Frankfurt School of Finance

Erst Learning, dann Dining

Von Sascha Zoske
 - 12:33

Sie ist ein Dinosaurier im Zeitalter der Whiteboards und Flipcharts, und im Neubau der Frankfurt School of Finance and Management ist sie die einzige Vertreterin ihrer aussterbenden Art. An der Wand des Audimax ist sie montiert: eine große, grüne, mehrteilige Schiebetafel, wie sie einst jeden Uni-Hörsaal zierte. Alle anderen Räume sind mit Schreibflächen der modernen Art ausgestattet, doch in ihrem größten Saal wollten die Hausherren neben der zeitgenössischen Medientechnik ein Zeichen des Traditionsbewusstseins setzen. Es sei darüber diskutiert worden, ob man so eine altmodische Tafel wirklich brauche, sagt Klaus Ringsleben, Baudirektor der Frankfurt School. Auch aus symbolischen Gründen habe man sich dafür entschieden: „Man soll schon merken, dass man hier in einer Hochschule ist.“

Es gibt Orte in dem achtstöckigen Gebäude, an denen der Besucher das schon einmal vergisst. Die Executive Lounge ist so einer. Dort dürfen sich Führungskräfte in großen blauen Stoffsesseln von den Strapazen der Fortbildungskurse erholen, die sie an der Frankfurt School belegen. Auch der Fine Dining Room liegt ästhetisch näher an der Vorstandsetage als an der Lernfabrik. Gäste des Hauses können sich dort nach Anmeldung Mahlzeiten servieren lassen, statt an der Essenstheke Schlange zu stehen. Das Restaurant kann aber auch Teil der nebenan liegenden Mensa werden. Die Executive Lounge ist für gewöhnliche Studenten und Mitarbeiter dagegen tabu. Für Letztere gibt es aber eine Faculty & Staff Lounge. Nicht ganz so komfortabel wie das Manager-Refugium, aber allemal großzügiger als die klaustrophobiefördernden Teeküchen in älteren Uni-Instituten.

Fast mehr Englisch als Deutsch

Faculty. Dining. Lounge. Man schreibt und spricht in der Frankfurt School inzwischen fast mehr Englisch als Deutsch. Viele der gut 2200 Studenten und auch etliche Lehrende kommen aus dem Ausland. So wie Grigory Vilkov. Der Finanzprofessor, Spezialgebiet Portfoliomanagement, ist schon weit herumgekommen in seiner akademischen Karriere. Er kennt Finanzhochschulen in Russland, Frankreich und den Vereinigten Staaten; auch an den Unis in Mannheim und Frankfurt hat er schon gelehrt. An Vergleichsmöglichkeiten für seine neue Wirkungsstätte fehlt es ihm also nicht. „Amazing building, very impressive“, sagt er. Natürlich habe es nach dem Umziehen ein paar Anlaufschwierigkeiten gegeben. Aber das sei nicht schlimm gewesen, und Platz habe er auch genug.

Was nicht selbstverständlich ist. Nach den Umzügen an der Goethe-Uni in den vergangenen Jahren war mancherorts zu hören, der Raum für die Mitarbeiter sei zu knapp kalkuliert. Die private Frankfurt School dagegen hat großzügig geplant. So großzügig, dass die oberen Etagen von zwei der fünf Gebäudetürme vorerst leer bleiben werden.

Eine Art Ideenwerkstatt

Baudirektor Ringsleben spricht von „Reserveflächen“. Die seien mit der nötigen Haustechnik versehen und könnten bei Bedarf schnell aktiviert werden. Es gebe schon erste Pläne für eine Nutzung, sagt die Sprecherin der Hochschule. Einige Räume könne das „Frankfurt School Lab“ beziehen, eine Art Ideenwerkstatt, in der sich Studenten und andere Interessierte in „kreativem Lernen“ üben dürften. Sie könnten dort auch „Geschäftsideen ausbrüten“. Dafür solle unter anderem ein 3D-Drucker zur Verfügung stehen.

