Fluglärm

„Was nützen uns die Zahlen?“

Von Philipp Obergassner, Frankfurt
 - 19:46

Er kann die Flugzeuge spüren, bevor er sie hört. Die Wände vibrierten und in der Luft sei ein ständiger Druck, sagt der Hausmeister der Friedrich-Fröbel-Schule in Niederrad. „Die Flugzeuge rhythmisieren den Tag“, sagt er. Etwa 250 Flugzeuge fliegen täglich nach Angaben des Umwelthauses bei Westwind in einer Höhe von etwa 500 Metern über den Stadtteil im Frankfurter Süden hinweg, um auf der neuen Nordwestbahn des Frankfurter Flughafens zu landen.

Eine Messstation steht auf dem Dach der Fröbel-Schule. Bis zu 85 Dezibel laut sind die Flieger dort im Landeanflug. Der Flieger, der gestern die Flughöhe unterschritten hat, oder der besonders laute Airbus am Morgen- die Fluglärmstatistiken von Umwelthaus oder dem Deutschen Fluglärmdienst sind in Niederrad zu alltäglichen Chiffren geworden, die man verfolgt, über die man sich austauscht oder streitet, wie etwa Aktienkurse für Börsianer. Für Ortsbeirat Ralf Heider sind das Zahlen, die an der Lebenswirklichkeit der Stadtteilbewohner vorbeigehen. „Was nützen uns diese objektiven Zahlen? Was sagt uns ein gemittelter Durchschnitt von 60 Dezibel Lärmbelastung?“. Das drückend dumpfe Rauschen der Flugzeuge beim Sinkflug, das schneidende Heulen, wenn sie bei der Kurskorrektur Schub geben, wie in einer „Maschinenfabrik“ klinge es in Niederrad, sagt der Versicherungsmakler.

„Sie haben resigniert“

Seit zwölf Jahren wohnt Heider hier, wenn er durch den Ort geht, grüßen ihn die Menschen freundlich. In den Gesprächen mit den Anwohnern haben sich für Heider zwei Typen herauskristallisiert: Die einen hoffen, dass die Landebahn geschlossen wird. Die anderen glauben, dass der Fluglärm nicht weniger, sondern immer mehr werden wird und nichts dagegen zu machen ist. „Sie haben resigniert“, sagt Heider. Viele würden nun weg ziehen, aber er selbst sieht das nicht ein. Er unterstützt den Kampf der Bürgerinitiativen gegen die Landebahn, „notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof“.

So richtig bewusst sei den Niederradern der Fluglärm erst geworden, als er über sie donnerte, sagt Heider. Seine paradoxe Erfahrung: „Je näher die Eröffnung der neuen Landebahn rückte, desto weniger interessierte es die Menschen.“ Als er Leute noch im Jahr 2010 warnte, kein Haus in Niederrad zu kaufen, hörte niemand auf ihn. Jetzt seien die Häuser nichts mehr wert, weil keiner mehr hierherziehen wolle. Den Vorwurf, sie seien zu spät aufgewacht, wolle er den Nachbarn deswegen aber nicht machen.

„Das hat so etwas von Vertreiben“

Auch Helmut Mader klagt über den Wertverlust seines Hauses. Er hat sich vor zwölf Jahren ein Haus im Süden des Stadtteils gekauft. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Wohneigentum, darauf habe ich ein Berufsleben lang gespart.“ Er fühle sich enteignet, sagt der pensionierte Banker. Wichtiger als die Wertminderung seiner Immobilie sei ihm aber die „Lebensqualität, die mir weggenommen wurde“.

