsten und Meeresschildkröten und die sehr scheuen Gabelschwanzseekühe. Urlauber zahlen zum Teil aberwitzige Preise für eine Übernachtung in den wenigen Luxus-Lodges. Ob die vielleicht auch reiten wollten und den vertriebenen Vierbeinern so das Futter zahlen würden? Und ob! So bauten Mandy und Patrick in Vilankulo einen Reitstall auf und eine kleine Dependance auf der Ilha de Benguerra.

„Heimat, das wusste ich nun, war, wo auch immer unsere Herde überleben würde“, schreibt Mandy Retzlaff am Ende ihres Buchs „104 Horses“, in dem sie die Flucht beschreibt. Pat aber schüttelt den Kopf. „Heimat wird für mich immer Zimbabwe bleiben.“ Er ist ein stiller Mann, der mit den Gedanken manchmal weit fort ist. Nur auf dem Rücken eines Pferdes scheint alle Last von ihm abzufallen. Kaum zu glauben, dass er ein Nachfahre eines berühmten Geschichtenerzählers ist – des „Lügenbarons“ Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen aus Bodenwerder. Im thüringischen Bockstadt steht noch das Anwesen der Familie, wo Patricks Großmutter Hildegard, Freiin von Münchhausen, aufwuchs. Die genauen Gründe, warum die junge Frau schon zu Beginn der Naziherrschaft in den dreißiger Jahren Deutschland verlassen musste und zusammen mit ihrem Mann Julius Paul Retzlaff und dem damals 12-jährigen Sohn Gottfried Paul nach Afrika ging, hat Patrick nie herausgefunden. Aber Hildegards Name steht auf der Liste der Ausgebürgerten. Gottfried Paul, oder Godfrey, wie er in Rhodesien hieß, erlebte die zweite Vertreibung seiner Familie nicht mehr. „Zum Glück“, sagt sein Sohn Patrick.

Galoppieren im Meer

Er hat die Reiturlauber an diesem Vormittag eine Weile am Strand bei Vilankulo entlang geführt. Der Ozean hat sich weit zurückgezogen. Auf den freiliegenden Sandbänken zwischen dem türkis schimmernden Wasser gehen Frauen mit Lanzen auf Jagd nach Krabben und Krebsen. Fischer haben ihren Fang am Strand ausgebreitet, verhandeln mit den Köchen der Lodges über den Kilopreis.

Als sie außer Sichtweite sind, dürfen die Pferde galoppieren. Endlich, scheinen sie zu denken, und liefern sich ein ausgelassenes Wettrennen. Evita will Erste sein, Lady auch. Schnaubend graben die beiden Fuchsstuten die Hufe in den feuchten Sand. Kein Mensch weit und breit. Noch ein wenig atemlos geht es anschließend Richtung Hinterland. Palmen, Mangroven und die immergrünen Kasuarinabäume mit ihren an Kiefernnadeln erinnernden Blättern werden von Cashewbäumen abgelöst. Im Schatten riesiger Mangobäume stehen Dörfer aus einfachen Palmgrashütten.

„Bom dia, tudo bom?“, schallt es der Gruppe entgegen. „Guten Tag, wie geht’s?“ An den bizarr runden Süßwasserseen im Hinterland, die schon beim Landeanflug auf Vilankulo zu sehen waren, waschen Frauen Wäsche. Die Hemden, Hosen und Capulanas, bunte Tücher, die als Wickelrock, Kleid oder auch Babytragetuch dienen, breiten sie anschließend zum Trocknen im Ufergras aus.

Pferde sind seltene Geschöpfe in Moçambique

Trotz seiner Schönheit zählt Moçambique zu den fünf ärmsten Ländern der Welt. Als Mandy und Patrick Retzlaff ankamen, hatte die ehemalige portugiesische Kolonie einen 16 Jahre währenden Bürgerkrieg hinter sich. Die Wirtschaft des Landes hat sich seither nie wieder ganz erholt. Touristen kommen nur langsam ins Land zurück. Auch weil die Anforderungen für Visa streng sind, die Korruption legendär und auch die immer wieder auftauchenden Nachrichten über Kämpfe der ehemaligen Bürgerkriegsparteien Frelimo und Renamo, Scharmützel im Landesinnern schrecken die Touristen ab.

