Zurück in New Orleans

Text und Fotos von STEFAN NINK

08.02.2017 · Nach den Zerstörungen des Hurricans „Katrina“ wollten manche schon die ganze Stadt aufgeben. Jetzt, zwölf Jahre später, ist New Orleans weitgehend repariert und wiederaufgebaut. Es bleibt die Hauptstadt der Musik und der kreolischen Küche. Ein Wiedersehen mit einem magischen Ort.

Als die vier durch die Tür kommen, sieht Tom mich an und zieht die linke Augenbraue kurz hoch wie Spock, und ich drehe mich auf meinem Barhocker um und dann wieder zurück und sage: Nein. Doch, meint Tom. Er begrüßt die neuen Gäste und fragt, was sie trinken möchten. Alle vier bestellen Pimm’s Cup, und damit habe ich verloren. Wir haben eine Wette laufen, der Barkeeper und ich, immer um einen Dollar: Pimm’s Cup oder was anderes? Der Drink – Pimm’s-Likör, Limonade und Gurke – wurde angeblich hier erfunden, im „Napoleon House“, Ecke Chartres / St. Charles Street, French Quarter, New Orleans. Steht überall im Internet, und viele amerikanische Touristen schauen bloß deswegen vorbei. Dann hocken sie am Tresen und sehen sich die alten Bilder an den Wänden an und diskutieren darüber, wer dieser Napoleon wohl war.

Ich komme schon länger ins „Napoleon House“, früher war ich oft in der Stadt, jeden Herbst, viele Jahre lang. Einmal stand ich sogar mal kurz davor, ein kleines, altes Haus am Rande des Quarters zu kaufen. Aber dann kamen nacheinander eine unglückliche Verschiebung im Wechselkurs, eine gestrenge Hausbank und am Ende auch noch „Katrina“, und plötzlich war alles anders, dazu später mehr. Hier im „Napoleon House“ haben sie irgendwann neu gestrichen und ein bisschen was an der Karte verändert; sonst ist alles noch so wie vor einem Vierteljahrhundert, als ich das erste Mal hier war. Ich hab’ übrigens einen Pimm’s Cup bestellt damals.

Zwischen sechs und acht gehört das French Quarter seinen Bewohnern.

Von New Orleans kennen die allermeisten ja bloß die schachbrettartig verlaufenden Gassen in der Armbeuge des Mississippi, die die Franzosen vor langer Zeit angelegt haben, deswegen fangen wir dort mal an. Das French Quarter ist ja auch wirklich schön, vor allem am frühen Morgen, wenn die kotzenden College-Studenten verschwunden sind und die Familien aus Idaho oder Arkansas noch bei Muffins, Speck und Eiern im Hotelrestaurant sitzen. Zwischen sechs und acht gehört das Quarter seinen Bewohnern. Hunde werden ausgeführt, Schläuche ausgerollt, Blumen gewässert, Bürgersteige gekehrt. Nachbarn plaudern miteinander, die Postbotin gähnt und sortiert ihre Briefe. Die meisten Menschen hier wohnen in Häusern, in denen schon ihre Eltern gewohnt haben und davor deren Eltern, das ist in den Vereinigten Staaten absolut ungewöhnlich (es ist schon ungewöhnlich, dass Häuser so alt werden). Dementsprechend liebevoll gepflegt sind die Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit ihren Balkonen, auf denen die Leute mit ziemlichem Erfolg kleinere bis mittelgroße botanische Experimente unternehmen. Man muss diese Stunden unbedingt genießen. Spätestens um zehn oder elf haben die meisten Bars geöffnet, kurz darauf tauchen die ersten Gaukler, Animierdamen und falschen Propheten auf. Und ab mittags ist es eh zu heiß, um draußen unterwegs zu sein.

Mittagshitze im French Quarter

Man sagt das ja vielen Städten nach, aber wahrscheinlich wurde keine andere so sehr für die Nacht gemacht wie New Orleans, und ganz bestimmt hat keine andere einen so eigenen, intimen Soundtrack. Zwischen 22.30 und 23 Uhr passiert hier überall das Gleiche: Finger gelockert, Saiten gestimmt, Posaunen gewienert. Erwartung liegt in der Luft, ein Fiebern und jene unterschwellige Sexualität, die den Jazz umgibt, seit er vor einer Ewigkeit in diesen Straßenzügen erfunden wurde. Es ist ja nicht die Musik allein, die dem Jazz das Besondere verleiht, virtuose Künstler gibt es auch in anderen Sparten, und schöne Frauen und Männer mit 30.000-Dollar-Uhren sitzen auch anderswo im Publikum. Zum Jazz aber gehört immer auch das Unsichtbare, das ihn umgibt. Das Unausgesprochene, Unfertige, Allverheißende. Das Brennen im Herzen und die kleinen Schauer, die einem das Rückgrat hinaufspazieren. Und dass man manchmal glaubt, den nächsten Ton erahnen zu können, für den Bruchteil eines Moments, und dann folgt er tatsächlich. Manchmal ist Jazz etwas, das man nicht erklären kann. Manchmal ist Jazz Magie. (In New Orleans, hört man immer wieder, sei er sogar die wahre Religion. Was ziemlich viel heißt in einer Stadt, in deren „Gelben Seiten“ 718 Kirchen gelistet werden. Die Voodoo-Stätten sind da noch nicht mitgezählt.)

