Christuskind im Liebieghaus

Geküsst, geknuddelt und gekleidet

Von Michael Hierholzer
 - 19:59

Sie galten nicht nur als Bräute, sondern auch als Schwestern und Mütter Christi: Nonnen, die sich aus der Welt zurückgezogen hatten, um im Kloster ein Leben ohne Mann, ohne Kinder zu führen. Nicht alle verzichteten darauf freiwillig. Frauen wurden von ihren Eltern, die so die Mitgift sparten, einem Konvent anheimgegeben, oder von Ehegatten, die ihr Aufenthaltsrecht bestimmen duften, dorthin entsorgt. Andere gingen ins Kloster, um sich vor einer Zwangsehe zu schützen. Gewiss aber gab es gerade im späten Mittelalter auch eine oft mystisch inspirierte Frömmigkeit, die Frauen aus eigenen Stücken und gewählter Gottergebenheit veranlasste, ihr Leben in Kontemplation zu verbringen. Neben leichteren Arbeiten bedeutete dies für sie vor allem: beten.

Wir dürfen annehmen, dass es zwischen den kalten Mauern einer Abtei einigermaßen eintönig zuging und wenig Reize gab, die vom gottesfürchtigen Alltag ablenkten. Trost spendete der Herr. Und er sorgte auch für Abwechslung. Zumindest dann, wenn er als kleines Kind in Form einer Figur in der Zelle einer Nonne stand. Häufig wurde er schon der Novizin bei ihrem Eintritt in die geschlossenen heiligen Hallen mitgegeben. Als Andachtsobjekt. Zur Aufheiterung.

Pausbäckiger und wohlgenährter Knabe

Eine solche Skulptur hat das Frankfurter Liebieghaus kürzlich erworben. Die Ernst von Siemens-Kunststiftung trug mit einer erklecklichen Summe zum Ankauf bei. Stefan Roller, Leiter der Mittelalterabteilung im Museum alter Plastik, stellte das Werk jetzt vor. Und gab Einblicke, wie wichtig diese Art von dreidimensionalem Bildnis für den Seelenhaushalt weiblicher Klosterbewohner war. Das Christuskind aus bemaltem Laubholz ist erstaunlich groß, was auch Philipp Demandt, Leiter von Liebieghaus, Städel und Schirn, wunderte, als er davon hörte, und ihn sofort alles in Bewegung setzen ließ, um die geschnitzte Gestalt zu erstehen. Der lockige Knabe, pausbäckig und wohlgenährt, misst vom Scheitel bis zur Sohle 63,5 Zentimeter und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt vergleichbarer Werke. Dem Ulmer Meister Michael Erhart wird der hölzerne Jesusknabe zugeschrieben, zwischen 1470 und 1475 dürfte er entstanden sein. Dass ihm die Vorderarme fehlen, deutet auf seine Funktion hin: Er diente einst als Puppe. Als anbetungswürdiges Spielzeug. Als Gegenstand der Versenkung in die Mutterrolle der Jungfrau Maria.

Denn offensichtlich wurden die oberen Extremitäten durchgesägt, um dem Jungen Kleider anzuziehen, die wahrscheinlich je nach Jahreszeit wechselten. Um ihn aber etwa mit einem Mantel zu bekleiden, mussten ihm die Ärmel übergestreift werden, was die gekrümmten Arme erschwerten, wenn nicht so gut wie unmöglich machten: Es ist zu vermuten, dass das Jesuskind die rechte Hand zum Segensgestus hochgereckt hielt, während es in der linken eine Kugel umfasste als Zeichen seiner Vollkommenheit.

Visionen von Christus

Nachdem die Nonne ihn angezogen hatte, wurden die vorderen Arme wieder mit einer einfachen Steckvorrichtung befestigt, der Stoff verdeckte die Schnittstellen. Im Lauf der Jahrhunderte verloren sich die abgesägten Gliedmaßen. Wie sich auch bestimmte Stellen am Körper des kleinen Jungen abnutzten. So sind die Genitalien besonders beansprucht worden: Sie waren, so erklärt es der Kunsthistoriker Roller, der deutlichste Beweis für das Menschsein Christi, und sie immer wieder zu befühlen, habe bedeutet, sich dieser Glaubenstatsache stets aufs Neue zu versichern. Auch sei überliefert, dass die Nonnen, die über derartigen Skulpturen meditierten, von Visionen berichteten, in denen ihnen Christus erschienen sei. Nicht selten hätten sie erotischen Charakter gehabt.

Solche Christusfiguren wurden gepflegt, gebadet, geküsst, geknuddelt, auf den Arm genommen und gewiegt, kurzum: behandelt wie leibhaftige Kinder. Gerade rund um die Weihnachtszeit lag es nah, sich mit der Gottesmutter zu identifizieren: Schwangerschaft und Geburt ließen sich mit Hilfe der Holzfigur imaginieren. Um die Illusion zu perfektionieren, legten die Künstler viel Wert auf realitätsgetreue Darstellungen.

Aus den Werkstätten von Michel Erhart und seinem Sohn Gregor kamen besonders ansprechende Exemplare von Christuskindern, die als eigenständige Skulpturen erst seit dem 14. Jahrhundert bekannt sind, und zwar im Zusammenhang mit den Frauenorden. Später waren sie auch in weltlichen Wohnstuben zu finden. Das Liebieghaus besitzt einige Werke dieses Typus, mit denen die Neuerwerbung künftig ein Ensemble bilden dürfte. In den nächsten Monaten werden sich jedoch zunächst einmal die Restauratoren dem Bub widmen, um seinen ursprünglichen Zustand so gut wie möglich wiederherzustellen. Hauptsache, sein liebliches Lächeln bleibt erhalten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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