„No Roots“-Sängerin Merton

Verwurzelt im Mertonviertel

Von Bettina Wolff
 - 22:30
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Fast sieht sie aus wie eine Kriegerin, wie sie da so in ihrem weißen Gewand auf der Bühne steht. Das liegt auch an der überdimensionalen Metallverzierung mit den langen roten Bändern, die sie als Kette vor der Brust trägt. Wie eine Rüstung. Trotzdem ist Alice Merton an diesem Abend alles andere als unnahbar. Ihre Lieder sind sehr persönlich, zwischendurch erzählt sie dem Publikum ihre Entstehungsgeschichte. „Einer der Gründe, aus denen ich Songs schreibe, ist, mir selbst zu sagen, wie ich mit Dingen umgehen soll“, sagt sie auf Englisch und singt „How many holes will it take to drown my soul?“. Ihren Gesang begleitet sie mit ekstatischen Bewegungen – die Zuschauer können den Schmerz, von dem der Song spricht, förmlich spüren.

Sie kämpft also doch: Mit sich selbst und mit ihrer Geschichte, auch wenn sie gerade erst 24 Jahre alt ist. Allerdings ist sie in dieser kurzen Zeit auch schon elfmal umgezogen. Und das innerhalb von vier Ländern. Zur Welt gekommen ist sie 1993 in Frankfurt, bald darauf ging es über New York nach Kanada und später über England zurück nach Deutschland. Aus dieser zum Teil durchaus ein wenig traumatischen Erfahrung ist Mertons Single „No Roots“ entstanden. Damit wollte sie sich ihren Fans erst einmal vorstellen – und erreichte im vergangenen Jahr prompt die deutschen, österreichischen und schweizerischen Charts.

Die wurzellose Generation

Der Schlüssel zum Erfolg liegt wohl zu einem Großteil an der Authentizität der Sängerin, mit der sich die junge, international weitgereiste Generation gut identifizieren kann. Ihre Eltern, sagt Merton, seien sehr rastlose Menschen. Gerade planten sie den zwölften Umzug: „Ich weiß nicht, was sie da antreibt, aber ich glaube, ich entwickle mich in dieselbe Richtung.“

Sie habe nie wirklich darüber nachgedacht, ob auch andere Menschen sich entwurzelt fühlten, fügt sie hinzu. Bis sie davon erfuhr, dass viele Hörer sich in ihrem Song wiedergefunden hätten: „Ich weiß immer noch nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass wir jetzt so wurzellos sind und uns einfach ungebunden fühlen.“ Einerseits sei es schön, neue Orte zu entdecken. Andererseits verliere man Stabilität. Sie beobachte das auch in Beziehungen. Dass jemand sesshaft werde, komme selten vor: „Aber so entwickelt sich einfach die Gesellschaft.“

Auch wenn Merton heute Gefallen daran findet – als Kind fiel es ihr schwer, nirgendwo richtig Wurzeln schlagen zu können. Vor allem der ständige Abschied von Freunden machte ihr zu schaffen. „No Roots“ spiegelt das wider. Es ist eigentlich ein trauriges Lied, auch wenn es nicht so klingt: „Ich mag es eben, ernsthafte Themen zu Upbeat-Tempo-Nummern zu machen, also trotzdem tanzbar.“ Während ihrer Konzerte hüpft und tanzt sie daher auch über die Bühne, inklusive Headbanging, und fordert alle Anwesenden auf, es ihr gleichzutun: „Springt einfach, es befreit euren Geist und macht so viel Spaß.“

Sie sagt es auf Englisch, ihrer Muttersprache. Erst mit 13 Jahren, als die Familie nach München gezogen war, hat sie Deutsch gelernt, die Muttersprache ihrer Mutter. Selbst wenn sie in Interviews fließend Deutsch spricht, fühlt sie sich damit auf der Bühne noch immer nicht wohl. Auch dazu gibt es eine Geschichte. In der zehnten Klasse wollte sie im Deutschunterricht ein Referat freier halten als sonst und nicht alles ablesen, wie sie es bis dahin gehalten hatte. Nach nur zwei Jahren in Deutschland war das für sie nicht einfach, „aber ich wollte es versuchen“. Als sie nach dem Referat ihre Note wissen wollte, sagte der Lehrer zu ihr, sie habe keine Note verdient, weil er zu beschäftigt damit gewesen sei, ihre „Ähs“ und „Ähms“ zu zählen. Dann habe er ihr eine Tabelle gezeigt, in der er festgehalten hatte, wie oft sie „äh“ oder „ähm“ gesagt hatte. „Seitdem habe ich wirklich Schwierigkeiten, vor vielen Leuten Deutsch zu sprechen“, sagt Merton, die während des gesamten Interviews auf Deutsch keinen einzigen Füll-Laut benutzen muss.

