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Ariane Mnouchkine

Keine Zeit für den Goethe-Preis

Von Eva-Maria Magel, Frankfurt
 - 11:26
Gruß aus der Ferne: Goethe-Preisträgerin Ariane Mnouchkine, hier 2005 bei Dreharbeiten, weilt in Japan. Bild: © FRANCK MARTINE / MAGNUM PHOTOS, F.A.Z.

Ariane Mnouchkine ist die Frau, die dafür berühmt ist, seit 53 Jahren bei jeder Vorstellung ihres Théâtre du Soleil dabei zu sein. Viele Zuschauer haben es erlebt, dass ihnen die legendäre Prinzipalin selbst die Tickets am Eingang der alten Munitionsfabrik im Pariser Bois de Vincennes abgerissen hat. Umso merkwürdiger wirkt es, dass diese Regisseurin der Anwesenheit eben nicht da ist, um den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt entgegen zu nehmen. Immerhin „einer der großen europäischen Kulturpreise“, wie Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in seiner Begrüßung hervorhebt.

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Die mit 50000 Euro dotierte Auszeichnung, 1927 begründet, hat allerdings tüchtig Federn gelassen – was nicht nur an der Abwesenheit der Preisträgerin liegt, die gestern in einer Videobotschaft gute Gründe dafür vorgebracht hat, nicht persönlich dabei sein zu können. Nur wenige Male ist der Preis nicht in der Paulskirche verliehen worden. Dass er nun in den Kaisersaal des Römers verlegt worden ist, dürfte weniger damit zu tun haben, dass, wie Rembert Hüser, Professor für Medienwissenschaft an der Goethe-Universität, in seiner Laudatio erwähnte, Goethe selbst ein höchst zwiespältiges Verhältnis zu der zu seinen Lebzeiten neugebauten Rundkirche hatte.

„Ich hätte sie so gerne hier gesehen“

Es könnte eher damit zu tun haben, dass in den vergangenen Jahren deutlich weniger Gäste die Ehre angenommen haben, der Preisverleihung beizuwohnen, was zu vielen freien Plätzen in der großen Kirchenhalle geführt hatte. Gestern war selbst der kleinere Kaisersaal nicht gefüllt. Was wiederum sicherlich auch damit zu hatte, dass bekannt gewesen war, dass Mnouchkine, die nach Peter Stein (1988) erst die zweite Regisseurin ist, die den Goethe-Preis erhält, nicht kommen werde. „Ich hätte sie so gerne hier gesehen“, war oft zu hören vor und nach dem Festakt, den Eva Böcker und Joan Bossier vom Ensemble Modern mit kurzen Werken von Zimmermann und Messiaen einrahmten. Waren doch auch etliche der älteren hiesigen Theatermacher im Publikum, von denen Willy Praml wohl am meisten mit Mnouchkine verbindet, sogar vom selben Lehrer, Jacques Lecoq, sind sie beeinflusst. Immerhin, heute um 18.30 Uhr wird Mnouchkines berühmter Film „Molière“ von 1978 bei Naxos-Kino in Pramls Theater gezeigt.

Warum sie selbst nicht kommen konnte, erklärte Mnouchkine in einem Video, vor dem Shinto-Schrein Kusakari auf der japanischen Insel Sado sitzend: Es ist die Zeit, die voraussichtlich kurze, die ihr, im März wurde sie 78 Jahre alt, wohl noch bleibt. Weshalb sie derzeit zurückreist an die Anfänge ihres theatralen Lebens. Bevor Mnouchkine das Théâtre du Soleil als Künstler- und Arbeitskollektiv errichtete, war sie ein Jahr lang auf Reisen, vor allem in Japan, und bis heute prägt die asiatische Theaterkunst ihre bildstarke Arbeit. Vielleicht bekomme sie durch diese Japanreise „Kräfte für ein letztes neues Werk“ oder aber den „Mut zu einem gelassenen Verzicht“ und der Übergabe ihres Lebenswerks, sagte Mnouchkine. Dass Zeit Geld ist, diesen prosaischen Gedanken versteht man in einer Bankenmetropole gut.

Mnouchkine aber, bis heute Prinzipalin eines freien Theaters, das alle gleich entlohnt, dankte ausdrücklich für das Preisgeld – der Goethe-Preis ist mit 50000 Euro dotiert. Dieses Geld bedeute ein Stückchen Zeit. „Sie haben uns ein wenig von jener Zeit geschenkt, die sich stets an dem rächt, was man ohne sie tut.“

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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