Hitzige Verkehrsteilnehmer

Schlimmer schimpfen

Von Rainer Schulze
 - 07:31

Ein Morgen in der dieser Woche, kurz nach neun auf dem Fahrradstreifen der Mainzer Landstraße im Gallus. Der Radfahrer vor mir hört Musik, fährt ziemlich langsam und weit links. Klingeln. Ich: „Könntest du etwas weiter rechts fahren? Dann komme ich besser vorbei.“ Er: „Halt’s Maul, du Wichser! Du Spast!“ Auf die Frage, warum er beleidigend wird, wenn ihn jemand freundlich bittet, überholen zu dürfen, wiederholt der junge Mann seine Worte in ähnlicher Reihenfolge.

Tags zuvor, auch auf dem Fahrradstreifen der Mainzer Landstraße, diesmal in umgekehrter Richtung. Rechts neben mir rollt ein Radfahrer auf dem Gehweg und flippt ohne ersichtlichen Grund völlig aus: „Du glaubst wohl, in Frankfurt kannst du dir alles erlauben? Wo kommst denn du her? Wissen deine Nachbarn eigentlich, was du für ein Spacko bist?“ Völlig perplex und etwas eingeschüchtert verzichte ich auf eine Antwort und suche lieber schnell das Weite.

Nun ist die Beobachtung ja nicht neu, dass es auf der Welt ziemlich viele Spinner gibt. Und man selbst hat sein Nervenkostüm ja auch nicht immer im Griff. Aber zu Beleidigungen versuche ich mich dann doch nicht hinreißen zu lassen. Ohnehin gibt es originellere Beschimpfungen als „Selbstbefriediger“ und „Mensch mit verkrampften Spannungzuständen der Muskulatur“. Woher kommt nur diese Wut, die sich explosionsartig entlädt? Sind die Hitze und der Schlafmangel schuld, dass viele Verkehrsteilnehmer derzeit so reizbar sind?

Wie reagiert man richtig auf Beschimpfungen?

Bekanntermaßen sind die wenigsten Menschen Engel und durchaus in der Lage zur kritischen Selbstbeobachtung. Man ist zu spät dran oder müde, hatte einen schlechten Tag oder ist einfach mies drauf. Wenn einem dann die Vorfahrt genommen wird, kann man schon einmal ausrasten. Den will ich sehen, der nach einem unverschuldeten Beinahe-Crash in aller Gemütsruhe milde lächelnd weiterfährt. Natürlich schimpft man. Aber doch nicht so! Was also tun, wenn man richtig derb angegangen wird? Zurückschimpfen mag kurz befreiend wirken, aber danach schämt man sich, weil die niederen Instinkte geweckt wurden. Ärgerlicherweise kommen solche Attacken ohnehin so spontan, dass einem die beste Replik immer erst später einfällt.

Provokationen fördern nur die Eskalation. „Komm Süßer, fahr weiter!“, geht eher nach hinten los. Und als ein Poser mich einmal um ein Haar touchiert hatte, brachte mir der Satz „Das ist ja ein ganz tolles Auto“ fast Prügel ein. Besser: Klüger sein, Klappe halten. Einmal aber habe ich einen ziemlich guten Spruch gehört. Ich hatte eine widerspenstige Zeitung mit in die vollbesetzte S-Bahn genommen, kämpfte mit den Seiten und dem genervten Blick des Gegenübers. Ich: „Ist was?“ Er: „Lassen Sie Ihre privaten Probleme doch bitte zu Hause.“ Uff, das saß. Der Satz klingt überheblich, enthält aber viel Wahrheit.

Wie also kommt man heil durch den Verkehr? Bevor man losfährt, dreimal vor sich hersagen: „Reg dich nicht auf!“ Klappt erstaunlich gut.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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