Projekt der Malteser

Ehrenamt fürs Selbstbewusstsein

Von Stefanie von Stechow
 - 14:03

„Schocklage statt Chillen“ kommt ziemlich gut an. Der Titel beschreibt ein Projekt der Malteser, in dem Kinder und Jugendliche an Schulen zu Schulsanitätern ausgebildet werden. „Wir haben enormen Zulauf“, sagt Annette Lehmann. Die Stadtbeauftragte der Malteser verweist zum Beispiel auf die Deutschherrenschule in Sachsenhausen. „Da sind bald mehr Kinder interessiert, als wir ausbilden können.“ Seit drei Jahren gibt es die Kooperation der Realschule mit dem Malteser-Projekt, 43 Schüler sind mittlerweile schon Schulsanitäter oder werden gerade ausgebildet. „Diese Kinder investieren auch ihre Freizeit in die Ausbildung oder die Auffrischungseinheiten“, lobt Schulleiterin Nike Jaschinski.

Jugendliche und Ehrenamt – das scheint selten zusammenzupassen. „Wann sollen sie denn das noch machen?“, so lautet oft die erste Frage von Eltern, wenn es um ehrenamtliches Engagement ihrer Kinder geht. Die freiwilligen Feuerwehren klagen über mangelnden Nachwuchs, Kirchengemeinden versuchen händeringend und oft vergeblich Jugendliche nach dem Geld- und Geschenkeregen von Konfirmation oder Firmung an sich zu binden. Ein Freiwilliges Soziales Jahr nach der Schule machen einige, wenn auch am liebsten im Ausland. Doch während der Schulzeit oder Ausbildung, in der Freizeit, unentgeltlich? Von vielen erntet man da nur Kopfschütteln. Dabei gibt sowohl passende Angebote als auch Kinder und Jugendliche, die sich ehrenamtlich engagieren. Zum Beispiel an der Deutschherrenschule.

Rund um die Schuluhr im Einsatz

Insgesamt 45 Einheiten à 45 Minuten umfasst die Erstausbildung zum Schulsanitäter. Einmal im Quartal werden außerdem Einheiten zum Auffrischen der Kenntnisse angeboten. Vom Blutdruckmessen über den korrekten Anruf bei der Notrufzentrale bis zu Wiederbelebungsmaßnahmen – die Schulsanitäter sind rund um die Schuluhr erreichbar und müssen im Notfall eigenständig entscheiden, was zu tun ist. Außerdem leisten sie erste Hilfe. „Oft finden die Termine am Nachmittag oder am Samstag statt“, berichtet der zuständige Lehrer Hajo Trefz. Auch er ist voller Anerkennung für Josef, Ozan, Aleyna und die anderen Schulsanitäter. „Die Schüler und Schülerinnen müssen sich selbst organisieren, sie übernehmen Verantwortung für die ganze Schulgemeinde“, sagt der Pädagoge. Verletzte Kinder auf Augenhöhe ansprechen, sie beruhigen oder begleiten, bis der Notarzt kommt: „Die Kinder sind in Notfällen besser als wir Erwachsenen.“

Die Schule profitiert vom Einsatz der Schulsanitäter, bei kleineren Unfällen ebenso wie bei missratenen Experimenten im Chemieunterricht. Und die Schulsanitäter profitieren auch. „Man fühlt sich gut, wenn man anderen helfen kann“, sagt die vierzehnjährige Sevi. „Meine Freunde holen inzwischen mich, wenn was passiert ist“, berichtet der sechzehnjährige Ozan. „Die finden das cool.“

Anerkennung und Selbstbewusstsein

Ehrenamtliche Arbeit schafft Anerkennung und ein neues Selbstbewusstsein. Wer ehrlich ist, gibt auch zu: Sie kommt auf dem Zeugnis und im Lebenslauf gut an. „Erst war mir das gar nicht so bewusst“, sagt Jakob Grünthaler, der bei den Pfadfindern als Gruppenleiter aktiv ist, seit er 16 Jahre alt ist. „Aber später haben die Leute bei Bewerbungen oft positiv darauf reagiert.“ Bei den Pfadfindern werden viele Kinder- und Jugendgruppen von Teenagern und jungen Leuten geleitet. „Es macht Spaß, das, was man selbst dort als Kind erlebt hat, weiterzugeben und zu gestalten“, findet der 18 Jahre alte Jakob, der mittlerweile ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Evangelischen Jugendwerk in Frankfurt absolviert.

