Nachhilfe beim Lüften?

Dicke Luft im Klassenzimmer

Von Matthias Trautsch
 - 07:39

Zum Glück gibt es die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. In einer aktuellen Pressemitteilung tut die GEW nämlich Folgendes kund: „Wir gehen durchaus davon aus, dass Lehrkräfte (so wie die meisten anderen Menschen auch) bei schlechter Raumluft tatsächlich auf die Idee kommen, Fenster zu öffnen, und dies auch machen.“ Das Gegenteil zu behaupten, sei „eine herabsetzende Unterstellung, die durch nichts außer Spekulation belegt ist“.

Wer aber wäre so gemein, zu behaupten, Lehrer seien nicht mit der abendländischen Kulturtechnik des Lüftens vertraut? Vielleicht Gerhard Schröder? Dem wäre das zuzutrauen, der Altkanzler hat ja schon öfter danebengelegen beim Identifizieren fauler Säcke und lupenreiner Demokraten. Aber nein, es war der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen), durch den sich der Bezirksverband der Lehrergewerkschaft zur vehementen Verteidigung der Pädagogen-Ehre veranlasst sieht.

Zu wenig Sauerstoff im Blut

Ausgangspunkt ist eine schon etwas zurückliegende Pressekonferenz zur Viktoria-Luise-Schule, einer Grundschule am Frankfurter Rebstock. Weil dort auffallend viele Schüler Krankheitssymptome gezeigt hatten, hatte die Stadt ein Schadstoffgutachten in Auftrag gegeben. Dessen Ergebnis war: Der Schulbau ist glücklicherweise nicht mit Gift verseucht, aber im Passivstandard errichtet, was problematisch sein kann, zumindest dann, wenn die automatische Lüftung ausfällt, was offenbar öfter vorkommt. Mangels Luftaustauschs steigt dann die Kohlendioxidkonzentration im Klassenzimmer mit der Folge einer pH-Verschiebung beziehungsweise einer zu geringen Sauerstoffsättigung im Blut der Raumnutzer. Für alle Nicht-Umweltmediziner: Es wird stickig, und die Kinder bekommen einen Brummschädel.

Um so etwas künftig zu verhindern, kündigte Gesundheitsdezernent Majer eine „Lüftungsoffensive“ an, die im Kern darin bestehen soll, dem in den Schulen tätigen Personal klarzumachen, dass bei dicker Luft das Fenster zu öffnen ist. Nach Meinung der GEW wären die Lehrer auf so eine scharfsinnige Idee auch selbst gekommen. Allein: In einer Broschüre des Hochbauamts, die den Lehrkräften bei der Inbetriebnahme der Rebstockschule ausgehändigt worden sei, stehe, dass Lüften durch Fensteröffnung nicht notwendig sei. „Diese Auffassung wurde auch bis Anfang des Jahres 2017 mehrfach von Vertretern der Stadt so bestätigt.“

Es ist also höchste Zeit, die städtische Passivhaus-Broschüre zu überarbeiten. Das böte auch Gelegenheit, sie um ein bisher fehlendes Kapitel zu ergänzen. Schließlich steht die kalte Jahreszeit bevor. Und da wäre es doch ganz wichtig, wissenschaftlich fundiert zu erläutern, was zu tun ist, wenn die Schüler blau anlaufen. Ein Vorschlag: Umgehend die Fenster schließen.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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