Der Fluglärm ist zu einem bestimmenden Faktor im Alltag Niederrads geworden. In den Fenstern hängen Protestplakate, an Straßenlaternen kleben Aufrufe zur „Montagsdemonstration“. In der Getränkehandlung von Gabi Gräf liegt eine Unterschriftenliste aus: Über 200 Menschen haben darin eine Stilllegung der Nordwest-Landebahn gefordert. Viele ihrer Kunden suchten jetzt nach neuen Wohnungen außerhalb von Niederrad. Gräf, die selbst im Gutleutviertel wohnt, fühlt mit den Betroffenen: „Das hat so etwas von Vertreiben.“ Manchmal kämen Privatleute und fragten sie, wann denn eine gute Uhrzeit sei, um Wohnungsbesichtigungen anzubieten. „Gut im Sinne von wenig Fluglärm.“

„Ganz vorne mitlaufen macht Spaß“

Die Einwohner Niederrads fürchten den Sommer. Zum einen, weil in dieser Zeit mehr geflogen wird. Zum anderen, weil dann die Zeit für Grillen, Sonnen, kurzum Zeit im Freien ist. Außerdem möchte man bei Hitze auch mal das Fenster aufklappen können. In der Fröbel-Schule sei es bereits vergangenen Sommer schlimm gewesen, sagen die Lehrer. Damals verlief die Flugroute noch 1,4 Kilometer weiter im Süden. Jetzt sei es bei geöffnetem Fenster so, dass man im Vortrag kurz innehalten müsse, wenn ein Flieger vorbeizieht, sagt ein junger Lehrer. Eine Kollegin pflichtet ihm bei: „Wenn ich eine Stille-Übung mit den Kindern mache, was soll ich dann sagen? ,Wartet bitte, bis der Flieger vorbei ist, damit wir die Vögel hören können?’“ Mittlerweile hat sich das Kollegium auch offiziell dem Protest gegen Fluglärm angeschlossen.

Besonders dafür eingesetzt hat sich Martin Hertel. Der Musiklehrer wohnt in Sachsenhausen, schon früher hat er sich gegen die Landebahn engagiert. Er hatte nicht gedacht, dass die Bahn kommt. Den Fluglärm baue er manchmal in seinen Unterricht ein. „Ich will nicht agitieren, aber manchmal kommt man nicht drum herum, das Thema im Unterricht anzusprechen.“

„Man kann sich nicht konzentrieren“

Zum Beispiel, wenn es darum geht, leise zu sein. An diesem Dienstag will er den siebzehn Schülern der 3c den Übergang von einem Viertakter zu einer Dreiklangmelodie beibringen. Es ist zehn Uhr, als die Schulglocke läutet, die Doppelstunde hat begonnen. Es gilt, Viertel- und Achtelnoten zu klatschen. Nur während die Schüler die Noten von der Tafel abzeichnen, ist es so ruhig, dass man die Flugzeuge draußen hören kann. Dann ist es, als vibrierte die Decke des Raums, aber nicht sein Boden.

Die neun Jahre alte Birte stört der Lärm in der Schule nicht immer. „Beim Spiel im Pausenhof nervt es, und wenn Klassenarbeiten sind, kann man sich nicht konzentrieren.“ Ihr Bruder könne zu Hause beim Abendbrot am Geräusch erkennen, ob der vorüberziehende Flieger vier- oder zweistrahlig ist. Birte ist mit ihren Eltern oft montags am Flughafen und demonstriert. „Ganz vorne mitlaufen macht Spaß“, sagt sie.

Die Freude über die Musik weicht dem Ärger wegen des Lärms

Die Musikstunde ist mittlerweile zweigeteilt. Die einen schreiben noch ihre eigene Dreiklangmelodie, die anderen üben sie bereits auf dem Xylophon. Emma, Noah und Birte gehören zu den Schnelleren. Sie streiten sich, über wessen Elternhaus die Flugzeuge am niedrigsten fliegen.

Zum Ende der Stunde spielt der Schüler Vincent etwas vor, was er von seiner Klavierlehrerin gelernt hat: „Freude schöner Götterfunken“. Es ist elf Uhr dreißig. In den anderthalb Stunden Musikunterricht sind 27 Flugzeuge am Gebäude vorbeigezogen.

Quelle: F.A.S.
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