Noemi Barrawasser ist Referentin bei „Youngcaritas“, dem Jugendportal des Caritas-Verbands. Die Idee, Angebote für ehrenamtliches Engagement auf die Möglichkeiten junger Leute zuzuschneiden, entstand vor etwa fünf Jahren beim Caritas-Bundesverband in Berlin. „Das Interesse an ehrenamtlichem Engagement ist durchaus vorhanden“, sagt Barrawasser. „Aber die meisten jungen Menschen können sich nicht über einen langen Zeitraum darauf festlegen, jeden Mittwoch von 17 bis 18.30 Uhr eine bestimmte Tätigkeit anzubieten.“

Aktionsbezogene Kurzzeitprojekte

Klausurenphasen an Schule oder Universität, Ortswechsel nach dem Abschluss, eine neue Liebe oder wechselnde Hobbys erschweren den Entschluss, sich längerfristig zu engagieren. Deshalb bietet „Youngcaritas“ ausschließlich aktionsbezogene, also konkrete Kurzzeitprojekte zur ehrenamtlichen Mitarbeit an. Gezielt werden junge Menschen in Gemeinden, Jugendhäusern und Studenten-Cafés angesprochen, viele kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda und digitale Netzwerke. Zur Wahl stehen dann zum Beispiel die Zielverpflegung beim Frankfurter Marathon, Sammelaktionen für Flüchtlinge und Obdachlose, hin und wieder auch ein musikalischer Auftritt in einem Seniorenheim. „Man muss einfach schauen, was der Einzelne leisten kann“, erläutert Barrawasser. Manche kämen nur für einen Nachmittag, um irgendwo mitzuhelfen, viele kämen immer wieder.

Seit drei Jahren gibt es „Youngcaritas“ in Frankfurt, im vergangenen Sommer erhielt die Organisation den Bürgerpreis von Stadt und Sparkassenstiftung. Jugendliche im Ehrenamt sind aber nach wie vor eher die Ausnahme. In Frankfurt sind viele Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card ältere Menschen, wie ein Mitarbeiter des Amts für Kommunikation und Stadtmarketing erläutert. Doch auch die Stadt achte während der jährlichen Ehrenamtsmesse stärker auf Angebote für junge Menschen. Um die Ehrenamts-Card zu erhalten, die für regelmäßig Engagierte den Besuch vieler öffentlicher und privater Einrichtungen vergünstigt, sind mindestens fünf Stunden in der Woche nachzuweisen. Das ist von vielen Jugendlichen und jungen Menschen vielleicht zu viel verlangt.

Emma Banach aus Bad Homburg findet ehrenamtliches Engagement sehr wichtig. Seit ihre Schule die Hilfe in einer Flüchtlingsunterkunft beendet hat, geht die Sechzehnjährige auf eigene Initiative einmal in der Woche mit Freundinnen in das Flüchtlingsheim, um mit Kindern zu spielen und bei den Hausaufgaben zu helfen. „Die Kinder freuen sich so, wenn wir kommen“, berichtet sie. „Weil es denen so viel Spaß macht, macht es einem selber auch viel Freude.“ Eineinhalb bis zwei Stunden später als sonst kommt Emma dafür mittwochs nach Hause. Doch das ist Zeit, die sie gern aufbringt. „Ich finde, das ist es wert“, meint sie. Dann lacht sie und sagt: „Mehr für die Schule würde ich in der Zeit auch nicht tun.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCaritasNIKEAusbildung