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Frankfurter Kammerspiele

Fünf Personen suchen ein Phantom namens Rosa

Von Michael Hierholzer
 - 16:02
Klagende, Verzagende: Luana Velis in „Das hässliche Universum“ Bild: Jessica Schäfer, F.A.Z.

Wir wissen nicht, wer Rosa ist, und vermutlich weiß es Laura Naumann auch nicht, die Autorin eines etwa eindreiviertel Stunden langen Nicht-Stücks, „Das hässliche Universum“ betitelt, mit dem jetzt die neue Spielzeit, die erste unter der Intendanz von Anselm Weber, in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspielhauses eröffnet wurde. Fünf Personen suchen nach einer personalen Leerstelle, aber sie ringen dabei nicht um Wörter, diese sprudeln nur so aus ihnen heraus, und manchmal, aber keineswegs durchgehend drehen sie sich um besagte Rosa, ein Phantom, eine Fiktion, eine Projektionsfläche, was auch immer.

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Es sind nicht wirklich Dialoge, die sie führen, vielmehr reihen sie Text an Text, assoziativ und wortspielerisch, reden, wie Leute heute so reden, zum Beispiel über die Sicherheit, die es nicht mehr gibt, und einer erzählt, wie er, nachdem er angegriffen worden war, auf dem Boden gelegen und keiner ihm geholfen habe. Er empört sich, er ereifert sich, er ist außer sich vor Wut, ein Wutbürger eben, der aber einen guten Grund zu haben scheint, ein solcher zu sein. Dem dann aber ein natürliches Bedürfnis wichtiger ist, als sich noch mehr aufzuregen: „Ich hau mir jetzt ’n Ei in die Pfanne und meld mich ab.“

Darsteller als Marionetten

Zu Beginn des Theaterabends sind die Stimmen aus dem Off zu hören, die Schauspieler öffnen ab und zu ihre Münder in einer nicht synchronen Weise, man hat den Eindruck, einen Film zu sehen, in dem die Tonspur nicht parallel zu den Bildern läuft. Roboterhaft bewegen sich die Darsteller, tanzen ungelenk, man denkt an Marionetten, an eine Welt am Draht, an ferngesteuerte Individuen, entleerte Charaktere, die Körper als bloße Hüllen. Dazu passen auch die nicht live vorgetragenen Sätze. „Wir sind traurig, aber sexy“, sagen Frauen, die auf einer Beerdigung sind und uns wissen lassen, dass sie schwarze kurze Röcke tragen. Von einer Begräbnissituation ist auf der Bühne nichts zu sehen, dort steht ein langer gedeckter Tisch, und die Akteure haben zum Teil Unterwäsche an, entledigen sich einzelner Kleidungsstücke und scheinen sich daher eher in einem privaten Modus zu befinden.

Mit einem gewaltigen Rums werden allerdings alsbald Tische und Stühle umgeworfen und der Graben zwischen Bühne und Publikum damit aufgefüllt. Nun beherrscht die Leere die Szene, oder vielmehr das Licht, das die Gruppe der fünf Personen ausleuchtet oder den Zuschauern derart orangefarben grell in die Augen sticht, dass sie blinzeln müssen, oder als Mondschein alles in fahle Stimmung taucht. Die Lichtregie trägt wesentlich zur Ästhetik dieser Inszenierung von Julia Hölscher bei, und ihr ist es vornehmlich zu verdanken, dass sich immer wieder Bilder von großem Reiz ergeben, die in einem Kontrast zu den am gesellschaftlichen Zustand verzweifelnden Sprechern ohne Namen stehen.

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Trockene Thesen werden emotional

Torsten Flassig, Sarah Grunert, Katharina Linder, Luana Velis und Uwe Zerwer meistern das Unmögliche, nämlich selbst trockenen Thesen über die politischen Verhältnisse hier und heute einen emotionalen Ausdruck zu verleihen. Plötzlich fangen die Schauspieler auch selbst an zu sprechen. Und da ist dann etwa die Frau, die möchte, dass der Vater ihrer Kinder ihr diese abnimmt, weil sie schließlich auch ein Recht auf Arbeit und Lust daran hat, aber der Erzeuger sagt ihr am anderen Endgerät, er sei in Italien.

Besonders eindringlich sind die Litaneien, die gelegentlich abgespult werden, die Nein-Litanei etwa, in der alles und jedes abgelehnt wird, so lange, bin die junge Frau, die sie herunterleiert, sich in eine Mischung aus Rage und Erschöpfung hineingesteigert hat und die anderen sie stützen müssen. Ab und an klappt ein Brett auf einer Seite der Bühne herunter, das sich als Förderband erweist, auf dem einmal eine Schachtel Streichhölzer liegt. Sodann beginnt ein Gespräch über Feuer und Brände, werden Zerstörungen imaginiert, die allen Sorgen ein Ende setzen, die Bühnenmenschen sehen mit glänzenden Augen der Vernichtung entgegen, Götterdämmerung, Menschheitsdämmerung. „Es brennt. Zum ersten Mal fühle ich mich sicher.“ Nicht derart endzeitlich ist ein anderes Motiv, das die Lichtverschmutzung auf der Erde ins Poetische wendet. Der Gedanke „Humans made the earth glow“ lässt das Sprechquintett in seliger Verbundenheit schwelgen.

Sonst aber lautet die wenig erhebende Botschaft: Alles ist das Grauen, nirgends ist eine Veränderung in Sicht. Wir brauchen keine Sehergabe, um zu prophezeien, dass dieses Werk, das in Frankfurt als Auftragsarbeit uraufgeführt wurde, alsbald in der Versenkung der neuen deutschen Theaterliteratur verschwinden wird. Dass wir alle verloren sind, keine Rettung in Sicht ist und es dennoch prima ist, wenn alle mal darüber monologisiert haben, das haben wir schon irgendwo gehört. Und auch, dass jeder Versuch, eine Geschichte zu erzählen oder gar einen Dialog zu führen, vergeblich ist.

Nächste Vorstellung am 13. Oktober um 19.30 Uhr in den Kammerspielen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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