Sebastien Haller im Interview

„Hier gibt es eine globale Fußball-Vision“

Von Marc Heinrich
 - 08:16

Können Sie auch Torwart spielen?

(Lacht.) Es geht. Ich will natürlich nicht behaupten, dass ich es besser könnte als Lukas Hradecky. Aber ein Tolpatsch bin ich nicht. Um ein zuverlässiger Keeper zu sein, der seiner Mannschaft mit Paraden weiterhilft, muss man viele spezielle Dinge gut können und im positiven Sinne auch ein bisschen verrückt sein, um sich den Stürmern vor die Füße zu werfen. Ich bin froh, dass wir dafür Fachmänner im Team haben.

Spüren Sie Druck vor dem Saisonstart?

Ich kann es kaum abwarten und liebe den Wettbewerb über alles. Jetzt zählt es. Erst Pokal, danach der Bundesligastart in Freiburg, dann die Heimpremiere gegen Wolfsburg – ich habe große Lust und brenne darauf, dass es endlich losgeht.

Auf wen oder was freuen Sie sich als neuer Spieler in Deutschland am meisten?

Ich betrachte die Saison langfristig. Mir stehen viele neue Erfahrungen bevor. Ich habe jetzt bei der Eintracht nach und nach das Umfeld kennengelernt, den Trainer, die Mitspieler, die Betreuer, die Fans. Ich bewege mich auf einem neuen Niveau, das steht fest. Spiele gegen Bayern oder Dortmund werden sicher Highlights, doch ich bin gespannt auf jede einzelne der kommenden Partien, weil ich sicherlich Dinge lernen werde, die mir bisher noch unbekannt sind, die mich aber als Spieler reifen lassen.

Wie weit ist das Team?

Ich glaube, wir werden erst im Verlauf der Saison wissen, was wirklich in dieser Mannschaft steckt. Und auf dem Platz, den wir am Ende belegen, werden wir zu Recht stehen. So einfach ist das im Fußball. Ich habe jedoch das Gefühl, dass wir sehr gut und mit der nötigen Cleverness arbeiten. Trainer Niko Kovac bringt uns viel bei: Der Kader passt, wir sind auch charakterlich eine gute Truppe. Aber was für Ergebnisse dabei herausspringen, muss sich jetzt erst noch zeigen.

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Ihnen wurden, als Sie im Frühling noch in Utrecht spielten, mehrere Angebote unterbreitet. Was gab den Ausschlag für Frankfurt?

Da ist vieles zusammengekommen, um mich mit einem guten Gefühl für die Eintracht zu entscheiden: Der Verein hat sich sehr bemüht, und der Kontakt mit Niko Kovac war intensiv. Er hat mir aufgezeigt, welche Aufgaben er für mich sieht, das klang von Anfang an sehr überzeugend. Des Weiteren gefallen mir die Stadt sowie das Stadion. Und die Fans sind famos.

Sie waren schon mit 18 Jahren Fußballprofi. Wann realisiert man als Teenager, dass man das Zeug dazu hat, dass der Traum vom Dasein als Fußballprofi in Erfüllung geht?

Nein: Ich war damals noch jünger. Es war kurz vor meinen 17. Geburtstag, als ich meinen ersten Vertrag unterschrieben habe, der dann zur folgenden Saison in Kraft trat. Vorher hatte ich in meiner Jugend bei Vigneux und Brétigny Foot gespielt, bevor ich in die Jugendabteilung von AJ Auxerre gewechselt war. Im System des dortigen Nachwuchsleistungszentrums, in dem ich ausgebildet wurde, habe ich früh gelernt, immer nur Schritt für Schritt zu denken und sich auf nichts zu verlassen, was man schon erreicht hat. Es geht immer mehr. Daher habe ich auch sportlich alles investiert, was mir möglich war. Und als man mir das Angebot machte, wusste ich, dass es funktionieren kann, dass ich tatsächlich mal in der ersten Liga auflaufen werde – alles, was seitdem passiert ist, inklusive meines Wechsels nach Frankfurt, war natürlich nicht vorhersehbar. Umso schöner, dass es geklappt hat.

Wie sehen Sie als von den Fans bezeichneter „Top-Star“ die personelle Situation im Angriff? Die Offensive war in der vergangenen Rückrunde nicht sehr erfolgreich – wie wollen Sie helfen, dass es besser wird?

