Hessisches Landgestüt

Zu wenig Auslauf in Dillenburg

Von Oliver Bock, Dillenburg
© Cornelia Sick, F.A.Z.

Nun liegt der Ball wieder bei der Landesregierung. Die Stadt Dillenburg hat das ihr Mögliche getan, die von Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) für 2018 oder später angekündigte Schließung des traditionsreichen Landgestüts zu verhindern. Sie hat nicht nur politischen Protest organisiert und eine Resolution beschlossen. Sie kann auch auf die Unterstützung reiterlicher Vereinigungen und Verbände bauen. Vor allem aber hat sie zwei Gutachten vorgelegt, die ihrer Ansicht nach belegen, dass eine Fortführung des Landgestüts in Innenstadtlage ohne Schaden für die Pferde möglich ist.

Die Stadt hat damit zwar nicht das ordnungspolitische Argument von Hinz entkräftet, dass die Pferdezucht heute keine hoheitliche Aufgabe des Landes mehr ist. Sie kann aber zumindest Argumente dafür vorbringen, dass die Pferdehaltung nach den geltenden „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“, wie sie das Bundeslandwirtschaftsministerium schon 1995 erlassen und im Jahr 2009 überarbeitet hat, durchaus möglich ist.

Zuschuss von mehr als einer Million

Als Kronzeuge für diese Einschätzung hat die Stadt eine der Mitautorinnen dieser unverbindlichen Leitlinien, Christiane Müller, präsentiert. Die vereidigte Sachverständige für Pferdehaltung, -zucht und -sport der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein kommt in ihrem Gutachten zu der Schlussfolgerung, dass „der in den Leitlinien formulierte Bedarf an täglicher mehrstündiger Bewegung für die im Landgestüt gehaltenen Pferde gedeckt wird“. Allerdings ist Ministerin Hinz in ihren Forderungen an ein Landgestüt wegen der Vorbildfunktion des Landes beim Tierschutz und Tierwohl darüber hinausgegangen, und die Gutachterin gibt zu, dass die Forderung, allen Pferden täglich mehrstündige freie Bewegung anbieten zu können, „nicht gegeben“ ist.

Das heißt, die Pferde werden gemäß den Leitlinien zwar ausreichend von ihren Betreuern bewegt. Sie können sich mangels großer Weide aber nicht täglich mehrere Stunden allein oder mit ihren Artgenossen zusammen bewegen, wie dies Hinz als Maßstab formuliert hatte. Jenseits der ordnungspolitischen Berechtigung eines Landgestüts als Zuschussbetrieb dürfte darin der Knackpunkt einer Bewertung durch das Ministerium liegen. Hinz hat die Ansicht formuliert, dass es trotz der Investitionen in bessere Haltungsbedingungen in den zurückliegenden sechs Jahren zu einem ausreichenden freien Auslauf auf Koppeln keine Alternative gebe.

Wie berichtet hatte Hinz vor fünf Wochen die Schließung des Gestüts angekündigt, das 1869 als Preußisches Hessisch-Nassauisches Landgestüt gegründet wurde und heute zum Landesbetrieb Landwirtschaft gehört. Weil das Landgestüt einen jährlichen Zuschuss von mehr als einer Million Euro erfordert, war Hinz allerdings von der Opposition im Landtag vorgeworfen worden, die Schließung vornehmlich aus finanziellen Gründen anzustreben.

Kein „Hinterzimmerstall“

Aktuell sind im Landgestüt elf Hengste, 29 Lehrpferde und eine Stute untergebracht, die von 24 Mitarbeitern, darunter fünf Auszubildenden, betreut werden. Die drei „Geschäftsfelder“ des Gestüts sind die Zucht, die Ausbildung zum Pferdewirt und die Landesreit- und Fahrschule. Für die Stadt ist das Landgestüt nicht nur wegen seiner prägenden Gebäude bedeutsam, sondern auch wegen der vielen Aktivitäten mit und ohne Pferde, die viele Besucher anlocken.

Das Programm reicht dabei von der Hengstparade und der Araberschau bis zu Hochzeitsfeiern und Weihnachtsbaummärkten. Der 6000 Quadratmeter großer Paradeplatz diente sogar schon als Beachvolleyballfeld. Michael Lotz (CDU), Bürgermeister und Vorsitzender des Fördervereins Hessisches Landgestüt Dillenburg, der die Gutachten in Auftrag gegeben hat, legt Wert darauf, dass es sich in Dillenburg nicht um einen „Hinterzimmerstall“ handelt.

Ähnliche Bedingungen in anderen Ländern

Auch Müller bestätigt, dass Verbesserungen zum Angebot der freien Bewegung notwendig und auf den stallnahen Hofflächen möglich seien. Die Stadt kann sich dabei auf Eckhard Hilker, Architekt und Sachverständiger der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, berufen. Er stellte nach einem Ortstermin fest, dass die Tiere regelmäßige und ausreichende kontrollierte Bewegung haben. Es sei am Standort möglich, mehr als ausreichende Freilaufflächen für die Schulpferde und Hengste zur Verfügung zu stellen. Dafür müsste das Land allerdings Geld in die Hand nehmen. Ein „innerstädtisch geführter Pferdebetrieb mit Vorbildfunktion“ sei möglich, meint der Architekt. Weitere Atteste von Tierärzten und Tierosteopathen bestätigen einen guten Gesundheitszustand der Tiere und eine regelmäßige Versorgung.

Harald Hohmann, Vorsitzender des Pferdesportverbandes Hessen und Vizepräsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, hielte die Schließung des Landgestüts für das Ende einer bedeutenden, staatlichen Bildungsstätte. Die Reit- und Fahrschule sei einmalig in Hessen und habe Leitbildcharakter in allen Fragen der tiergerechten Ausbildung und Haltung von Pferden. In anderen Bundesländern würden Landgestüte unter vergleichbaren oder ähnlichen Bedingungen unterhalten, überwiegend ebenfalls in historischen Gebäuden, in städtischer Lage. „In diesen Bundesländern wird nicht über eine Schließung nachgedacht, sondern investiert, um diese traditionsreichen Kulturgüter zu erhalten.“

Quelle: F.A.Z.
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