Statt einer großen Farm bewohnen Mandy und Patrick heute eine kleine runde Hütte oberhalb des Strands, mit Palmgras gedeckt, wie sie auch viele Einheimische für ihre Familien bauen. Die erste Zeit war schwer. Nachdem sie die große Herde nach Moçambique gerettet hatten, starben Dutzende Pferde. Auf den Weiden hatten sie giftige Pflanzen gefressen, die die Neulinge nicht kannten. Und viele Moçambiquer fürchteten sich vor den großen Tieren und trachteten ihnen nach dem Leben. Die Generation der im Bürgerkrieg Geborenen kannte keine Pferde. Der Hungersnot fielen selbst Wildtiere im Gorongosa-Nationalpark zum Opfer. Ein Pferd, das ist für viele Einheimische noch immer ein großer Hund, der womöglich kleine Kinder frisst.

Von der Farm an den Strand: heute tragen die Pferde Touristen am Indischen Ozean entlang.
© Karin Finkenzeller, F.A.S.

Wo Mandy und Patrick regelmäßig mit ihren Reitergruppen vorbeikommen, hat sich aber die Scheu gelegt. In einem Fischerdorf an der Küste haben die Frauen für die Gäste heute über dem offenen Feuer Matapa vorbereitet. In einem großen Blechtopf köchelt das für Moçambique typische Gemüse aus Maniokblättern, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und gemahlenen Nüssen. Dazu gibt es Reis und fangfrische Garnelen. Das Dessert – Kokosnüsse – müssen sich die Reiter teilen. Die Herde ist in Moçambique nämlich auf den Geschmack gekommen. Friedlich kauen sie im Schatten. Die Ohren leicht nach hinten gelegt. Für sie könnte es gerade nicht besser laufen.

Der Weg nach Moçambique

Einreise Für einen Visumsantrag (45 Euro, Express: 65 Euro) ist eine Buchungsbestätigung nötig, außerdem der Nachweis einer Auslandskrankenversicherung beziehungsweise die Vorlage von Kontoauszügen, die ausreichende Mittel für eine mögliche Rückführung belegen (www.embassy-of-mozambique.de, Stromstraße 47, 10551 Berlin, Telefon 0 30/39 87 65 00). Gesundheit Für Moçambique ist eine Malariaprophylaxe empfohlen, da es dort auch die gefährlichste Variante (Malaria tropica) gibt. Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht auf seiner Website eine Liste der tropenmedizinischen Institute in Deutschland (www.rki.de/DE/Content/Infekt/Reisemedizin). Anreise Die schnellste und meist auch günstigste Verbindung von Deutschland aus ist mit South African Airways bis Johannesburg und von dort aus mit Airlink weiter nach Vilankulo (ab 1050 Euro), www.flysaa.com. Unterkunft und Reiten Mandy und Patrick Retzlaff organisieren ein Rundum-Paket. Wenn die Gäste morgens in ihrer luxuriösen Lodge (bei Vilankulo) mit Blick auf den Ozean aufstehen, steht das Frühstück bereits auf dem Tisch. Patrick ist ein ausgezeichneter Koch. Nach den mehrstündigen Reitausflügen steht er für seine Gäste am Grill oder am Herd; alternativ führt das Ehepaar die Urlauber in ausgezeichnete Restaurants der Umgebung. Im Reisepreis ist dies wie auch der eintägige Ausflug auf die Ilha de Benguerra inbegriffen. Preis für die Reiterferien: fünf Tage ab 2085 Euro (www.pferdesafari.de/mosambik-horse-safari). Direktbuchungen für einzelne Reitausflüge (ab 50 Dollar) sind unter www.mozambiquehorsesafari.com möglich. Reisezeit Für Reiter ist der Südwinter eine gute Reisezeit, da die Tage warm und sonnig sind, in den Nächten kühlt es ab. Wer auch Tauchen oder Schnorcheln gehen möchte, kommt besser in den heißen Monaten November und Dezember, wenn der Indische Ozean angenehme Temperaturen hat. Von Januar bis März werden Vilankulo und der Bazaruto-Archipel mitunter von heftigen Stürmen heimgesucht. Literatur Die abenteuerliche Geschichte der Retzlaffs und ihrer Pferde steht in dem Buch „One Hundred and Four Horses“ von Mandy Retzlaff (bei Amazon erhältlich, nur in Englisch).

Quelle: F.A.S.
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