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Gerti Elias

Die Schatzfinderin

Von Hans Riebsamen
 - 10:18
Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Buch über Anne Franks Familie entstehen konnte: Gerti Elias. Bild: Frank Röth, F.A.Z.

Samstags Grüne Soße. Nicht manchmal, sondern immer. Grüne Soße mit Rindfleisch. Bei den Familien Frank und Elias in der Herbstgasse in Basel sagte man natürlich nicht Grüne Soße, sondern Grie Soß. Wie man dort überhaupt frankfurterisch gebabbelt hat. „Den kenn ich vom Weggucke“, sagte Leni, die Mutter von Buddy Elias, Anne Franks Cousin, immer, wenn ihr jemand missfiel. Fand sie einen sympathisch, kommentierte sie das mit dem Satz: „Der kann zu mir zum Esse komme.“ Viele sind gekommen. Zum Beispiel der Fernsehmoderator Hans-Joachim Kulenkampff. Oder der Bildhauer Alberto Giacometti. Auch die Schauspielerin Audrey Hepburn war einmal da. Sie sollte die Anne spielen in der amerikanischen Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank. Otto Frank, der Vater von Anne und Verwalter ihres Erbes, war sich mit den Produzenten schon einig. Doch Hepburn sagte am Ende ab, sie fühlte sich der Rolle nicht gewachsen.

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Von all diesem erzählt Gerti Elias, die Frau von Buddy Elias. Am 1.Februar feierten die beiden ihren 50.Hochzeitstag. „Es ging Buddy so gut“, erinnert sie sich. Am 16.März ist er gestorben, er war der letzte lebende leibliche Verwandte von Anne Frank und in der Nachfolge von Otto Frank der Hüter von Annes Vermächtnis.

Eine Art Trauerbewältigung für sie

Eigentlich sollte Buddy Elias jetzt in Frankfurt, seiner Geburtsstadt, von der berühmten Cousine Anne erzählen, er hatte zugesagt, an mehreren Veranstaltungen des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ teilzunehmen. Schließlich hat er viel zu der von Mirjam Pressler verfassten Biographie der Familie von Anne Frank beigetragen, die beim Fischer Verlag unter dem Titel „Grüße und Küsse an alle“ erschienen ist.

Seine Frau Gerti ist gekommen. Ihre Auftritte bei dem Festival sind für sie auch eine Art Trauerbewältigung. Sie hat ihrem Mann versprochen, im Fall seines Todes sich nicht völlig in Schmerz aufzulösen. Dass es das Buch „Grüße und Küsse an alle“ überhaupt gibt, ist Gerti Elias zu verdanken. Sie hat, nachdem die Eltern ihres Mannes und Herbert Frank, Annes Onkel, gestorben und ihre beiden Söhne aus dem Haus waren, den jahrzehntelang völlig vollgestellten Dachboden des Hauses in der Herbstgasse aufgeräumt. Als Erstes hat sie ein Bündel Briefe aus dem Nachlass ihrer Schwiegermutter Leni entdeckt. Klopfenden Herzens stand sie da und überlegte: „Darf ich da jetzt reinschauen?“ Sie hat die Briefe Lenis schließlich gelesen und später die anderer Familienmitglieder, die sie an mehr als 40 verschiedenen Stellen des Speichers entdeckt hatte.

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Uneitle und kongeniale Partnerin

Es gibt wenige Frankfurter Familien, die so viele schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben wie die Franks und die ihnen verwandten Familien. Gerti und Buddy Elias haben schnell gemerkt, dass da unter dem Dach der Herbstgasse ein kulturhistorischer Schatz überlebt hat. Sie wandten sich an den Anne-Frank-Fonds in Basel und sagten: „Es muss etwas geschehen.“ Daraufhin beschloss der Fonds, den Nachlass zu digitalisieren. Die Hauptarbeit hat Gerti geleistet, die die vielen Briefe in Sütterlinschrift entzifferte und in den Computer eingab. Nach zweieinhalb Jahren war sie damit fertig und ihr Rechner gestopft voll mit 10000 Seiten.

Für das Ehepaar Elias war es nur folgerichtig, dass aus dem Material eine Familienbiographie entstehen sollte. Gerti erstellte ein Konzept, traute sich aber nicht zu, das Buch zu verfassen. So kam die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler ins Spiel, die einst eine kritische Ausgabe von Annes Tagebuch erstellt hatte und Gerti sowie Buddy wohlbekannt war. Mirjam Pressler sei die optimale Wahl gewesen, sagt Gerti: „Ich liebe das Buch sehr.“ Doch sie, die so uneitle Gerti Elias, hat entscheidend zu dem Werk beigetragen. Man kann sie als eine Art Ko-Autorin ansehen. Überhaupt ist sie, die 1965 in die Familie Elias eingeheiratet hat und mit offenen Armen von der Familie aufgenommen wurde, ihrem Mann Buddy eine kongeniale Partnerin bei dessen Versuch gewesen, die humanistische Botschaft der Anne Frank in die Welt zu tragen. Gerti, am 8.Mai 1933 in der Nähe von Graz geboren, hatte Buddy Elias bei einem gemeinsamen Auftritt beim Landestheater Tübingen kennengelernt. In den vergangenen Jahren ist sie rastlos mit ihm durch die Welt gereist, um vor Schulklassen oder Kirchengemeinen von Anne und ihrer Familie zu erzählen. Jetzt ist sie das Oberhaupt jener Familie, in die sie vollkommen hineingewachsen ist. Gerti Elias empfindet es als ein großes Glück, dass Frankfurt endlich Anne Frank als Kind dieser Stadt angenommen hat. Im Familie-Frank-Zentrum, das jetzt im Jüdischen Museum eingerichtet wird, verdient diese wunderbare Frau einen Ehrenplatz.

Quelle: F.A.Z.
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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