Sie habe vor vielen Dingen Angst und Lampenfieber, teilt sie ihrem Publikum auf der Bühne mit. Vor Auftritten sei ihr oft schlecht oder sie müsse weinen. Im Scheinwerferlicht bemerkt man davon keine Spur. Merton wirkt zwar etwas zerbrechlich, denn sie ist nicht sehr groß und hat eine schmale, zierliche Gestalt. Andererseits merkt man ihr sofort an, dass sie das Sagen und auf der Bühne alles im Griff hat. Das wird auch in der Kommunikation mit ihrer Band deutlich, mit der sie bei den Proben sehr unverkrampft, aber professionell umgeht, und mit der sie während des Auftritts durchaus auch herumalbert.

Kennengelernt hat sie die Jungs während ihres gemeinsamen Studiums an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Dort studierten sie ihre jeweiligen Instrumente, während Merton Komposition und Songwriting belegt hatte. Erste Erfahrungen im Liederschreiben hatte sie da in einem Songwriting-Seminar an ihrem Gymnasium in München schon gesammelt. Auch ihr allererstes Lied, „Little Lighthouse“, handelte davon, kein Zuhause beziehungsweise keinen Leuchtturm zu haben, der den Weg nach Hause zeigt. Zum Glück hätten ihr ihre Familie und ihre Musik immer Halt gegeben: „Ich habe sehr viel Klavier gespielt und gesungen.“

Seit fünf bis sechs Jahren arbeitet Merton nun aktiv an ihrer Karriere, trifft Musiker und Produzenten, probiert neue Musikrichtungen aus und schreibt viele Songs, die die Öffentlichkeit nie hören wird. Die Texte müssten ehrlich sein, autobiographisch, davon ist sie überzeugt. Deshalb singe sie auf Englisch und glaube, wer nicht in seiner Muttersprache schreibe, hätte vielleicht zu viel Angst davor, ehrlich zu sein.

Songschreiben ist nicht genug

Vor fünf Jahren wurde Merton als Songschreiberin von einer Plattenfirma unter Vertrag genommen, um Lieder für andere Künstler zu schreiben. In den Augen älterer Songwriter aber hat sie das Bedauern darüber gesehen, den Absprung nicht geschafft zu haben: „Ich habe das Gefühl, dass du selbst in dir entscheiden musst, wo dein Schwerpunkt ist, und ich glaube, sehr viele Songwriter haben diesen Zeitpunkt nicht gesehen.“

Merton wollte ihre Band in Mannheim weiterführen. Denn es war ihr wichtig, ihre eigene Musik zu machen. Doch nach vielen Gesprächen mit Plattenfirmen habe es keine einzige gegeben, die sich hundertprozentig hinter ihre Musik und das von ihr ausgewählte Team von Musikern und Produzenten gestellt hätte: „Plattenfirmen denken, sie wissen immer, was für einen besser ist oder was gerade funktioniert und was nicht.“ Aber am Ende des Tages müsse der Künstler die Musik machen, auf die er Lust habe und die ihn repräsentiere: „Nicht das, was andere wollen. Denn das ist nicht echt.“

Paper Plane Records startet senkrecht

Merton gründete kurzerhand ihr eigenes Musiklabel namens Paper Plane Records. Mitgründer ist ihr Manager und ehemaliger Kommilitone Paul Grauwinkel. Mertons Song „Two Kids“ handelt davon, wie die beiden einander an einer Bushaltestelle kennengelernt haben. Nie hätten sie mit dem jetzigen Erfolg gerechnet.

Grauwinkels Studienschwerpunkt war „Music Business“. Er hat Merton, die im selben Wohnheim lebte wie er, mit seiner eigenen kleinen Firma von Anfang an mit der Technik für ihre Auftritte versorgt. „Irgendwann ging’s dann um Verträge, dann hat er sie gemacht“, erzählt die Sängerin. Vieles davon sei „Learning by Doing“ gewesen. Mit Indie-Vertrieben und Online-Werbung abseits der großen Plattenfirmen kannte sich ihr Manager aber aus. „Man ist durch das Internet heute unabhängiger, man hat ja auch die Möglichkeiten, Songs selbst zu veröffentlichen“, sagt die junge Unternehmerin.

Das Geld, das sie als Songschreiberin verdiente, hat Merton komplett in ihre Arbeit gesteckt. Von Anfang an war alles eine Low-Budget-Produktion wie auch das „No Roots“-Video. „Man sieht, dass es kein teures Musikvideo ist, aber wir hatten halt nicht mehr“, sagt die Künstlerin: „Wir mussten die Ressourcen benutzen, die wir zur Hand hatten.“ Genau darin besteht sein Charme. Ein professionelles Musikvideo kostet oft schon 20.000 oder 30.000 Euro. Nach vielen vergeblichen Gesprächen mit Videoproduzenten, was „irgendwie ein bisschen nervig“ gewesen sei, seien sie froh gewesen, schließlich doch noch jemanden zu finden, der das Video produzierte.

Innerhalb eines Jahres ist es auf Youtube nun mehr als 49 Millionen Mal gesehen worden, wobei sich die Zahl alleine in den vergangenen vier Monaten fast verdoppelt hat. Weil „No Roots“ so viel besser lief als gedacht, gebe es jetzt etwas Zeitdruck, ihr erstes Album fertigzustellen, das in diesem Frühjahr erscheinen soll. Touren und Werbung in anderen Ländern kämen noch hinzu.

Auch in Frankreich ist die Single mittlerweile mit Gold ausgezeichnet worden, während sie in Deutschland Platin erhielt. Einige wichtige frühe Kämpfe scheint Merton also schon gewonnen zu haben. Und das gegen den Goliath Musikindustrie. Ihr eigenes Label, sagt sie dazu, bedeute für sie Freiheit, auch wenn es natürlich ein gewisses Risiko gewesen sei. Doch in erster Linie komme es auf ihr Team an.

Ein Schutzschild für die Kriegerin

Für die Wurzellose sind Freunde und persönliche Beziehungen umso wichtiger und ein weiterer Schlüssel zu ihrem Erfolg. Mertons beste Freundin ist zugleich ihre Vertraute und achtet bei Auftritten und Foto-Shootings genau auf ihre Außenwirkung und ihr Wohlbefinden. Ihre ausgefallene Bühnengarderobe wird von ihrer Freundin, der Designerin Susann Bosslau, entworfen. Von ihr stammt auch die Idee, durch die Verwendung von großflächigem Metallschmuck eine Rüstung anzudeuten.

„Das sollte es auch sein für mich – es sind sehr persönliche Themen, über die ich schreibe.“ Dass sie auf diese Weise trotzdem immer so eine Art Schutzschild um sich hat, der sie „ein bisschen beschützt“, tue ihr gut, sagt die Sängerin, die bei ihren Auftritten über ihre Ängste hinauszuwachsen scheint. Sie sei kein Mensch, der sein Leben in sozialen Netzwerken breittreten wolle. „Ich möchte meine Musik zeigen, aber meine private Seite dennoch schützen.“ Zumindest die jenseits ihrer Songs.

Im Zusammenhang mit „No Roots“ verrät die mittlerweile in Berlin und England lebende Merton, dass sie gerade für Frankfurter nicht völlig herkunftslos ist. Ihre Eltern haben einander in der Mainmetropole kennengelernt. Als Heimat würde sie ihre Geburtsstadt, die sie im Alter von drei Monaten verließ, zwar nicht bezeichnen. Allerdings wohnen dort noch immer Verwandte. Und die Sängerin trägt einen am Ort wohlbekannten Namen: Das Mertonviertel sei nach ihrem Uronkel Wilhelm Merton benannt. Das Gründer-Gen liegt also in der Familie. Schließlich hat der erfolgreiche Unternehmer, Mäzen und Stifter Wilhelm Merton auch die Goethe-Universität mitbegründet.

„Ich würde mich freuen, wenn wir mal in Frankfurt spielen würden“, sagte Merton schon einen Tag nach ihrem Geburtstag im September während des SWR3-New-Pop-Festivals in Baden-Baden. Nun bekommt sie ein verspätetes Geburtstagsgeschenk. Nachdem sie mit ihrer Band seit November durch Amerika getourt ist, folgt in diesem Jahr die Europa-Tournee. Mit einem Auftritt in der Frankfurter Batschkapp geht die „No Roots“-Sängerin in wenigen Wochen „back to the roots“ – zurück zu ihren Wurzeln.

Alice Merton ist am 4. März von 20 Uhr an in der Frankfurter Batschkapp zu hören.

Quelle: F.A.S.
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