Leben mit Downsyndrom

„Ich gehe meinen Weg“

Von Ingrid Karb
 - 19:52

In diesem Mai ist Carina Kühne besonders gefragt. Im Kalender der 32 Jahre alten Südhessin stehen unter anderem Termine in München, Bonn und Berlin. Dort hält sie Vorträge und nimmt als Referentin an Lehrer-Workshops teil. Ihr Thema ist die Inklusion. Dazu bloggt die junge Frau seit 2010 im Internet. Sie berichtet auf ihrer Homepage www.carinakuehne.com wortgewandt aus eigener Erfahrung: Ihre Familie und sie haben hart dafür kämpfen müssen, dass sie auf eine reguläre Schule gehen durfte.

Denn die Zweiunddreißigjährige hat das Downsyndrom, auch Trisomie 21 genannt. Bei ihr ist das 21. Chromosom dreifach vorhanden. Verbunden ist dies mit typischen körperlichen Merkmalen. Am auffälligsten ist, dass die schlanke Frau nur wenig größer als 1,50 Meter ist. Krank sei sie aber nicht, hebt Carina Kühne hervor. Sie leide auch nicht unter dem Downsyndrom. „Ich leide nur unter der Ablehnung der anderen Menschen.“ Um daran etwas zu ändern, setzt sie sich für Integration und Inklusion ein. Das tut sie in ihrem wohlformulierten Blog, den lediglich die Mutter gegenliest, sowie einfach und sehr direkt in ihren Vorträgen. „Ich bin zwar anders, aber das stört mich nicht“, sagt sie selbstbewusst. „Ich bin halt so, wie ich bin. Ich gehe meinen Weg und lasse die anderen reden.“

Musikalische Familie

Heute muss Carina Kühne, die zusammen mit ihrer Mutter in Seeheim-Jugenheim lebt, nicht weit anreisen. Im Terminkalender steht eine Generalprobe in Frankfurt. Es geht um die Eröffnungsfeier für das Down-Sportlerfestival am Samstag im Stadtteil Kalbach. Kühne, die 2014 durch ihre Hauptrolle im Film „Be my Baby“ bekannt wurde, ist schon von Anfang an dabei, hat seit 2003 jedes Jahr teilgenommen. Auch dieses Mal wird sie wieder zu Beginn die Nationalhymne am Klavier spielen. Dafür muss sie heute mit dem Sänger üben.

Die gebürtige Berlinerin, die im Kindergartenalter mit Mutter und Bruder nach Südhessen kam, stammt aus einer musikalischen Familie. Als kleines Kind aß sie nur, während ihr acht Jahre älterer Bruder am Klavier spielte. Schon mit fünf Jahren bat sie eine Tante, die als Musiklehrerin arbeitet, ihr das Flötenspiel beizubringen. Später lernte sie wie der Bruder, der ihr großes Vorbild ist, Klavier zu spielen.

Große Vorbehalte

Er war auch Vorbild für ihre sportliche Betätigung, das Tauchen. 2011 hat Carina Kühne den Tauchschein gemacht – als vermutlich erste junge Frau mit Downsyndrom, wie ihr Tauchlehrer meint. Ermöglicht hat ihr dies der Darmstädter Verein „Die Wasserflöhe“, in dem Behinderte zusammen mit speziell geschulten Freizeittauchern unter Wasser gehen. Das hat sie schon im Roten Meer in Ägypten und an der Costa Brava getan.

Beim Sportfest am Samstag wird Carina Kühne den Besuchern den Tauchverein vorstellen, der für seine integrative Arbeit ausgezeichnet wurde. Die Teilnehmer können sich dort aber nicht nur über Sportangebote informieren, sondern auch vieles ausprobieren und sich im Wettbewerb messen. Kühne mag die „tolle Atmosphäre“ des Sportfests: Alle seien fröhlich, wie eine große glückliche Familie. Besonders schön findet sie jedoch, dass „man allen alles zutraut“. Jeder dürfe das machen, was er könne. Das sei im Alltag von Menschen mit Downsyndrom die Ausnahme. Zu groß seien die Vorbehalte ihnen gegenüber.

In den Weg gestellte Hürden

Über ihre Grundschullehrerin kann sich Carina Kühne immer noch aufregen. Die Lehrerin habe nicht gewollt, dass sie „normal mitlernte“, ihr spezielle Arbeitsblätter gegeben. „Und wenn ich mal die Mathematikaufgaben der Klasse gemacht habe, hat sie mir die wieder ausradiert“, empört sich die junge Frau. „Ich fand das unmöglich, dass sie mir einfach nichts zugetraut hat.“ Sie lernte aus eigenem Antrieb das Lesen, doch die Lehrerin unterstellte ihr, den Sinn nicht zu verstehen. Sie wollte Carina in die Sonderschule schicken.

Doch die Mutter kämpfte, wandte sich an viele weiterführende Schulen und legte Rektoren die Hefte der Tochter vor. Sie wollte, dass Carina auf eine Regelschule geht, damit sie Ansporn bekommt. Denn schon im integrativen Kindergarten hatte Carina andere Kinder nachgeahmt – auch die geistig behinderten.

