Betreuung von Demenzkranken

Trotzdem aktiv

Von Martin Ochmann
 - 15:18

Die Kartoffel ist geschält. Mustergültig dünne Schale häuft sich auf dem Brettchen vor der alten Frau. Sie blickt einige Sekunden auf die Kartoffel. Dann wandert ihr Blick zu Steffanie Reidenbach, wortlos hält sie ihr die geschälte Kartoffel entgegen. „Die müssen Sie noch kleinschneiden“, sagt Reidenbach. „Ja“, antwortet die alte Frau mechanisch und beginnt, die Kartoffel kleinzuschneiden.

Heute gibt es einen Kartoffel-Möhren-Eintopf mit Würstchen beim Verein „Trotzdem Aktiv“, der in zwei gemieteten Räumen im Gemeindezentrum der evangelischen Miriamgemeinde in Kalbach Menschen mit Demenz betreut. In Schüsseln auf dem Tisch liegen Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln, um den Tisch herum sitzen drei alte Damen, schälen und schneiden stoisch das Gemüse. „Jetzt läuft ein bisschen das Näschen“, sagt eine der Frauen trocken, der beim Schneiden der Zwiebeln Tränen die Wangen herunterrinnen. Seelenruhig schneidet sie weiter. Es ist ruhig in dem Raum, das monotone Ratschen vom Gemüseschneiden hat fast eine einschläfernde Wirkung. Ein alter Mann döst in seinem Stuhl.

„Sie müssen die Enden abschneiden“

Die Kartoffel ist mittlerweile kleingeschnitten, die alte Frau nimmt sich eine Möhre aus der Schüssel. Sie blickt auf die Frucht und dann zu Reidenbach. „Sie müssen die Enden abschneiden“, sagt Reidenbach. „Ach ja?“ – „Ja, und dann schälen“ – „Na, das kann ich ja dann so machen, oder?“, fragt die alte Frau und macht in der Luft Schälbewegungen. „Ja, genau“, sagt Reidenbach.

Die Fünfunddreißigjährige ist es gewohnt, dass sie viel von dem, was sie sagt, sehr oft wiederholen muss. Sie ist ausgebildete Pflegehelferin und arbeitet als Betreuungsassistentin bei „Trotzdem Aktiv“. Der Name der Initiative ist Programm: Die Betroffenen sollen nicht allein dahinvegetieren, sondern trotz ihrer Demenzerkrankung aktiv sein.

„Mit der Krankheit verlieren die Betroffenen allmählich viele Fähigkeiten, durch diese Aktivierung kann man den Prozess verlangsamen“, sagt Reidenbach, die bei den Maltesern drei Monate lang die Pflegeausbildung „Demenzaktivierung“ gemacht hat. „Wenn man sie nicht beschäftigt, bauen die Betroffenen schneller ab“, meint sie. Die alte Frau, die neben ihr das Gemüse schält und schneidet, begleitet Reidenbachs Ausführungen mit einem regelmäßigen mechanischen „Ja“.

So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

Ein Flur verbindet die beiden Räume im Gemeindezentrum. Von der Decke hängt ein Zweig, daran ein Zettel: „Die Würde des Demenzkranken ist unantastbar.“

Im zweiten Raum sitzt ein alter Mann an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Blatt aus einem Kindermalbuch, darauf die Silhouette einer Ente, neben dem Blatt liegen vier Farbstifte, rot, lila, grün und gelb. „Das können Sie jetzt ausmalen“, sagt Betreuungsassistent Rüdiger Reiser. Der alte Mann malt sehr gerne solche Bilder aus, viele seiner Werke hängen im Flur. Doch jetzt blickt er einfach nur auf das Papier, er guckt und guckt. Lange Zeit passiert nichts. Dann ballt er beide Hände zu Fäusten, er hebt sie an, hält sie neben seinen Kopf und gibt verzweifelt klingende Laute von sich. Unvermittelt greift er zum gelben Stift und fängt an, den Vogel sorgfältig auszumalen. „Scheiße“, sagt er, als der gelbe Stift versehentlich über die schwarze Linie rutscht. Reiser sagt: „Er ist ein sehr ordentlicher Mann.“

Die Erkrankten so zu beschäftigen habe viele positive Effekte, nicht nur den, dass sich der Abbau verlangsame. „Sie werden selbstsicherer, finden Ruhe und werden ausgeglichener“, meint Reiser. „Scheiße“, raunt der alte Herr neben ihm, der den Bauch der Ente mittlerweile lila ausmalt und abermals mit seinem Stift verrutscht ist. Die Initiative sei eine Art „Familienersatz“, sagt Reiser weiter.

Täglich von neun bis 17 Uhr können Angehörige ihre Familienmitglieder ins Gemeindezentrum bringen. Für diejenigen, die einen an Demenz Erkrankten betreuen, sind Angebote wie das von „Trotzdem Aktiv“ viel wert. „Das ist ein 24-Stunden-Job, und damit ich mal den Kopf freibekomme, einkaufen, zum Friseur gehen oder Hausarbeit machen kann, ist das sehr, sehr wichtig“, sagt die 73 Jahre alte Monika Ranze aus Harheim. Auch sie bringt ihren Mann regelmäßig in die Einrichtung nach Kalbach und lobt die „liebevolle“ Betreuung und das Engagement der Mitarbeiter.

Für die Dreiundsiebzigjährige ist der Alltag mit ihrem Mann sehr anstrengend. „Und ich habe noch Glück, er kann noch einiges selbst“, berichtet sie. Wenn sie ihm die Abläufe pantomimisch vormache, könne ihr Mann sich zum Beispiel waschen und rasieren. „Man darf sich nicht daran erinnern, was dieser Mann alles mal konnte, das Emotionale muss man verdrängen, denn wenigstens ich muss in der Spur bleiben“, sagt Ranze. Wer einen Demenzkranken pflege, gebe sehr viel von seinem Leben auf. „Und wenn die Nacht schlecht war, ist es ein echter Trost für mich, zu wissen, dass ich mich am Mittag hinlegen kann.“

Marion Schuster, examinierte Krankenpflegerin und seit anderthalb Jahren ehrenamtlich in der Initiative engagiert, weiß um die Belastung, die die Betreuung eines Demenzkranken mit sich bringt. „Ich bin hier, weil ich gerne mit Menschen arbeite“, sagt die 57 Jahre alte Mitarbeiterin. Doch es sei auch psychisch anstrengend, sich immer wieder auf die Betroffenen einzustellen. „Man muss sehen, dass man es nicht mit nach Hause nimmt.“

Startkapital von 1000 Euro

Gegründet hat den Verein „Trotzdem Aktiv“ Hannelore Schüssler, Demenzfachkraft im Ruhestand. Mit einem Startkapital von 1000 Euro – so hoch war der Bürgerpreis der Stadt Frankfurt dotiert, den sie 2013 erhielt – und weiteren 5000 Euro eines „Gönners“ fing sie an. Bis zu zehn Klienten werden täglich betreut, die Kosten für das zu Beginn niedrigschwellige Angebot können von den Pflegekassen übernommen werden. Mittlerweile arbeiten fünf Hauptamtliche, fünf ehrenamtlich Tätige und eine Minijobberin für den Verein, bis zu fünf Stunden am Tag können die Betroffenen in die Einrichtung kommen. Die Nachfrage sei groß. „Und unsere Einrichtung hat sich verändert, wir haben kein niedrigschwelliges Angebot mehr“, meint Schüssler. Weil alles viel größer ist als am Anfang, denkt sie darüber nach, aus der Initiative eine Tagespflegeeinrichtung zu machen.

„Sie können die Arbeit nicht machen, wenn sie immer nur das Negative sehen“, sagt Schüssler. Man müsse sich über kleine Erfolge freuen können. „Und das ist eine ganz wunderbare Klientel, von der man viel zurückbekommt.“ Doch auch für sie ist die Arbeit nicht immer leicht. Einen Mann, der in ihre Einrichtung kommt, kennt sie aus der Zeit, als er noch gesund war. Jetzt erlebt Schüssler, wie der Mensch, den sie so ganz anders kennt, abbaut. „Und das zu sehen ist schwer.“

Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gibt es in Frankfurt in großer Zahl, zum Beispiel das Rathaus für Senioren und den Pflegestützpunkt. Die Alzheimer Gesellschaft Frankfurt lädt nächste Woche zum Thementag Demenz, Infos unter www.frankfurt-alzheimer.de. Auch das Bürgerinstitut informiert über Hilfen, der Beratungsbus „Hilda-Mobil“ fährt dafür in die Stadtteile (www.buergerinstitut.de). Weitere Informationen unter www.aelterwerden-in-frankfurt.de/frankfurter-programm.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ochmann, Martin
Martin Ochmann
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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