Kommentar

Der Prince ist nicht der König

Von Peter Heß
 - 13:33

Schon vor zwei Wochen erinnerte Niko Kovac daran, dass seine Mannschaft nicht nur aus Kevin-Prince Boateng bestehe. Die ständigen Nachfragen über die Befindlichkeiten des 30 Jahre alten Offensivspielers mit Star-Attitüde hatten beim Eintracht-Trainer Unbehagen ausgelöst. Und auch am Samstag in Mönchengladbach beeilte sich Kovac zu sagen, dass nicht nur Boateng gut gespielt habe, sondern alle Frankfurter, die er aufgeboten hatte. Zum ersten Mal war der ehemalige ghanaische Nationalspieler den großen Hoffnungen, die sich am Main mit ihm verknüpfen, gerecht geworden und mit seinem Volltreffer zum 1:0 gegen Gladbach zum Matchwinner aufgestiegen.

Und natürlich konzentrierte sich das ganze Interesse nach dem Abpfiff auf Boateng – weil er eine ebenso große wie bewegte Vergangenheit hat, weil er eine schillernde Persönlichkeit besitzt und weil er darüber hinaus seinen Siegtreffer einem schwererkrankten Kollegen von Ajax Amsterdam widmete und in einer übereifrigen Aktion seinem Sturmkollegen Sébastien Haller auch noch ein Tor geklaut hatte. Ohne Zweifel: Keiner tat in diesem Bundesligaspiel so viel für den Unterhaltungswert wie Boateng in den 51 Minuten seines Mitwirkens – dann musste er mit einem Brummschädel vom Platz. Er war in einem Zweikampf am Kopf getroffen worden.

Boateng muss aufholen

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass es mehrere Spieler gab, die mehr für die Qualität dieser sportlichen Auseinandersetzung taten: Mijat Gacinovic etwa, der für drei lief und für zwei rackerte und genauso torgefährlich war wie Boateng. Oder Haller, dessen Sturmpartner. Der 23 Jahre alte Franzose rannte mehr und schneller, spielte den Ball präziser ab und setzte seinen Körper besser ein. Wenn der Gladbacher Abwehrhüne Vestergaard in der ersten Halbzeit einen Zweikampf oder ein Kopfballduell gewann hatte, dann war Boateng sein Gegenspieler gewesen und nicht Haller.

Diese Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und objektivem Wert ist nach drei Spieltagen noch kein Problem für die Eintracht. Boateng befindet sich noch in der Eingewöhnungsphase und stellt sich durchaus in den Dienst der Mannschaft. Aber der Star, der in seiner Zeit beim AC Mailand europäische Spitzenklasse verkörperte, muss sich steigern, um dem Bild gerecht zu werden, das von ihm gezeichnet wird, und um den Anspruch, eine Führungsfigur zu sein, glaubwürdig erheben zu können. Schon wird so getan, als wäre Boateng der große emotionale Leader. Er kann es werden, ist es aber noch nicht. Was auch nicht verwundert. Denn die Saisonvorbereitung absolvierte er noch bei seinem alten Verein Las Palmas.

Boateng muss aufholen, um die Fitness zu erlangen, die der Fußball à la Kovac erfordert. Wenn er diesen Level erreicht hat, spricht viel dafür, dass Boateng und die Eintracht zu einer Erfolgsgeschichte werden. Ein bisschen Demut, Zurückhaltung und Bescheidenheit wären eine prima Grundlage.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKevin-Prince BoatengNiko KovacPrinceAjax AmsterdamEintracht Frankfurt