Wir kommen in erster Linie über das Kollektiv. Die Eintracht hat einige neue Spieler dazubekommen, das braucht Zeit, bis es zusammenwächst. Das Vertrauen ist aber da, wir als Mannschaft fühlen uns stark, und wir gehen mit der Zuversicht in die neue Saison. Ich bringe eine gewisse Physis mit. Ich bin stark und robust und kann im Spiel entsprechend Bälle gegen die Verteidiger halten und festmachen. Als Stürmer bin ich geholt worden, um Tore zu schießen. Ich hoffe, dass mir das gelingt. In Holland habe ich öfters mal ins Schwarze getroffen (41 Tore in 82 Spielen, d. Red), daran will ich anknüpfen. Ich würde mich als Teamplayer bezeichnen, der die ganze Gruppe weiterbringen möchte und sich in den Dienst der Mannschaft stellt: Für einen Stürmer bin ich eher altruistisch eingestellt, ich lege gerne auch Mitspielern Bälle auf, wenn ich denke, dass sie mehr aus der Situation machen können als ich.

Gibt es grundlegende Unterschiede zu dem, was Sie aus Frankreich und den Niederlanden kennen – im Training oder in anderen Bereichen?

Es ist anders, da auch die grundsätzlichen Ideen, wie Fußball gespielt werden soll, sich unterscheiden. Auch deswegen dauert es ja, bis man sich darauf eingestellt hat. In Frankfurt haben wir eine Mannschaft, die aus vielen ausländischen Spielern besteht, und das ist ein Glücksfall. Weil jeder integrationswillig ist, sich alle von ganzem Herzen einbringen und keiner denkt, er sei wichtiger als der andere. Bei der Eintracht existiert eine globale Fußball-Vision, von der ich glaube, dass sie zu unseren Stärken zählen wird. Erfahrene Spieler wie Makoto Hasebe, Jonathan de Guzman oder Gelson Fernandes bringen den Kader auch dadurch weiter, indem sie ihre gutmütige Mentalität zum Wohle aller einfließen lassen und für den Zusammenhalt im Team sorgen, ganz unabhängig von der Sprache, die jeder Einzelne von uns spricht. Wir spielen in der Bundesliga sicher einen deutschen Stil, in dem Laufbereitschaft und Kampfgeist wichtig sind und in dem sich Kovacs taktische Ideen und sein Wunsch nach Disziplin wiederfinden.

Sie sind die teuerste Neuverpflichtung der Eintracht. Wie fühlt es sich an, so viel wert zu sein?

Dass ein relativ hoher Preis für mich bezahlt wurde (schätzungsweise sieben Millionen Euro, d. Red.) kann ich nicht ändern. Es ehrt mich natürlich, weil es das Interesse von Seiten des Vereins spiegelt. Die Ablösesumme liegt aber außerhalb meines Einflussbereichs...

..., und wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen auf dem Transfermarkt?

Die handelnden Personen in den Klubs wissen schon, was sie tun. Sie nehmen das Geld in die Hand, das ihnen zur Verfügung steht und in der Absicht, die Wertigkeit ihrer Mannschaften zu steigern. Im Fußball ist eine Bereitschaft vorhanden, Beträge zu zahlen, die im normalen Leben für viele Menschen alles andere als alltäglich sind. Für uns Spieler existiert die Möglichkeit, finanziell gut dazustehen, doch damit sind auch hohe Erwartungen an uns verknüpft. Wie sich das Geschäft weiterentwickelt, vermag ich nicht zu prophezeien. Aber auch in der Vergangenheit waren teilweise Summen im Spiel, die, gemessen an den Verhältnissen ihrer Zeit, auch damals schon sehr groß wirkten. Es ist nicht untypisch für unseren Sport, und am Ende kann jeder mit seinem Geld ja machen, was er will.

Sie wirkten vom Trainingsumfang, den Kovac dem Team abverlangte, geschlaucht. Sie haben zuletzt in den Testspielen nicht mehr getroffen. Wie ist Ihr Gefühl vor der Pokalpartie gegen TuS Erndtebrück?

Ich würde ja gerne behaupten, dass ich dafür an diesem Samstag zuschlagen werde (lacht). Aber so läuft es im Fußball: Es geht nicht immer nur so, wie man es sich wünscht. Ich bin generell keiner, der sich im Training versteckt oder bei den Übungen schummelt, sondern ich gebe immer 100 Prozent. Und deswegen war ich müde. Das ist aber doch auch das Ziel der Vorbereitung, dass man an seine körperlichen Grenzen geht und damit die Fitness erlangt, die man für die kommenden Monate benötigt. Zuletzt haben wir nicht mehr ganz so viel in Richtung Kondition gemacht, sondern geschaut, dass die nötige Spritzigkeit dazukommt. Ich bin jedenfalls bereit, um richtig anzugreifen.

Das Gespräch führte Marc Heinrich.

Quelle: F.A.Z.
Marc Heinrich  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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