Rettungsaktion vor Libyen

Tagelange Suche mit ungewissem Ausgang

Von Marie Lisa Kehler
 - 18:23

Ein leeres Schlauchboot zu finden, das bedeute nichts Gutes. Noch schlimmer sei es aber, gar kein Schlauchboot zu finden. Das sagt die Frankfurter Ärztin Stephanie Schüssele. Sie hat knapp zwei Wochen auf einem Schiff der Organisation „Sea-Eye“ vor der afrikanischen Küste verbracht und nach Schiffbrüchigen gesucht.

Als Stephanie Schüssele vor wenigen Wochen in Malta landete, fühlte sich nichts für sie wie Urlaub an. Schüssele ging als eines von acht Crew-Mitgliedern an Board der „Sea-Eye“, eines mehr als 60 Jahre alten ehemaligen Schiffkutters, der nun zur Seenotrettung vor der libyschen Küste eingesetzt wird. Die 29 Jahre alte Ärztin hatte sich für den Hilfseinsatz entschieden, nachdem sie in einer Klinik im Rhein-Main-Gebiet in den vergangenen Jahren oft mit Flüchtlingen zu tun hatte. Manche erzählten ihr ihre Geschichten. Von der Flucht über das Meer, von der Angst zu ertrinken, Geschichten von Booten, die nie das Festland erreichten.

Eine Reise ins Ungewisse

Und nun stand die Frankfurterin also am Flughafen von Malta, den Blick auf das Meer gerichtet. Schüssele ist Seglerin. Das Wasser ist ihr Element. Respekt vor dieser Reise hatte sie trotzdem. Weil es eben kein Segelurlaub war, für den sie sich hier entschieden hatte. Eher eine Reise ins Ungewisse. Mit ihr gingen ein weiterer Arzt, ein Rettungssanitäter, ein Maschinist, ein Schlauchbootfahrer und vier weitere Helfer an Bord. Die Jüngste gerade einmal 21, der Älteste schon über 70 Jahre alt.

Die „Sea-Eye“ ist eines von zahlreichen Schiffen, die vor der libyschen Küste patrouillieren, aber stets darauf bedacht sind, libysches Hoheitsgebiet nicht zu befahren. Die Aufgabe der Besatzung ist es, Ausschau nach Schlauchbooten zu halten, in denen Flüchtlinge täglich versuchen, Europa zu erreichen. Laut Schüssele in Booten, die nicht dafür ausgelegt sind, die Strecke zu überwinden.

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Zehn Tage auf See hatte Stephanie Schüssele eingeplant. Unentgeltlich. Sie und die übrigen Crew-Mitglieder waren Tag und Nacht auf den Beinen. Ausschau halten, Kurs berechnen, Planken putzen. Vier Tage lang sei nichts passiert, erinnert sich Stephanie Schüssele. Auch das sei anstrengend. Weil die Anspannung greifbar, die Angst, etwas übersehen zu haben, groß sei. Dann der Funkspruch. Aus der Luft meldete ein Flugzeug ein Schlauchboot ganz in der Nähe des Schiffes. Es war leer. „Die Menschen auf diesem Boot wurden sicherlich geborgen“, sagt Stephanie Schüssele. Unangetastete Essensvorräte seien ein sicherer Hinweis darauf, dass die Menschen noch nicht lange unterwegs gewesen sein konnten.

Trotzdem klingt die junge Ärztin nicht so, als sei sie glücklich über die Bergung. Sie vermutet, dass die libysche Küstenwache die Flüchtlinge aufgenommen und wieder ans Festland gebracht hat. Flucht werde in dem afrikanischen Land häufig mit Gefängnis bestraft, so Schüssele. Gemeinsam mit ihren Teammitgliedern zerstörte und markierte sie das herrenlose Boot. Mit dieser Vorgehensweise mache man anderen Rettungsschiffen deutlich, dass hier niemand mehr zu retten sei.

Libyen ist kein sicherer Hafen

Es folgten weitere sechs Tage auf See, in denen nichts passierte. Und dann, am letzten Tag, meldete sich die italienische Küstenwache. Der Koordinierungsstelle in Rom war ein Flüchtlingsboot gemeldet worden. Mehr als 100 Seemeilen entfernt von der „Sea-Eye“, die sich nur mit einer Geschwindigkeit von fünf Knoten pro Stunde bewegen kann. Die Crew schmiss trotzdem die Motoren an, das Schiff setzte sich in Bewegung, kämpfte sich Meile für Meile vor. Ein Wettrennen im Schneckentempo. Denn sollte die libysche Küstenwache zuerst das Flüchtlingsboot erreichen, wäre alles umsonst gewesen, die Flucht gescheitert. „Menschen in Seenot müssen laut Gesetz in einen sicheren Hafen gebracht werden. Libyen ist das meiner Meinung nach nicht“, sagt Schüssele.

Die „Sea Eye“ machte das Rennen. Mehr als 100 Menschen saßen in dem Schlauchboot. Dicht gedrängt, nass, hungrig. Einige schliefen vor Erschöpfung, andere waren seekrank, sie alle lebten. Die „Sea Eye“, die eigentlich nicht dafür gedacht ist, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern nur die Erstversorgung auf dem Wasser leisten soll, bis größere Schiffe übernehmen können, machte an diesem Tag eine Ausnahme. 100 junge Männer, „fast noch Kinder“, gingen an Bord. Und sie alle erzählten von dem zweiten Boot, das nachts gemeinsam mit ihnen aufgebrochen sei. Ein Boot, auf dem ihre Brüder und ihre Freunde gesessen hatten und von dem bis heute jede Spur fehlt. „Da sind täglich viele Menschen unterwegs auf dem großen Gebiet. Viele in Deutschland glauben, dass das Problem nicht mehr aktuell ist“, sagt Schüssele. Nach knapp zwei Wochen stand Stephanie Schüssele wieder am Flughafen. Mitten unter Reisenden, die gerade vom Badeurlaub kamen, für die das Meer nicht mehr war als eine willkommene Abkühlung.

Quelle: F.A.Z.
Marie Lisa Kehler
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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