Gegen den Branchentrend

Immer weniger Ausbildung im Werk Höchst

Von Thorsten Winter
 - 14:13
zur Bildergalerie

Wenn Frank Niebergall mit Stirnrunzeln und drastischen Worten über die Ausbildung im Industriepark Höchst und einen absehbaren Mangel an Fachkräften spricht, ist Obacht angesagt. Denn kaum jemand kennt das Stammwerk der früheren Hoechst AG so gut wie der Vorsitzende des Betriebsrats der Betreibergesellschaft Infraserv. „Gemessen an dem Aderlass der nächsten Jahre werden wir bald auf den Brustwarzen durch die Betriebe hier robben“, warnt Niebergall, der seit gut vier Jahrzehnten im Werk arbeitet.

Das meint der Arbeitnehmervertreter zwar nicht wörtlich. Doch illustriert er die Worte mit dramatischen Zahlen. Allein die 2700 Beschäftigte starke Infraserv-Gruppe werde aufgrund der Altersstruktur ihrer Belegschaft in den nächsten zehn Jahren 1100 erfahrene Mitarbeiter verlieren: Diese Beschäftigten werden in Rente gehen. Die verfügbare Menge der Nachrücker reicht laut Niebergall längst nicht aus, um die Lücke zu füllen.

Immer weniger Lehrlinge

Personalleiter Wolfhart Burdenski versucht zu beruhigen. „Es ist der Job eines Betriebsrats, darauf hinzuweisen, was sich da tun könnte“, sagt er. Infraserv-Chef Jürgen Vormann habe ein offenes Ohr für die Belange der Ausbildung, hebt er hervor – und Niebergall bestätigt das. Die Betreibergesellschaft habe in den vergangenen Jahren stets zwischen 60 und 70 Lehrlinge angeheuert. „Wir haben hier das Glück, eine gewisse Kontinuität der Ausbildung zu haben“, sagt der Personalleiter.

Das gilt aber längst nicht für alle Unternehmen an diesem Standort mit gut 22 500 Beschäftigten in 90 Firmen. Das machen Zahlen aus dem Büro von Udo Lemke deutlich. Wie der Geschäftsführer des Ausbildungs-Dienstleisters Provadis sagt, haben die Unternehmen im Industriepark zum laufenden Lehrjahr alles in allem 269 Auszubildende eingestellt. 2007 seien es 355 gewesen und zehn Jahre zuvor sogar noch 500 (siehe Grafik). Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat sich also die Zahl der neuen Lehrlinge im Werk Höchst beinahe halbiert.

Und nicht nur das: Sie liegt so niedrig wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr, sagt Lemke. Er muss es wissen. Schließlich rekrutiert Provadis für viele Firmen im Höchster Werk Lehrlinge und bildet sie aus.

Kontrast zu Erfolgsmeldungen

Lemkes Erfahrung und seine Zahlen stehen in scharfem Kontrast zu den Erfolgsmeldungen, mit denen die Chemie-Arbeitgeber regelmäßig aufwarten: Laut Hessenchemie und den Lobbyisten vom Verband der Chemischen Industrie haben die mehr als 300 Mitgliedsfirmen in den vergangenen Jahren stets zwischen 1430 und 1600 neue Lehrlinge eingestellt. Sie übertreffen in der Regel die tarifvertraglich geforderte Zahl. Lemke weiß zudem zu berichten: An dem von Provadis ebenfalls betreuten früheren Hoechst-Werk in Marburg haben in der jüngeren Vergangenheit mehr Auszubildende angefangen als in den Vorjahren.

Der Industriepark Höchst verliert also gegen den Branchentrend.

So erachtet Michael Klippel, der Betriebsratsvorsitzende von Sanofi, die Aussichten sogar als „sehr dramatisch“ – obwohl der Arzneimittelhersteller nicht zu den Sündern bei der Ausbildung zählt. Nach eigenen Angaben hat die deutsche Tochter des gleichnamigen Konzerns mit Sitz in Paris über die Jahre ziemlich stabil ausgebildet. Seit 2008 stellte sie demnach jährlich zwischen 120 und 166 Lehrlinge am Standort neu ein. Zwar datiert die niedrigste Zahl vom vergangenen September, doch waren es ein Jahr zuvor nur fünf Neuzugänge mehr bei Sanofi in Höchst. Daraus erklärt sich der Niedergang der Ausbildung im Werk also nicht. Ralf Erkens, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie, sagt, „dass einige sich auf andere verlassen“.

Über Bedarf ausgebildet

Wo also sitzen die Sünder? Hinter vorgehaltener Hand verweisen Betriebsräte und Personaler auf international tätige Konzerne. Der Infraserv-Gesellschafter Celanese etwa bilde weniger Kaufleute aus, seit er vor einigen Jahren Abteilungen nach Osteuropa ausgelagert habe. Ein Umstand, den der Betriebsrat des Chemieunternehmens offen beklagt. Zu hören ist auch, manche Betriebe nähmen mit Kusshand ehemalige Lehrlinge von Sanofi. Schließlich koste eine Ausbildung etwa 100 000 Euro. Dieses Geld sparten sich Unternehmen gern. Zumal Sanofi in der Vergangenheit über Bedarf ausgebildet habe.

Der Betriebsratsvorsitzende will dies aber nicht einfach unterschreiben. „Über Bedarf auszubilden würde ja bedeuten, immer genau zu wissen, wie hoch der Bedarf sein wird“, gibt Klippel zu bedenken. Er macht kein Hehl daraus, daran nicht zu glauben. Derzeit baue Sanofi Stellen ab – „gleichzeitig heißt es, wir brauchen mehr Leute“. Und Sanofi-Personalplaner sagen, die Zahl der Lehrstellen schwankt bisweilen stärker hin und her, als ihnen lieb sei.

Weniger Chemikanten, Pharmakanten und Produktionstechniker

Dazu passt die Absicht von Sanofi, zum neuen Lehrjahr im September für die in der Produktion wichtigen Berufe Chemikant und Pharmakant jeweils nur eine einstellige Zahl an Lehrlingen einzustellen. Derzeit arbeiten laut Betriebsrat etwa 5000 Männer und Frauen in der Produktion; Hunderte von ihnen gingen in den nächsten Jahren in Rente, mahnt er. Angesichts dessen müsse das Unternehmen ganz erheblich mehr Lehrstellen anbieten und nicht weniger. Ansonsten gehe die Schere weiter auseinander. Zumal anders als in früheren Zeiten längst nicht mehr jede frei werdende Stelle automatisch wiederbesetzt werde. „Jede einzelne muss in Paris beantragt werden.“

Der Hersteller von Arzneimitteln für Zuckerkranke und Allergiker hält sich mit Ausbildungsplätzen für die Produktion jedoch nicht als einziger zurück. Seit 2014 sinkt die Zahl der angehenden Produktionstechniker im Werk Höchst deutlich (siehe Grafik). Nicht ganz so stark nimmt die Ausbildung von Kaufleuten und Labortechnikern ab, wie Provadis-Geschäftsführer Lemke zu berichten weiß.

Produktivitätsfortschritte durch neue Technik

Infraserv-Personalleiter Burdenski gibt aber zu bedenken: „Ich glaube nicht, dass wir eine volle Stelle immer durch eine volle Stelle ersetzen werden.“ Denn neue Technik sorge für Produktivitätsfortschritte. Dadurch werde eine Aufgabe zwar komplizierter, das führe aber nicht zu mehr Arbeitsplätzen.

Das wissen auch Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter. Und: Die Investition in einen Lehrling bringt erst ein bis zwei Jahre nach Abschluss der Ausbildung eine Rendite. Angesichts dessen sagt Burdenski: „Da kann man nicht einfach in einem Jahr doppelt so viele Lehrlinge einstellen wie ein Jahr zuvor.“ Zumal sie gut betreut werden müssten. Infraserv-Betriebsratschef Niebergall plädiert dafür, Ausbildung und reine Betriebswirtschaft voneinander zu entkoppeln. Der Wert einer Lehre lasse sich nicht in einem Jahresabschluss abbilden.

War for Talents

Dessen ungeachtet ist längst klar, die Chemie- und Pharmaindustrie befindet sich im sogenannten War for Talents, einem Ringen um rarer werdende Nachwuchskräfte. Während immer weniger Jugendliche die Schulen verlassen, strebt ein steigender Anteil von ihnen an die Hochschulen: Zur Jahrtausendwende waren es erst 33,5 Prozent, 2016 schon mehr als die Hälfte, wie Lemke berichtet. Sie fehlen in der dualen Ausbildung, die bisher das wichtigste Fachkräftereservoir der Branche bildet. Gewerkschafter Erkens warnt deshalb: „Wer den demographischen Wandel heute verschläft, der wird in der Folge morgen aus dem Markt gedrängt.“

Provadis ist auf jeden Fall ganz wach. Der Dienstleister sucht Lehrlinge sogar per Instagram und Facebook.

Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSanofiBetriebsratHoechstAusbildungIndustriepark