Brass Bands und Musiker am Jackson Square, Musik hält lebendig: New Orleans hat mit Pauken und Trompeten schon viele Krisen überstanden.

Vielleicht war es ja sogar der Jazz, der diese Stadt am Leben gehalten hat, als viele sie bereits abgeschrieben hatten. Im kommenden Sommer ist es zwölf Jahre her, dass „Katrina“ über New Orleans herfiel. Der Sturm drückte das Wasser aus dem Golf den Fluss hinauf, die viel zu schwachen Dämme brachen, und weil große Teile von New Orleans niedriger liegen als das Umland, lief die Stadt voll wie eine Wanne. Mehr als 1600 Menschen starben. Die Fernsehbilder sahen aus wie aus einem Drittweltland, und Präsident Bush hätte New Orleans am liebsten vor die Hunde gehen lassen. Aber die Stadt wehrte sich. Krempelte die Ärmel hoch, machte sich ans Aufräumen. Solange es keinen Strom gab, lag abends eine drückende Stille über den gefluteten Straßen, unterbrochen nur manchmal von einer klagenden Trompete oder einem einsamen Saxophon. Als die Elektrizität wieder da war, spielten die Radiostationen rund um die Uhr die Musik lokaler Bands. Für alle, die schufteten. Für alle, die verzweifelten. Für alle, die dennoch nicht aufgaben.

© AFP Am 29. August 2005 hatte der Hurrican „Katrina“, eine Spur der Verwüstung im French Quarter hinterlassen.

Zwölf Jahre später stehen im Ninth Ward noch immer zerstörte Häuser, manche noch immer mit jenem aufgesprühten großen X auf dem Dach, mit dem nach „Katrina“ der Fund einer Leiche markiert wurde. Und noch immer liegt in jeder Buchhandlung jenes Buch mit dem Durchhalte-Grafitto auf dem Cover, das an Washington gerichtet war: „We are still here, ya bastards!“

Die Immobilienmakler im French Quarter hängen immer öfter Schilder mit „Not Haunted!“ an die Häuser: nicht verspukt. Zugezogene fühlten sich oft unwohl in den alten Gemäuern, erklärt mir ein Makler, ständig ächze und knirsche und knarze es irgendwo, viele glaubten dann, sie seien nicht der einzige Bewohner des Hauses. Neben Immobilienmakler ist Ghostbuster ein einträglicher Job in der Stadt am Mississippi.

Plakatwand bei „Euclid Records“, eine Straßenszene auf der Bourbon Street und ein Louis-Armstrong-Graffito

Der schönste New-Orleans-Roman ist „Die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole, ein Schelmenstück über einen übergewichtigen Don Quijote in Karohemd und Jagdmütze, der die Welt von seinem Arbeitsplatz an einem Hotdog-Stand beobachtet: Treffender hat niemand die Seele der Stadt er- und in Worte gefasst. Der Roman gewann 1981 den Pulitzerpreis, aber da war sein Autor bereits tot: Weil niemand sein Buch veröffentlichen wollte, hatte sich Toole 1969 das Leben genommen.

Nicole zeigt mir den neuen Jazz Market, eine Mischung aus Konzerthalle, Archiv und Gemeindezentrum, in dem Kinder Musikunterricht bekommen. Nicole ist Assistentin von Irvin Mayfield, dem geschäftstüchtigsten Musiker der Stadt. Mutig ist der Trompeter ebenfalls, oder vielleicht auch bloß immobilienmarktmäßig weitsichtig, sein Jazz Market jedenfalls liegt in einer Gegend, die zu Fuß gerade so zu erreichen ist, ohne dass man um Leib und Leben fürchten muss, aber wirklich nur gerade so. Alles Absicht! Man habe einen Jazz-Ort außerhalb des French-Quarter-Rummels etablieren wollen, sagt Nicole. Und dass dieses neue Zentrum obendrein Maßstäbe in Sachen Audioqualität setze: das sowieso. Über die kann sie sehr viel erzählen, während wir durch Tonstudios und Regiekabinen eilen. Nicole hat ihr Schritt- mit ihrem Sprechtempo synchronisiert, das ähnlich atemlos ist. Ohne Unterbrechung tackert sie ihre technischen Fakten in einem derartigen Stakkato aneinander, dass ich außer solchen Basics wie „Äquivalenzstereofonie“, „Shephard-Skala“ und „Quantisierungsrauschen“ kaum etwas mitbekomme. Aber dann sind wir auch schon durch und sitzen draußen an der „Bolden Bar“. Nicole schlägt ihre 1,20-Meter-Beine übereinander und erkundigt sich, was ich abends denn so vor hätte. Da sieht man dann wieder, dass am Ende des Tages das Leben nicht immer bloß Theorie ist.

