Alltag eines Taubblinden

Das Alphabet in der Hand

Von Volker Haaß
 - 17:01
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Er weiß, dass er Richtung 11 Uhr gehen muss. Nach wenigen Schritten spürt er die erste Säule. Einmal drum herum, dann kommt auf 12 Uhr die zweite Säule, das Gleiche wieder. Jetzt muss er die Gartenmauer rechts neben sich spüren. Er geht ein paar Schritte, bis ihm der am Ende mit einer Kugel verdickte lange Stock, den er vor sich herschiebt, einen Absatz im Bordstein anzeigt. Nach rechts drehen und an der anderen Seite der Ummauerung entlang den Weg hinauf. Irgendwann ist da die Bushaltestelle. Einmal links rum bis zum Randstein. Da weiter entlang, bis der Briefkasten erreicht ist. Ein Katzensprung. Ihn tun zu können ist der Lohn nach einem halben Jahr Training.

Karl-Erich Kreuter geht spazieren. Er sieht dabei nichts, und er hört auch nichts. Deshalb trägt er an diesem Mittwoch eine grüne Signalweste mit großen Merkzeichen, eines steht für „blind“, eines für „taub“, und dazu einen Blindenstock. Ein eigenes Merkzeichen für Taubblinde gibt es nicht. Behindertenverbände und -stiftungen setzen sich seit Jahren dafür ein. Auch dafür, den Krankenkassen die speziellen Ansprüche von Taubblinden zu verdeutlichen.

Geistige Landkarte im Kopf

Bisher bekommt Karl-Erich Kreuter für das Mobilitätstraining zweimal wöchentlich eine Assistenz bezahlt. Dann üben Ewa Jankowska und Dolmetscherin Susen Köhler Rundgänge wie den zum Briefkasten mit ihm, finden Orientierungshilfen auf dem Weg. Und schreiten ein, wenn zum Beispiel in den neu gepflasterten Gehweg ein Blumenbeet eingelassen ist, das Kreuter noch nicht kennt. Dann redet Köhler mit dem taubblinden Mann, indem sie seine Hand nimmt und Zeichen gibt.

Die Sprache, in der die beiden kommunizieren, nennt sich Lormen. Die Dolmetscherin streicht über Kreuters Handinnenfläche und tippt mit ihren Fingerspitzen Zeichenkombinationen ein: das „S“ ist ein Kreis in der Mitte, das „R“ ein Prasseln auf den Handballen, beim „T“ streicht sie einmal den Daumen rauf und runter. Analoges Touchscreening. Kreuter spricht jede Silbe nach, bis ihm das ganze Wort beziehungsweise der Satz klar wird. Wenn er antwortet, redet er wie ein Gesunder, was daran liegt, dass er mehr als 30 Jahre lang hat hören können. Köhler bestätigt das Gesagte mit zwei Klapsern auf die Hand oder streicht über die Hand, wenn es nicht stimmt.

Stellen einprägen und Schritte zählen

Es kommt nicht oft vor, dass die beiden Assistentinnen beim Spaziergang helfen müssen. Kreuter kennt jeden Stein, weiß, dass nach der Hecke von Herrn Glas der Zaun von Herrn Garck kommt und dass dessen Haus nach hinten versetzt steht. Wenn er sich unsicher ist, tastet er die Stelle erst einmal mit dem Fuß ab und nickt kurz, sobald er sich sicher fühlt. Es kommt auch vor, dass Kreuter statt auf die Kreuzung zu in einen Hofeingang hineinläuft, dann hat er die Stelle auf seiner geistigen Landkarte, wie er es nennt, noch nicht verinnerlicht.

Beim Mobilitätstraining geht es vor allem ums Wiederholen und Erinnern, Kreuter muss sich alle Stellen und Besonderheiten einprägen. Manchmal zählt er sogar die Schritte bis zum nächsten markanten Punkt. Auf diese Weise läuft er in eineinhalb Stunden eine ganze Runde durchs Dorf, insgesamt sind es 1,7 Kilometer.

Essen - für Kreuter ein heikles Thema

Das Dorf heißt Vockenrod und liegt in der Nähe der Stadt Alsfeld. Rund 300 Menschen leben hier, es gibt eine Kirche, einen Friedhof, eine Feuerwehr und viele Felder. Kreuter lebt mit seiner Schwester in einem Einfamilienhaus, auf getrennten Etagen, die Scheune nebenan wird schon lange nicht mehr genutzt. In seiner Wohnung im ersten Stock sitzt Kreuter heute in seinem geräumigen Wohnzimmer, zur Straße hin hat es große, hohe Fenster. Wenn er etwas trinken will, geht er zu einem Schrank an der Längsseite des Raumes. Er ertastet die Gegenstände im Schrank, nimmt ein Glas und eine Flasche, füllt das Glas. Um zu wissen, wie viel er eingießen muss, hängt er einen orangfarbenen Füllstandsanzeiger an den Rand, der aussieht wie ein Tamagotchi-Ei. Er vibriert, sobald das Glas voll ist.

Auch wenn seine Schwester mit ihrer Familie nah ist, das meiste macht Kreuter allein: Er pflegt sich selbst, Frühstück und Abendbrot bereitet er allein in der Küche zu, die aus einer Küchenzeile besteht, der Herd und der Backofen sind abgeschaltet. Essen ist für Kreuter ein heikles Thema. Es ist der Grund für seine Sinnesbehinderungen. Die meisten Taubblinden haben einen Gendefekt, bei dem zu einer angeborenen Schwerhörigkeit im Laufe des Lebens eine individuell ausgeprägte Sehbehinderung hinzukommt.