Schließlich durfte Carina Kühne eine Gesamtschule besuchen, die Stadtteilschule in Darmstadt-Arheiligen. Sie war eine gute Schülerin, hatte im Abschlusszeugnis nur Einser, Zweier und Dreier. Im Fach Englisch, das sie gar nicht hätte belegen müssen, war sie sogar Klassenbeste. Dass sie dennoch nur den Hauptschul- und nicht den Realschulabschluss erworben hat, lag ihrer Ansicht nach an den Hürden, die man ihr in den Weg stellte. „Irgendwann war einfach die Luft draußen“, sie habe nicht mehr kämpfen wollen, sagt sie.

Drehbuch mit vielen Nacktszenen

Nach der Schulzeit wurde es nicht leichter für sie. Trotz Hunderter Bewerbungen fand sie keinen Ausbildungsplatz. Sie absolvierte Praktika in einem Waldorfkindergarten und in einer Arztpraxis. Dort habe man sie zwar gelobt, wollte sie aber nicht übernehmen, berichtet Kühne. Sie suchte sich einen Job, arbeitete in einem Café in Dieburg. Ab und zu durfte sie sogar bedienen und den Gästen an drei Abenden im Monat am Klavier vorspielen.

Doch dann kam es zu einem Konflikt mit dem Chef. Sie habe sich beim Putzen „blöd angestellt“ und zwei Schalter verwechselt, erzählt Kühne. Daraufhin habe der Chef sie mit einer Wasserflasche geschlagen. Das ließ sie sich nicht gefallen und zeigte ihn an. Am Ende musste jedoch sie gehen und nicht der Chef. Später arbeitete sie in einem Supermarkt in Pfungstadt, wo sie Regale einräumte und hin und wieder an der Kasse saß.

Die berufliche Wende kam mit einem Rollenangebot für einen Film aus der Reihe „Kleines Fernsehspiel“. Die Regisseurin Christina Schiewe war im Internet auf sie aufmerksam geworden. Sie wollte die Geschichte über ein Mädchen mit Downsyndrom verfilmen, das sich ihren Kinderwunsch erfüllen will. Als Carina Kühne das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie zunächst ab. „Da waren so viele Nacktszenen drin, das gefiel mir nicht.“ Das Drehbuch wurde daraufhin geändert.

Filme fördern Vorurteile

Der Film wurde ein Erfolg, erhielt sechs Preise. Carina Kühne besuchte mit der Filmcrew viele Festspiele. „Über den roten Teppich zu gehen, das war schon schön.“ Sie lernte dort viele Schauspieler persönlich kennen. Es folgten weitere Rollenangebote, Kühne spielte zum Beispiel eine Episoden-Hauptrolle in der Arzt-Serie „In aller Freundschaft“, war zuletzt für Dreharbeiten in Bozen und Prag.

Obwohl ihr das Schauspielen Spaß macht, ist sie nicht ganz glücklich damit. In den Filmen würden immer Klischees über Behinderte bedient, kritisiert die junge Frau. Sie müsse sich dafür dümmer stellen, als sie sei, abgehackt sprechen. Tatsächlich spricht sie zwar nicht immer ganz deutlich, aber flüssig und viel, auch wenn sie dabei manchmal den Faden verliert. Im Film werde ein falscher Eindruck vermittelt, der dann das Bild von Behinderten präge, klagt sie. Auch in „Be my Baby“ sei das so gewesen. Das fördere jedoch Vorurteile bei den Zuschauern.

„Eigentlich ganz zufrieden“

Welche Auswirkungen das haben kann, weiß Carina Kühne aus eigener Erfahrung. Die Ärztin, die sie eigentlich nach dem Praktikum übernehmen wollte, hat davon Abstand genommen, nachdem sie einen Film über einen Jungen mit Downsyndrom gesehen hatte. Statt die Leistung des Hauptdarstellers anzuerkennen, habe sie die Handlung für real gehalten. Und dann entschieden, dass sie „so etwas“ nicht in der Praxis brauche.

Deshalb möchte Kühne „nicht immer die Behinderte spielen“. Am liebsten hätte sie eine Rolle in einer Folge des „Traumschiffs“, die in der Südsee spielt. Dann könnte sie ihre beiden Leidenschaften, das Schauspielen und das Tauchen, miteinander verbinden. Weil ihre Gagen für den Lebensunterhalt nicht ausreichen, hat sich Carina Kühne mit Unterstützung eines Existenzberaters selbständig gemacht, verlangt für ihre Vorträge ein Honorar. Dass einige Organisationen ihr nichts zahlen wollen, ärgert sie. „Die sagen, ich könne doch froh sein, dass sie mich einladen“, sagt sie empört. Zurzeit läuft es jedoch gut mit Aufträgen. „Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit meinem Leben.“

Das Down-Sportlerfestival findet in diesem Jahr am Samstag, 20. Mai, in Frankfurt-Kalbach zum 15. Mal statt. Erwartet werden wie in den Vorjahren mehr als 500 Teilnehmer und etwa 1500 Besucher. Eröffnet wird das Sportfest im Sport- und Freizeitzentrum Kalbach, Am Martinszehnten 2, um 11 Uhr mit dem Einzug der Teilnehmer. Danach folgen bis 17 Uhr Wettkämpfe in Laufen, Werfen, Weitsprung und Tischtennis sowie Workshops zu verschiedenen Sportarten wie Reiten, Ringen und Tanzen. Außerdem wird gemeinsam gespielt, und es gibt Informationen zu Gesundheitsthemen.

Quelle: F.A.Z.
Ingrid Karb  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ingrid Karb
Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
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