Die liebevoll gepflegten Gebäude im French Quarter stammen meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Bewohner müssen sich deshalb an das ständige Ächzen und Knarzen gewöhnen.

Wenn man auf der amerikanischen Amazon-Seite „New Orleans Cooking“ eingibt, erhält man eine unfassbare Liste von 515 Kochbüchern. Nun kann aber auch die Lektüre einer kompletten Bibliothek einem kein Abendessen in einem der klassischen New-Orleans-Restaurants ersetzen, das steht fest. Im „Antoine’s“ zum Beispiel, das seit 1840 existiert, seit einer Zeit also, in der im großen, weiten Rest des Kontinents abends noch Bohnen am Lagerfeuer gekocht wurden. Die Speisekarte hat sich seit dem Gründungsjahr kaum verändert: So gut wie alles hier – vom Crawfish Étouffée bis zum Bananas Foster – zeichnet sich durch einen nahezu grotesken Kaloriengehalt aus. Die Kellner scheinen ihre Manieren übrigens ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert hinübergerettet zu haben; Damen werden mit angedeutetem Handkuss begrüßt. Die Kunst, seine Vergangenheit derart liebevoll zu konservieren, dass man den Eindruck hat, die Zeit sei stehen geblieben am Mississippi – diese Kunst beherrscht New Orleans perfekt.

Der Rummel im French Quarter ist zurückgekehrt.

Als ich das erste Mal in der Stadt war, sollten abends die Neville Brothers im „Tipitina’s“ auftreten, das Plakat hing gleich neben meinem Hotel. An der Clubtür wiederum hing dann ein Schild: „Geschlossene Gesellschaft“. Die Frau, die auf mein Dauerklopfen öffnete, trug eine venezianische Augenmaske, eine Federboa, ein Charleston-Trägerkleid und sonst nicht wirklich viel. Die Nevilles? Heute? Nö. „Wir feiern hier heute einen Geburtstag.“ In den nächsten Minuten wurde ich etwa sechzig Leuten vorgestellt, von denen etwa sechzig etwas für mich hatten: Teller mit Jambalaya, Cocktails, Rauchwaren, bunte Perlenketten, Küsse, noch mehr Cocktails. Das Geburtstagskind hieß Kirah. Sie begrüßte mich, als wären wir in derselben Grundschulklasse gewesen. „Nachher gehen wir alle noch zu Richard“, hauchte sie in mein Ohr, „du kommst doch mit, oder?“ Von Richard marschierten wir zu Frank und von Frank später noch zu Miriam. Dort tauchte dann auch Dr. John auf, New Orleans’ mysteriösester Musiker, der sich nach einem Voodoo-Heiler aus dem 19. Jahrhundert benannt hat. Er stand schweigend da, in Miriams Küche, gestützt auf einen Stock, dessen Knauf die Form eines Gargoyles hatte.

Morgens um sechs war ich zurück im Hotel. Das Konzertplakat hing noch an der Wand: 26. Mai, im „Tipitina’s“. Das Datum stimmte. Bloß das Jahr leider nicht. Die Nevilles waren drei Jahre zuvor aufgetreten.

In der Nacht vor dem Rückflug: Abstecher zu jenem Haus am Rande des Quarters, das beinahe mein Haus geworden wäre. Sein Besitzer hatte es in einer fürchterlichen Farbe gestrichen, die aussah, als sei in unmittelbarer Nähe ein Lastwagen Pinguine explodiert. Zwei Straßenecken weiter, an der Frenchmen Street, spielte eine Brass Band auf der Straße, „feel like funkin’ it up“. Es war halb drei nachts und so laut, dass die Fensterscheiben bei jedem Basslauf in den Fassungen vibrierten.
Manchmal ist es dann doch ganz gut, dass am Ende des Tages vieles im Leben Theorie bleibt.

F.A.Z.-Karte lev.

Louisiana rückt näher – der Weg nach New Orleans

Anreise: Ab 3. Mai fliegt Condor immer mittwochs und sonntags direkt von Frankfurt nach New Orleans (Preise Oneway in der Economy ab 350 Euro, in der Premium ab 500 Euro, in der Business Class ab 800 Euro, www.condor.com ab Ende März bereits fliegt British Airways via London direkt nach New Orleans.

Unterkunft: Das „Old No. 77 Hotel & Chandlery“ war ganz früher mal Lagerhalle und anschließend ein Kaufhaus – nach einer Komplettrestaurierung ist ein Hotel mit Industrie-Chic daraus geworden. Liegt zehn Fußminuten vom French Quarter entfernt www.old77hotel.com.

Weitere Informationen: über das Fremdenverkehrsamt New Orleans und Louisiana, Wiechmann Tourism Service, Tel. 0 69/25 53 82 70, www.neworleans.de und www.louisianatravel.de.

Termine: Mardi Gras ist am 28. Februar, die Woche davor traditionell die meistbesuchte in New Orleans.

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Quelle: F.A.Z.