Kommentar zu Neubaugebiet

An der falschen Stelle

Von Rainer Schulze
 - 13:35

Nach langen Querelen haben sich die Frankfurter Stadtverordneten darauf verständigt, mit den Planungen für ein Neubaugebiet zu beginnen. Das liegt zwar an der falschen Stelle, aber an den besten Stellen ist die Stadt längst bebaut. Ob auf den Feldern zwischen den Stadtteilen Niederursel und Praunheim einerseits und den Nachbargemeinden Steinbach und Oberursel andererseits überhaupt ein neuer Stadtteil wachsen kann, soll nun untersucht werden.

Die Hindernisse sind enorm. Erstens: Die achtspurige Autobahn 5, die auf zehn Spuren erweitert werden soll, muss in den neuen Stadtteil integriert werden. Andere Städte haben zwar gezeigt, dass man intelligent mit einer solchen Barriere umgehen kann. Aber die Autobahn bleibt ein planerisches Hindernis erster Güte.

Beliebte Viertel weiterbauen

Zweitens: Über das Gebiet führen Hochspannungsleitungen. Dass Wohnhäuser zu einer solchen Starkstrom-Trasse einen Sicherheitsabstand einhalten müssen, möglicherweise sogar 400 Meter, schränkt die Bebauung voraussichtlich stark ein.

Drittens: Der Stadtteil liegt im äußersten Nordwesten des Stadtgebietes und damit vom Zentrum aus gesehen hinter Stadtteilen mit geringem Prestige. Warum man die Stadt ausgerechnet an einer Stelle erweitern muss, an der sie nicht besonders gut funktioniert, ist schleierhaft. Zählten in der Kommunalpolitik Sachargumente, würde man gewachsene, beliebte Viertel weiterbauen.

Aber die Stadt hat sich, viertens, derart mit zum Teil freiwillig eingegangenen Beschränkungen selbst gefesselt, dass für eine sinnvolle Stadtentwicklung kein Platz mehr ist. Nur noch ein Prozent des Stadtgebiets ist bebaubar, für alle anderen Flächen gelten Restriktionen wie Siedlungsbeschränkungsgebiete aufgrund von Fluglärm und Landschaftsschutzgebiete. Erholungsräume wie der Grüngürtel sind sakrosankt, ohne dass der Erholungswert der jeweiligen Fläche überhaupt hinterfragt wird.

Die Politik agiert daher, fünftens, unaufrichtig. Die Empörung der Bürger in Praunheim und Niederusel ist nachvollziehbar, denn die Pläne werden als alternativlos dargestellt. Zu Recht hinterfragen sie, warum nicht noch andere Flächen geprüft werden. Aber auf dem Pfingstberg hat vor der Kommunalwahl eine einflussreiche Gruppe rund um hochrangige CDU-Politiker einen Apfelbaum gepflanzt und eine Bebauung mit ihrem Veto verhindert. Im Nordwesten wählt die Stadt den Weg des geringsten Widerstands.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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