Darmstadt

Schwimmen im Zelt

Von Jennifer Gliemann
 - 12:17

Hinter den Bäumen im Bürgerpark blitzt ein Stück weiße Zeltplane auf, die an einen überdimensionierten Fußball erinnert. Tatsächlich handelt es sich um die Traglufthalle, die das DSW-Freibad unter sich versteckt, da es während der kalten Jahreszeit zum Hallenbad umfunktioniert wird.

Der Grund: Das angrenzende Nordbad von 1971 ist zu marode, um weiterhin darin zu schwimmen. Schritt für Schritt wird es abgerissen, um einem neuen Hallenbad an altem Ort Platz zu machen. 2020 soll es so weit sein. Bis dahin wird die Traglufthalle vor Beginn der Sommersaison abgebaut und im September wieder aufgestellt. Die erste Wintersaison hat gerade begonnen.

Anfangsschwierigkeiten, die die Phantasie anregen

Der „Zugang zur Traglufthalle“, wie es schwarz auf weiß über der Tür steht, gelingt durch eine Art Schleusensystem. Erst die eine blaue Tür öffnen, kurz warten, bis diese wieder ganz geschlossen ist, bevor man die nächste gegen den Luftdruck auf der anderen Seite aufstemmt. Dann ist man drin und irgendwie auch weiterhin draußen. Statt Fliesen graue Natursteine, zwischen denen Sand hervorschaut, ein paar gelbe Blätter, die sich irgendwann den Weg in das Freibad verschafft haben, das keines mehr ist.

Ab und zu tropft es von oben herunter, als wäre die weiße Decke ein wolkenverhangener Himmel. Kondenswasser, die Luftfeuchtigkeit. Laut Hygrometer an diesem Tag 74 Prozent. Die Luft hat 28 Grad. 30 Grad beträgt die Wassertemperatur im kleinen Becken; im großen sind es knapp über 27. Das über die Becken tretende Schwallwasser erinnert an die Brandung am Meer. Hätte an diesem Freitagmittag nicht fast jeder der Badegäste eine der zehn Bahnen im 50-Meter-Becken für sich allein, könnte man sich vorstellen, dass die gelben Ohrenstöpsel, die einer der Badeaufsichten eingestöpselt hat, nicht viel helfen würden.

Es seien „Anfangsschwierigkeiten“, sagt Bernd Krämer, aber die werde es auch im neuen Nordbad geben. Er ist der Leiter des Bades und schon seit 1975 bei der Stadt. „So wie es da ist, habe ich es erwartet“, sagt der braungebrannte Badleiter über die Begebenheiten unter der Traglufthalle. Aber „wenn sich alles eingependelt hat, ist es so wie vorher auch.“

Bedeutsame Interimslösung für den Trainingsstandort

Anja Kipp, Geschäftsführerin beim Darmstädter Schwimm- und Wassersport (DSW) findet ebenfalls, dass es eine „tolle Übergangslösung“ sei. „Wir sind froh, dass wir das Wasser haben“, sagt die Schwimmerin. Denn es hätte auch zum „Super-GAU“ kommen können, merkt Krämer an. Ohne die Traglufthalle wäre es das Aus für den Schwimmsport gewesen, da in Darmstadt ansonsten nur die 25-Meter-Becken im Bessunger Bezirksbad und im Trainingsbad vorhanden sind. Bereits die vier Wochen, die das DSW-Bad geschlossen hatte, um den Bau der Halle vorzubereiten, waren nicht leicht für den Verein, in dem der Weltmeister Marco Koch trainiert. „Die Topleute mussten nach Frankfurt oder schwammen morgens um sechs im Trainingsbad“, sagt Thomas Kipp, Vorsitzender beim DSW. Diese „Wochen haben uns wehgetan“. Aber nun komme das Bad „allen zugute“ und er lobt die Stadt, sich für den Schwimmsport zu engagieren.

Die Traglufthalle ist für Michael Schwalm als „Interimslösung schöner, als man es sich erhofft hat“. Schwalm ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Nordbad. Sie setzt sich genauso für die Erhaltung des Schwimmsports in Darmstadt, die Förderung der Vereine und für die Ausstattung und Wasserflächen ein, wie für die schulische und private Nutzung und den Trainingsstandort Nordbad. Von der Zwischenlösung sei er „sehr, sehr positiv überrascht. Es ist wie schwimmen im Inneren eines Zeppelins“, sagt der Triathlet. Als Dauerlösung möchte er es aber nicht haben. Denn anders als für Vereine, die Anlagen des DSW nutzen, stehen für private Badegäste lediglich Container bereit. Jeweils einer mit sechs Duschen und einer mit fünf Toiletten. Einzelumkleiden gibt es nicht. Insgesamt acht Container werden als Sammelumkleideräume genutzt, von denen jeweils einer für Männer und einer für Frauen während des Schulschwimmens vorgesehen ist. Die Container sind gerade einmal mit 15 Spinden ausgestattet. Dass das zu wenige sind, finden Krämer und auch Schwalm, Letzterer ist froh, dass die Traglufthalle ein Provisorium ist: „Wir freuen uns auf den Neubau.“ Bei den Besuchern ändere das jedoch nichts, sagt Krämer. Das Bad werde von Schulen, Vereinen und anderen Gästen gut angenommen.

Verbesserungen vor allem für Mitarbeiter in Umsetzung

Statt bisher nur eine Bahn für Schnellschwimmer, gibt es nun zwei. Die einzelnen Bahnen sind zum Großteil mit Leinen voneinander getrennt. Das Lehrschwimmbecken ist zudem mit einer Leine versehen, um das Schwimmerareal von dem für Nichtschwimmer abzuteilen.

Wer schwimmt, hört wenig von der Geräuschkulisse, der die Angestellten acht Stunden am Tag ausgesetzt sind. 80 Dezibel wurden hier zuletzt gemessen. Doch auch das soll demnächst behoben werden, sagt Krämer. Ein separater Raum, von dem aus die Aufsicht in Ruhe das Geschehen beobachten kann, anstatt von den Plastikstühlen vom Rand über die Becken zu blicken, ist geplant. Sorgen bereitet Krämer die hohe Luftfeuchtigkeit. Das könne auf die Dauer gesundheitsschädlich sein, sagt er.

Unter der Traglufthalle haben auch Utensilien ihren Platz gefunden, die für andere Sportarten benötigt werden: Wasserballtore reihen sich dicht an der Plane aneinander, daneben ein Korb mit Ringen vor dem 25-Meter-Becken, in dem man einem Mädchen die Freude ansieht, allein in dem warmen Wasser sein zu können.

Einige Schwimmer, die ihre Badekleidung offenbar schon zu Hause angezogen haben, ziehen ihre Straßenkleidung an den aufgestellten Bänken um, die den Umzug vom Nordbad mitgemacht haben. Die Sonne scheint und taucht die Halle in ein sanftes Licht. Die Bäume werfen ihre Schatten auf die Hülle über dem Bad, das im Mai wieder zum Freibad werden wird.

Quelle: F.A.Z.
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