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Promotion in Deutschland

Experten für Türkenkrieg und Speedreading

Von Hannah Bethke
 - 15:58
Arbeitsoptimierer: Simon Neubert und Tabea Kraaz betreiben im Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“. Bild: Wonge Bergmann, F.A.Z.

Weiße Tische, leere Flächen, Wände aus Fenstern und ein beeindruckender Blick auf Frankfurt: An diesem Ort erinnert nichts an die einsamen geisteswissenschaftlichen Studien eines Forschers, der zwischen Bücherbergen und Archivunterlagen sitzt und die Wissenschaftswelt mit neuen Erkenntnissen bereichert. Alles sieht sauber, modern und geordnet aus. Tabea Kraaz liebt diesen Ort. Sie ist Doktorandin im interdisziplinären Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ an der Universität Frankfurt. Den lichtdurchfluteten Arbeitsraum in der obersten Etage des IKB-Bank-Gebäudes, das von der Uni mitgenutzt wird, stellt das Kolleg seinen Doktoranden zur Verfügung. „Die ganze Doktorarbeit allein an einem einsamen Schreibtisch – das könnte ich nicht, da würde ich eingehen“, sagt die 28 Jahre alte Theologin Kraaz.

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Im gemeinsamen Arbeitsraum trifft sie regelmäßig andere Kollegiaten. Wenn es ein Problem gibt, bleiben sie nicht allein darauf sitzen, sondern können zusammen nach einer Lösung suchen. Kraaz weiß das sehr zu schätzen: „Ich behandle zum Beispiel Luther und den Türkenkrieg, und dann kann ich ohne Aufwand sofort mit einem Kollegen besprechen, wie man das aus einer islamischen Perspektive sehen kann. Das hilft mir einfach total, auch weil ich ein sozialer und kommunikativer Mensch bin.“

Simon Neubert promoviert über das Verhältnis zwischen Mission und Bildung. Auch er ist Doktorand im Kolleg, arbeitet aber lieber in der Bibliothek. Der 35 Jahre alte Familienvater profitiert von der Flexibilität, die ihm das Stipendium des Kollegs ermöglicht. Allerdings ist das ein Auslaufmodell: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist bei Graduiertenkollegs dazu übergegangen, nur noch Stellen mit einer Arbeitszeit von 65 Prozent zu vergeben, um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die stärkere Einbindung in die Universität sicherzustellen. Anders als bei regulären Uni-Mitarbeiterstellen gehen damit keine weiteren Aufgaben wie etwa Lehrverpflichtungen einher. Gewünscht wird lediglich die Mitarbeit in Gremien des akademischen Mittelbaus.

Soft Skills in der Wissenschaft

Die von der DFG finanzierten Graduiertenkollegs gibt es seit 1990. Unter einem Leitthema nehmen die Kollegs eine begrenzte Zahl von Doktoranden auf, die meist für drei Jahre finanziert werden. Im Unterschied zu einer Einzelpromotion müssen die Kollegiaten Seminare, Kolloquien und Workshops besuchen. Beteiligt sind daran nicht nur Doktoranden, sondern auch mehrere Professoren, meist aus verschiedenen Disziplinen. Tabea Kraaz und Simon Neubert berichten zudem von auswärtigen Summer Schools und Masterclasses, die das theologische Kolleg veranstaltet. Die Teilnahme ist Pflicht. Die Möglichkeiten, sich auszutauschen und Wissenschaftler kennenzulernen, sind dadurch tendenziell größer als während einer individuellen Promotion.

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Die Kollegs sollen außerdem berufsqualifizierende „Kompetenzen“ vermitteln: In den methodischen Workshops gehe es um „Soft Skills“, erklären die beiden Doktoranden. „Wir machen zum Beispiel Moderationsworkshops, das ist sehr hilfreich“, sagt Kraaz. Simon Neubert nickt. Besonders gelungen fand er den Kurs zum Speedreading – einer Methode, mit der das schnelle Lesen trainiert werden soll. Generell gehe es darum, „das eigene Arbeiten zu optimieren und die Effizienz zu steigern“.

Der Königsweg zur Qualitätspromotion

Was wie Werbung für eine Unternehmensberatung klingt, ist das gewollte Ergebnis einer sogenannten strukturierten Promotion. Die Ziele werden klar benannt: Promotionszeit verkürzen, sich vernetzen, Schlüsselqualifikationen erwerben. Doch sieht so der Königsweg zu einer Qualitätspromotion aus? Im Sommer hatten deutsche Akademien die zunehmende Entwertung von Promotionen kritisiert: Die Anforderungen seien deutlich gesunken. Längst ist bekannt, dass von der Inflation guter Noten nicht nur Schul- und Hochschulabschlüsse, sondern auch Promotionen betroffen sind. Versagen die Gutachter?

In einer klassischen Einzelpromotion gibt es einen Erstgutachter und einen Zweitgutachter; je nach Promotionsordnung wird eine dritte Expertise nur dann eingeholt, wenn die Differenz zwischen den Bewertungen ein bestimmtes Maß überschreitet. Die Praxis sieht aber oft so aus, dass sich der Zweitgutachter der Bewertung des ersten anschließt – oder umgekehrt. Wer die Arbeit betreut, bewertet sie auch. Der Wissenschaftsrat hat schon vor Jahren gefordert, hier eine Trennung zu vollziehen, um für mehr Objektivität in der Bewertung zu sorgen – bisher jedoch ohne Erfolg.

Auch im Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ wird von diesem Gutachtermodell nicht abgewichen. Aus dem Kolleg heraus wird allerdings ein dritter Betreuer rekrutiert, der zusätzlich Ansprechpartner für inhaltliche Fragen und Kritik zum Promotionsprojekt ist, ohne die Arbeit am Ende zu benoten. Betreuungsgespräche, die etwa alle zwei Monate stattfinden sollen, müssen protokolliert werden; eine Kopie geht an die Koordination des Kollegs. So soll sichergestellt werden, dass die Doktoranden ihre Betreuer regelmäßig sehen und inhaltliche Absprachen festgehalten werden.

Viele Doktoranden, wenig Stellen

Eine solche Kontrollinstanz gibt es in der Einzelpromotion nicht. Markus Rennig ist trotzdem zufrieden. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mathematik der Goethe-Universität. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Algebra und Geometrie. Rennig ist nicht in ein Kolleg eingebunden, wird allerdings, wie in vielen Naturwissenschaften üblich, kumulativ promoviert. Das bedeutet, dass seine Doktorarbeit nicht aus einer durchgeschriebenen Monographie besteht, sondern aus mehreren Aufsätzen, die während der Promotionszeit laufend publiziert werden.

Einsam fühlt der Fünfundzwanzigjährige sich nicht. Es gebe in seinem Fachbereich zwar kein Kolloquium, dafür aber, in Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt, ein Forschungsseminar, in dem regelmäßig über aktuelle Resultate diskutiert werde. Darüber hinaus stehe er in regem Austausch mit anderen Doktoranden und seinem Doktorvater. Rennig genießt die Freiheit und Selbständigkeit, die die Individualpromotion ihm ermöglicht. In einer strengeren Regulierung wie dem Protokollieren von Betreuungsgesprächen kann er für sich keinen Vorteil erkennen. Die Zeit nach der Promotion betrachtet er dagegen kritisch: „Die Postdocs haben es viel schwerer als die Doktoranden. Es gibt zu wenig Stellen.“ Oder gibt es vielleicht einfach zu viele Doktoranden?

Isabell Englert hat nicht das Gefühl, in einen Massenbetrieb geraten zu sein. Sie ist Doktorandin im Fachbereich Oecotrophologie an der Hochschule Fulda und wird in Kooperation mit der Universität Hohenheim promoviert. Bei diesem Modell verleiht die Partner-Uni den Titel; in anderen Disziplinen dürfen die hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften – vormals Fachhochschulen – den Doktorgrad mittlerweile auch selbst vergeben.

Der Sog in Richtung besserer Noten

Englert sagt, in Fulda sei die Betreuung sehr gut, weil die Hochschule klein sei. Schon im Studium habe sie das als angenehm empfunden. Überfüllte Seminare wie an Universitäten gebe es hier nicht. Je kleiner, desto besser die Qualität, davon jedenfalls ist Englert überzeugt. Sie hat eine befristete Mitarbeiterstelle und wird individuell promoviert. Regelmäßig gibt es ein kleines Doktorandenkolloquium, und ihre Doktormutter sieht die Ernährungswissenschaftlerin sehr oft, häufig einmal in der Woche. Vom Wintersemester an muss sie zwei Seminare geben, kann sich ihre Zeit aber sonst frei einteilen. „So viel Freiheit, da sind andere schon sehr neidisch auf mich“, meint sie. Die 27 Jahre alte Promovendin führt Abnehmstudien durch und untersucht, wie sich die aufgenommene Proteinmenge auf die Körperzusammensetzung auswirkt.

Diätetik an der Fachhochschule, der Wunderbegriff bei Luther im Graduiertenkolleg, algebraische Geometrie am Uni-Institut – unterschiedlicher könnten die Promotionsthemen kaum sein, und doch führen alle in einer Hinsicht zum selben Ergebnis, dem Doktortitel. Kann es da überhaupt einheitliche Qualitätsstandards geben? Der „Sog in Richtung besserer Noten“, den die Akademien kritisierten, scheint dagegen zu sprechen. Und solange die Hochschulen nicht damit aufhören, bei gesunkenen Anforderungen immer mehr Akademiker zu erzeugen, die sie am Ende doch nicht beschäftigen können, wird die Konkurrenz um die Stellen im universitären Mittelbau nicht kleiner werden.

Quelle: F.A.Z.
Hannah Bethke
Volontärin
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