Filmfabrik im Filmmuseum

Genremischung aus Gangsterfilm, Horrormovie und Komödie

Von Judith Henke
 - 20:50

Morgens kurz vor sechs in der U-Bahn. Auf einem Platz in einer Viererreihe sitzt ein Partygänger im Einhornkostüm. Eine Reihe weiter liegt ein Mann mittleren Alters und schläft. Er schreckt hoch, rückt seine Schiebermütze zurecht und fasst sich schmerzverzerrt an den Kopf. „Wo bin ich?“, fragt er und findet einen Frauenschuh in seiner Hand. „Wo ist sie?“ Er schaut sich irritiert um. „Cut“, ruft ein junges Mädchen mit einer Kamera in der Hand. Das kleine Filmteam, das während des Drehs hinter ihr stand, klatscht nun begeistert und läuft gemeinsam zur nächsten Kulisse. Die Gruppe darf keine Zeit verlieren, denn ihr bleibt nur noch eine Stunde, um ihren Film zu drehen. Nach einem Take muss deshalb jede Szene im Kasten sein.

„Es geht nicht darum, einen perfekten Film zu drehen“, sagt Daria Berten, Kuratorin im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, wo die Aufnahmen stattfinden. Vierzehn Filmkulissen wurden im dritten Stock des Museums aufgebaut. Ein wenig wie ein Labyrinth wirkt das, wenn ein kleiner Drehort in den anderen mündet.

Viele Möglichkeiten

Von der U-Bahn-Kulisse sind es nur fünf Schritte zu einem Schlafzimmer, und wer dort durch das Fenster schaut, sieht einen Wald. Am Waldrand befindet sich ein Friedhof. Jede Kulisse entspricht einem bestimmten Genre. Vom Endzeitfilm bis zur Liebeskomödie – wer im dritten Stock der Filmmuseums drehen möchte, hat viele Möglichkeiten.

Der Mann aus der U-Bahn etwa ist die Hauptfigur einer Genremischung aus Gangsterfilm, Komödie und Horror. Der Film heißt „Der Vampirpate im Bahnhofsviertel“ und handelt von einer Vampirmafia, die im Frankfurter Bahnhofsviertel mit einer Droge dealt, die den Konsumenten ebenfalls in einen Blutsauger verwandelt. Die leicht trashige Idee für den Streifen hatte das Filmteam erst kurz vor Drehbeginn. Mehr Zeit zur Planung hatte die Gruppe auch nicht, denn bisher waren sich alle vollkommen fremd. Von der Schülerin bis zum Arzt, von der Journalistin bis zum Zauberkünstler – es ist eine buntgemischte Truppe, die für den Kurzfilm an einem Strang ziehen musste.

„Dadurch, dass sich die Gruppe nicht kennt und trotzdem innerhalb von drei Stunden einen Film drehen muss, müssen die Teilnehmer einen großen Teamgeist entwickeln. Dabei lernen sie auch ihre eigene Kreativität neu kennen“, sagt Kuratorin Berten.

Von heute an können sich Interessierte unentgeltlich im Filmmuseum anmelden und in Gruppen aus fünf bis zwölf Personen ihre eigenen Laienfilme drehen. Die Teilnehmer folgen einem genauen Protokoll, das gewährleistet, dass der Film innerhalb von drei Stunden fertig wird. Erst legt die Gruppe ein Genre fest, dann Titel und Inhalt. Sie schreibt einen Drehplan und denkt sich für jeden Teilnehmer eine Rolle aus. Die Schauspieler können sich ihre Kostüme selbst zusammenstellen, dann geht es weiter zu den Filmsets, wo schließlich der Dreh beginnt.

Erste deutsche Station des Projekts

Das Format entwickelt hat der französische Star-Regisseur Michel Gondry („Vergiss mein nicht“). Vor neun Jahren startete er sein Projekt „Abgedreht! Die Filmfabrik“ in New York, seitdem haben sich schon an zwölf Orten der Welt fremde Menschen in eigens aufgebauten Filmsets getroffen und zusammen einen Kurzfilm hergestellt.

Das Filmmuseum in Frankfurt ist die erste deutsche Station des Projekts. Die Idee für die Filmfabrik kam Gondry, als er 2008 an seiner Komödie „Abgedreht“ arbeitete. Hier spielen Jack Black und Mos Def zwei verpeilte Mitarbeiter einer Videothek. Nachdem die beiden Freunde versehentlich alle Kassetten des Videoverleihs zerstört haben, drehen sie Klassiker wie „Ghostbusters“ kurzerhand selbst nach. Die trashigen Neuinterpretationen kommen in der Nachbarschaft überraschend gut an.

Ganz fehlerfrei ist auch das Endprodukt von „Der Vampirpate im Bahnhofsviertel“ nicht. Der Ton wurde leider nicht aufgenommen, und die Kameraführung ist wackelig. Durch den Hintergrund laufen immer wieder Komparsen. Doch die Teilnehmer der Filmwerkstatt lachen, während sie ihr Werk anschauen. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Philly Makora, eigentlich Nachwuchskraft in einer PR-Abteilung. Normalerweise sei sie recht schüchtern. „Der Dreh hat mir gezeigt, dass ich mehr aus mir herausgehen kann, wenn ich will.“

Fortan können Besucher am unentgeltlichen Filmfabrik-Projekt teilnehmen. Dienstag bis Freitag zwischen 11.15 und 15 Uhr sowie am Wochenende zwischen 10.15 und 14.45 Uhr startet alle 45 Minuten ein neuer dreistündiger Workshop. Anmelden können sich Interessierte an der Museumskasse oder online auf abgedreht.deutsches-filmmuseum.de. Dort finden sich auch Informationen für Schulklassen und Firmenevents.

Quelle: F.A.Z.
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