Ringsleben glaubt nicht, dass der Neubau zu groß geraten ist, und er werde auch nicht zu teuer bezahlt. Nach jetzigem Stand betrügen die Kosten 109,4 Millionen Euro. „Damit werden wir das Budget bis auf eine Abweichung von einem Prozent einhalten.“ Auch der Zeitrahmen sei nur geringfügig überschritten worden, nämlich um einen Monat. Bis zum 20. Oktober sollen die letzten der etwa 450 festen Hochschulmitarbeiter ihre Büros an der Adickesallee bezogen haben; am 26. Oktober wird die Eröffnung mit einem Festakt gefeiert.

Viel Leben auf der Mall

Dann wird viel Leben auf der Mall sein, dem 152 Meter langen und 18 Meter hohen Querriegel, der die fünf Gebäudetrakte miteinander verbindet. Im Erdgeschoss liegen Mensa, Audimax und andere zentrale Einrichtungen, im ersten Stock die Service-Abteilungen für Studenten und Beschäftigte. Wie Erker ragen aus den höheren Geschossen Lernräume in die Mall hinein. Sie können reserviert werden; falls das niemand tut, gilt die Regel, die auf den Türschildern steht: „First Come First Serve“. Auch wenn kein Separée mehr frei ist, dürften Studententeams nicht lange nach einem Ort für ihre Referats-Besprechung suchen müssen – entlang der Mall finden sich 360 Gruppen-Arbeitsplätze.

Wer Ruhe braucht, kann in die Bibliothek, pardon, ins Learning Center gehen. Dort schaut der Besucher momentan noch in leere Regale, die sich bis zum 20. Oktober mit rund 41 000 Medien-Einheiten füllen sollen. Im Erdgeschoss gibt es auch noch einen speziellen Ort für „Creative Learning“, ein Atrium mit dicken bunten Sitzkissen statt Stühlen. Dort sollen neue Formen der Lehre ausprobiert werden, wie die Hochschulsprecherin sagt.

Komfortabel, aber nicht luxuriös

Für den eher traditionellen Unterricht eignen sich die Säle im „Harvard-Stil“, in denen amphitheaterähnlich ansteigende Sitzreihen das Dozentenpult umgeben. Die Stühle sind nicht fest montiert, sondern haben Rollen; das solle es den Studenten erleichtern, untereinander ins Gespräch zu kommen, erläutert Ringsleben. Für die Ausstattung der Lehrräume habe man sich Anregungen in 17 europäischen Business Schools geholt. Möblierung und technische Ausstattung seien komfortabel, aber nicht so luxuriös wie die des House of Finance der Goethe-Universität.

Sponsoren werden auch in der Frankfurt School namentlich gewürdigt – unter den Beleg-Anzeigen der Seminarräume oder auf den hölzernen Tafeln der „Donor Wall“ neben dem Audimax. Der ist übrigens nicht für Vorlesungen, sondern für Klausuren und Gastvorträge gedacht: Keine reguläre Lehrveranstaltung der Finanzhochschule hat so viele Teilnehmer, dass dafür die volle Kapazität von 400 Plätzen in Anspruch genommen werden müsste.

Vom ersten Stock führt eine Brücke zu einem Gebäudeteil, der ähnlich nostalgische Gefühle weckt wie die grüne Tafel im Audimax. Es ist der sogenannte Präsidialbau der alten Oberfinanzdirektion, jenes Bürogebäudes aus den fünfziger Jahren, das der Frankfurt School weichen musste. Dieser Trakt blieb erhalten, er steht unter Denkmalschutz. Dort gibt es gekachelte Säulen, warm glimmende Lampen und eine großzügige Fensterfront.

Der Präsident der Hochschule residiert nicht da, sondern im achten Stock des Neubaus, wo die Aussicht auf die Skyline am spektakulärsten ist. Noch ist der Präsidialbau von Ringsleben und seinen Kollegen der Bauabteilung belegt. Ende des Jahres sollen sie ausziehen; wie der Trakt dann genutzt wird, ist unklar. Vielleicht entsteht dort ein „Raum der Stille“ für ruhesuchende Wirtschaftsstudenten und Finanzforscher. Die Idee, in dem Altbau Sporträume einzurichten, wurde verworfen. Trotzdem muss kein Geistesarbeiter lange Wege gehen, um sich körperlich zu ertüchtigen: Auf dem Campus, gleich neben dem Studentenwohnheim, ist noch Platz für ein Fitness-Studio.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDinosaurier