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Bildungsstätte Anne Frank

Hilfe für Opfer rassistischer Gewalt

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
 - 18:38
Namensgeberin: Die Bildungsstätte nennt sich nach dem Frankfurter Mädchen, das im Hinterhaus-Versteck in Amsterdam sein berühmtes Tagebuch schrieb. Bild: Anne-Frank-Fonds, F.A.Z.

Eine Frau in Bornheim, die sich gegen Rassismus engagiert, wird wiederholt von Rechtsradikalen belästigt. Junge Neonazis rufen nachts an und machen sich am Schloss ihrer Wohnungstür zu schaffen. Das ist ein klassischer Fall für ein mobiles Interventionsteam der Bildungsstätte Anne Frank. Sie gehört dem hessischen Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus an, das Opfern von Rechtsradikalen beisteht. Allein die für Frankfurt zuständige Bildungsstätte hat es im Jahr mit durchschnittlich 60 Fällen zu tun.

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Nun bereitet die 1997 als Jugendbegegnungsstätte Anne Frank gegründete Institution ein neues Projekt vor: die Beratungsstelle „Response“ für Opfer rechter und rassistischer Gewalt, die für ganz Hessen zuständig ist. Am 6. April nächsten Jahres soll sie eröffnet werden. Das Datum ist bewusst gewählt: Am 6. April 2006 wurde in Kassel Halit Yozgat vermutlich von den NSU-Terroristen in einem Internetcafé ermordet.

Eine Leiterin für „Response“ und auch eine Psychologin sind schon bestellt worden, derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten. Für das Projekt erhält die Bildungsstätte Anne Frank jeweils 50.000 Euro im Jahr vom Bund und vom hessischen Innenministerium. Die Finanzierung ist bis 2019 gesichert.

Vor fünf Jahren noch ein Wunschtraum

Das Konzept sieht vor, dass die Beratung der Opfer getrennt wird von der Arbeit mit den Tätern. Das war eine Bedingung, die Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte, gestellt hatte. Künftig werden alle Fälle rechter Gewalt automatisch der neuen Beratungsstelle gemeldet, dort sollen die Angegriffenen Unterstützung bekommen. Andere Teams, die durchaus auch von fremden Institutionen entsandt werden können, sollen auf die Täter einwirken und den Kontakt mit den Behörden herstellen.

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Als Mendel vor fünf Jahren sein Amt antrat, waren solcherlei Aktivitäten nur ein Wunschtraum im Kopf des neuen Direktors. Damals bestand die Jugendbegegnungsstätte Anne Frank, die ihren Sitz im ehemaligen Haus der Jugend, Hansaallee 150, genommen hatte, aus einer Ausstellung über Anne Frank, einem Leiter und drei halben Stellen. Der Etat hatte viele Jahre zwischen 230.000 und 270.000 Euro gelegen. Mittlerweile verfügt die Bildungsstätte Anne Frank, wie die Institution seit 2013 heißt, über 17 Stellen und einen Etat von 1,7 Millionen Euro.

Zielgruppe ist die deutsche Migrationsgesellschaft

Ihre Arbeit ist auch nicht mehr nur auf Jugendliche ausgerichtet, mittlerweile nehmen hier viele Multiplikatoren aus Schulen und anderen Bildungseinrichtungen an Seminaren, Fortbildungen und Workshops teil. Jüngst absolvierten etwa 20 angehende Imame eine Ausbildung für Konfliktmanagement. Weil Anne Frank, die Namensgeberin, ein jüdisches Mädchen war, gilt die Bildungsstätte vielen als eine jüdische Einrichtung. Das will sie aber nicht sein und ist es auch nicht mehr.

Ihre Zielgruppe bildet die deutsche Migrationsgesellschaft. Zu ihr gehören zum Beispiel junge Iraner, deren Eltern einst vom Schah-Regime ermordet wurden. Ihnen hat Mendel damals die erste Sonderschau der Bildungsstätte gewidmet. Es ist eine besonders anrührende Ausstellung geworden: Die Kinder der Opfer zeigten Erinnerungsobjekte, die sie von ihrem Vater oder ihrer Mutter aus dem Gefängnis bekommen hatten. Zum Beispiel eine Halskette aus Dattelkernen, die ein Vater in der Zelle ohne Werkzeuge poliert hatte.

Mit Hochdruck wird auch an neuer Schau gearbeitet

Die halbe iranische Exilgemeinschaft reiste damals zur Ausstellung an, es kamen sogar drei Busse aus Paris. Mittlerweile gab es weitere Sonderschauen etwa zu dem Genozid an den Armeniern oder über die Biographie von Schwarzen in Deutschland – immer verbunden mit Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen. Ziel der Bildungsstätte ist es, einen Ort zu bieten, an dem diverse Gruppen der Migrationsgesellschaft ihre Geschichte erzählen können.

Unter der Leitung von Mendel ist aus einer lokalen Einrichtung eine überregional und sogar international agierende Institution geworden. So schickt die Bildungsstätte seit Jahren das mobile Lernlabor, das heute mobiles Demokratielabor heißt, durch die Republik. Die interaktive Ausstellung, die Jugendliche nicht konsumieren lässt, sondern sie zur aktiven Teilnahme motiviert, ist bis Mitte 2017 ausgebucht. In einem anderen, von der EU finanzierten Projekt hat die Bildungsstätte Lehrer aus Palästina nach Deutschland geholt und umgekehrt.

Das zentrale Angebot bleibt aber weiterhin die Anne-Frank-Ausstellung. Sie war schon nicht mehr auf der Höhe der Zeit, als Meron Mendel 2010 sein Amt antrat. Mit Hochdruck arbeitet die Bildungsstätte zurzeit an einer neuen Schau. Sie soll offen, hell und einladend sein und Jugendlichen die Botschaft vermitteln, dass sie etwas verändern können. Von den Kosten in Höhe von mehr als einer Million Euro übernimmt der Bund die Hälfte, Stadt und Land schießen jeweils 70.000 Euro zu. Den Rest will die Bildungsstätte bei Unterstützern einwerben. Das sehr junge und sehr engagierte Team um Mendel wird das schaffen.

Quelle: F.A.Z.
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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