Bei Kreuter ist es anders, er hat eine Stoffwechselstörung, sein Körper kann keine Säure abbauen und verarbeiten, die vor allem in Molkereiprodukten und dem Fleisch von Wiederkäuern vorkommt. Als Folge der Störung wird das Nervengewebe angegriffen. Kreuter hat dadurch erst den Geruchssinn verloren, dann wurde er schwerhörig und verlor das Augenlicht. Vor 20 Jahren entdeckten die Ärzte bei ihm das sogenannte Refsum-Syndrom, nachdem er schon vollends ertaubt war. Seitdem lebt er auf Diät, um den Status quo der Krankheit zu halten.

Lesen ist sein größtes Hobby

Auch wenn Kreuter bei normalem Licht nichts mehr sieht, kann er weiterhin starke Kontraste wahrnehmen. Zum Glück, sagt der Mann, dem das gedruckte Wort viel bedeutet. In seiner Wohnung fallen die vielen Bücher auf; im Büro füllen sie eine ganze Wand, Kisten voll mit Büchern stehen auf dem Boden. Lesen ist Kreuters größtes Hobby. Dafür benutzt er ein Lesegerät, einen großen Röhrenbildschirm mit einem Schlitten darunter. Zum Lesen braucht Kreuter weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund, und das in starker Vergrößerung, dazu eine Lesebrille, die einen Teil des Lichtspektrums filtert. Jeden Morgen liest er zuerst den Teletext, danach kommen Fachzeitschriften dran, dann vor allem Sachbücher: Kant, Machiavelli, Marx, Bismarck, Churchill, Scholl-Latour et cetera.

Abends geht Kreuter an seinen Computer, der auch im Büro steht. Hier informiert er sich im Internet auf den einschlägigen Nachrichtenseiten. Außerdem chattet er mit Bekannten oder schreibt E-Mails. Dafür braucht er keine Hilfsmittel, nur eine Bildschirmauflösung mit Farbumkehr. Das Schreibprogramm Word ist bei ihm schwarz und lila.

Kreuter ist Jurist, er hat in Gießen studiert und sich auf Öffentliches Recht spezialisiert, dann viele Jahre im Bundesarbeitsministerium in Bonn gearbeitet. Seine Leidenschaft ist nach wie vor die Politik, seine Ausdrucksweise klar und präzise. Er spricht von „Schlechtschreibreform“ oder „Lebensleistungsrente“, bemängelt „autoritären Stil und Opportunismus“ in der Politik.

Er schließt Verträge und geht wählen

Kreuter lebt nicht wie andere, aber er lebt, so weit es geht, autonom und selbständig. Dennoch braucht er professionelle Hilfe, braucht jemanden, der ihm, wenn andere Menschen dabei sind, das Gesprochene in die Hand übersetzt. Oder ihn zum Stammtisch für Hör- und Sehgeschädigte begleitet, der einmal im Monat in Marburg stattfindet. Vor allem aber braucht er jemanden, der den Arzt oder Beamten darauf hinweist, ihn direkt anzusprechen, er braucht Übersetzung, nicht Über-Protektion, nicht Bevormundung. Kreuter spricht für sich selbst, er regelt seine Papiere, schließt Verträge, geht wählen.

Und heute möchte er noch einkaufen gehen, im Drogeriemarkt. Assistentin Köhler ist dabei. Sie geht vorweg, er hält sich unter ihrem Ellenbogen fest, sodass seine Schulter direkt hinter ihrer ist. Die beiden laufen niemals Kurven, auch wenn sie Umwege machen müssen, der Griff ist sonst nicht mehr fest genug. Kreuter entschuldigt sich schon im Vorhinein, dass er etwas länger brauchen wird zum Einkaufen. Das liegt vor allem an seinen persönlichen Vorlieben. Das Mundwasser soll keine Zusatzstoffe haben, das Rasierwasser wenig Alkohol, der Zahnputzbecher sollte transparent sein. So muss ihm Köhler die zum Teil schwierig klingenden Inhaltsstoffe lormen, lange Worte. Wenn Kreuter etwas nicht versteht sagt er „Wie war das?“ oder „Noch mal“.

Nur wenige Leistungen vom Staat

An der Kasse nimmt Kreuter sein Portemonnaie aus seiner Bauchtasche. Die Geldstücke und die Scheine hat er vorher sortiert. Die Münzen befinden sich in einem kleinen Container, bei dem er über eine Schiene auf der Rückseite die verschiedenen Größen erkennt. Die Geldscheine lassen sich über ein Prüfgerät unterscheiden: bei einem Fünfer vibriert es einmal, bei einem Hunderter fünfmal.

Der Einkauf kostet 26,07 Euro. Köhler lormt Kreuter die Zahl in die Hand: Sechsundzwanzigeurosieben. Kreuter bezahlt mit drei Zehnerscheinen und seinem Münzcontainer, gibt der Kassiererin 31,07 Euro. Als er das Rückgeld bekommt, ist er kurz überrascht. Er hat den Fünfer und den Zehner verwechselt, er ärgert sich.

Die Hilfe beim Einkauf bekommt Kreuter nicht bezahlt, Susen Köhler bekommt kein Geld dafür, sie hat es ehrenamtlich getan. Weil Gesundheitspolitiker so tun, als sei Taubblindheit eine Kombination zweier Behinderungen. Behördlich bezahlte Hilfe für Taubblinde gibt es, wie in Kreuters Fall, meist nur für wenige Leistungen, und nicht in allen Bundesländern; Kreuter hat schon Glück mit dem Mobilitätstraining. So sieht die Logik im deutschen Sozialgesetzbuch aus: Falls der Blinde keine Assistenz beim Einkaufen braucht und auch der Taube nicht, dann braucht der Taubblinde auch keine.

Quelle: F.A.S.
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