F.A.Z.-Bürgergespräch

Faszination Fußball

Von Philipp Schulte
 - 13:04

Die Tagesform, einzelne Momente – das könne entscheidend sein für Sieg oder Niederlage, sagt Moritz Rinke. Der Schriftsteller sitzt im Holzfoyer der Frankfurter Oper und spricht über seine Leidenschaft: das runde Leder. „Im Fußball kann sich alles schnell ändern. Matchpläne sind nach nur ein paar Minuten hinüber“, sagt der Fünfzigjährige und nennt das Champions-League-Finale als Beispiel. Liverpools Torjäger Mohamed Salah musste gegen Real Madrid verletzt ausgewechselt werden – und seine Mannschaft verlor 1:3.

Dreieinhalb Wochen nach dem Ende der Club-Saison beginnt morgen die Fußball-Weltmeisterschaft, das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft findet am Sonntag um 17 Uhr gegen Mexiko statt. Fast fünf Wochen lang wird in Russland um den Titel gespielt. ARD und ZDF zeigen alle 64 Spiele live, senden von mittags bis zum Abend. Die Frage, die sich Rinke und die anderen Teilnehmer des F.A.Z.-Bürgergesprächs am Montagabend stellten, lautete deshalb: Fußball über alles?

Briefe an Putin

Von F.A.Z.-Herausgeber Jürgen Kaube, Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz Körbel und Rinke als Mitglied der Autoren-Nationalmannschaft wollten die beiden Moderatoren – Matthias Alexander, Ressortleiter der Rhein-Main-Zeitung, und F.A.Z.-Sportchef Anno Hecker – wissen, warum der Fußball die Menschen so sehr fasziniere. Kaube, Autor des Buches „Lob des Fußballs“ und Mitglied von Werder Bremen, sagte, der Fußball sei zwar die Ballsportart mit den wenigsten Toren, er ziehe die Zuschauer aber „eher hinein“ als andere Sportarten. Es fielen Tore aus unglaublichen Positionen und zu unglaublichen Momenten. „Beim Basketball muss man eigentlich nur die letzten zehn Minuten schauen“, sagte Kaube. Außerdem sei in der Natur nicht vorgesehen, dass der Mensch den Ball mit dem Fuß behandle.

Für Rinke, der ebenfalls mit Werder Bremen verbunden ist und während der WM in einer F.A.Z.-Kolumne Briefe aus der Sicht von Bundestrainer Joachim Löw an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin schreiben wird, ist Fußball eine Lebenskonstante. „Geliebte und Ehefrauen gehen dahin – der Fußball bleibt.“ Wenn man erwachsen werde, veränderten sich die Interessen, dem Spiel mit dem Ball aber bleibe man stets treu. Vor mancher WM habe er sich schon vorgenommen, das Turnier aus politischen Gründen zu boykottieren. Letztlich habe er die Spiele dann aber doch geschaut.

Körbel, der zwischen 1972 und 1991 exakt 602 Spiele für die Frankfurter Eintracht bestritten und dabei 45 Tore geschossen hat, wird bei der Frage, wie sich der Fußball verändert hat, historisch. Klar seien die Schuhe heute aus einem besseren Material. Aber er wehrt sich dagegen, zu sagen, dass damals alles langsamer gewesen sei. „Wenn man sieht, wie Beckenbauer früher im Training fünf gegen zwei gespielt hat, war das genial“, sagt Körbel. Auch Gerd Müllers Tore seien heute noch präsent. „Er war der beste Spieler, gegen den ich je gespielt habe. Der Respekt unter uns hat mein fußballerisches Leben geprägt.“

Einen Unterschied zu früher gebe es bei der Öffentlichkeitsarbeit: Die Spieler hätten Zitate für Zeitungsartikel damals nicht gegengelesen. „Heute geht der Pressesprecher überall mit hin. Die Spieler werden ständig überwacht. Mir hat man früher nichts vorgegeben.“ Heute gebe es auch Spezialisten für jedes Bedürfnis der Spieler. Wenn Körbel, der 1980 mit der Eintracht den Uefa-Cup gewann, schneller werden wollte, habe er Tennis gespielt. „Bei Stopp-Bällen muss man flott am Netz sein.“

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WM der StraßenkinderVom Slum zur Weltmeisterschaft

Was sich ebenfalls verändert hat, sind die Gehälter und Ablösesummen für Spieler. Paris St-Germain gab im vergangenen Jahr 222 Millionen Euro für den Brasilianer Neymar aus – der bisher teuerste Transfer. „Ich weiß nicht, wie viel Gehalt für einen Spieler richtig ist“, sagte Kaube. Mehr Geld biete mehr Ressourcen für den Sport, was den Fußball besser mache. Per Mertesacker etwa sei mit einem eigenen Physiotherapeuten nach England gezogen. „Man muss aber auch die biographischen Kosten einbeziehen. Manche sind auf ein Internat gegangen und konzentrieren sich während ihrer Profi-Zeit nur auf ihren Körper.“

Alexander fragte nach dem möglichen „Overkill“, also der Gefahr, dass die Fans angesichts der vielen Spiele an zerstückelten Spieltagen des Fußballs überdrüssig werden könnten. Für Kaube sind die Montags-Spiele ein Problem: „Die Fans müssen dann von Bremen nach Stuttgart fahren. Das machen nicht alle mit.“ Körbel sieht den Videobeweis kritisch, der Streit um den Zweikampf im Pokalfinale zwischen Eintracht-Spieler Kevin-Prince Boateng und Javi Martínez von den Bayern habe gezeigt, dass das Bildmaterial keinen Beweis geben könne. Der Schiedsrichter habe die Szene eigenständig interpretiert.

Mit Blick auf das Treffen von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und die Pfiffe der Fans im Testspiel gegen Leverkusen am Freitag sagte Rinke, der mit einer Türkin verheiratet ist: „Ich war sauer. Özil hat wohl an seine türkische Oma und nicht an die Gleichschaltung der Justiz und den Einmarsch der Türkei in Syrien gedacht.“ Man sehe daran, wie schwierig Integration sei. Körbel pflichtet dem Schriftsteller bei: „Özil und Gündogan hätten es sich vorher überlegen müssen. In Russland ist die Menschenrechtslage ebenfalls schlecht.“ Auf ein Foto mit dem russischen Präsidenten dürften es die deutschen Fußballer allerdings nicht abgesehen haben. Dafür bekommt Putin regelmäßig ein paar Zeilen von Löw – pardon, Rinke.

Quelle: F.A.Z.
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