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F.A.Z.-Bürgergespräch

In fünf Jahren wird es für die Städtischen Bühnen ernst

Von Rainer Schulze, Frankfurt
 - 20:17
In der Hitze der Nacht: Der designierte Intendant des Schauspiels Anselm Weber, Opern-Intendant Bernd Loebe, Ressortleiter Matthias Alexander, Kulturchef Michael Hierholzer, Kulturdezernentin Ina Hartwig, Alte-Oper-Intendant Stephan Pauly und der Stadtplaner Martin Wentz (von links). Bild: Wonge Bergmann, F.A.Z.

Glücklich die Frau in der ersten Sitzreihe, die an einen Fächer gedacht hat. Im Foyer der Oper ist es derart stickig, dass viele Zuhörer zum Programm oder zur Zeitung greifen, um sich etwas Luft zuzufächeln. Hätte es noch eines Beleges bedurft, dass die Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz dringend saniert werden muss, er wäre am Montagabend erbracht worden. Schon zu Beginn des F.A.Z.-Bürgergesprächs über die Zukunft der Städtischen Bühnen staut sich hinter den Scheiben des gläsernen Foyers die Hitze. Angeblich gibt es für die veraltete Klimaanlage kein Kühlmittel mehr auf dem Markt.

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Schon einige Tage zuvor war das Bürgergespräch ausgebucht. Es geht um eine Frage, die die Stadt bewegt wie derzeit kaum eine zweite: „Sanierung oder Neubau? Die Zukunft der Städtischen Bühnen.“ Die Intendanten der Oper und der Alten Oper, Bernd Loebe und Stephan Pauly, diskutieren gemeinsam mit der Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und dem Projektentwickler und früheren Planungsdezernenten Martin Wentz über den Aufwand und die Folgen für das Kulturleben. Die beiden Moderatoren, Ressortleiter Matthias Alexander und Kultur-Chef Michael Hierholzer, haben sich für diesen Abend vorgenommen, etwas Ordnung in die Debatte zu bringen. Die Kosten einer Sanierung werden auf 380 Millionen Euro geschätzt. Lohnt sich das? Oder wäre ein Neubau die bessere Lösung? Wenn ja, am alten oder an einem neuen Standort?

„Die Stadtgesellschaft lässt sich dieses Herz nicht ausreißen.“

Links außen hat ein Überraschungsgast auf dem Podium Platz genommen. Anselm Weber, designierter Intendant des Schauspiels, kommt in einem Jahr nach Frankfurt, „um Theater zu machen und nicht zum Bauen“, wie er sagt. Doch eine Bauaufgabe stellt sich dem Architektensohn unweigerlich. Die Elektrik ist veraltet, Rohre könnten brechen, ein Drittel der Heizenergie verpufft durch undichte Fenster. Die Ingenieure haben schon 900 Wände angebohrt, um den genauen Aufwand zu bemessen, berichtet Loebe. Fünf Jahre wird es aber mindestens noch dauern, bis die Bauarbeiten beginnen. „Ich habe vom Hochbauamt die Genehmigung, dass ich für fünf Jahre weiter planen kann“, sagt Loebe.

Zwar steht der genaue Aufwand der Sanierung noch nicht fest. Erst im nächsten Jahr soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen. Schnell wird auf dem Podium aber klar, was sich auch in der politischen Debatte der vergangenen Wochen abgezeichnet hat: Eine Sanierung des Gebäudes hat für fast alle Beteiligten Priorität. Und sollte tatsächlich ein Neubau nötig sein, so ist auch am Standort nicht zu rütteln. Viele Frankfurter fühlten sich mit dem Gebäude emotional verbunden, sagt Hartwig, die von der transparenten Fassade schwärmt, die das „Kraftzentrum“ nachts in einen Leuchtkasten verwandle. „Die Stadtgesellschaft lässt sich dieses Herz nicht ausreißen.“ Außerdem sei es in einer sich schnell wandelnden Stadt wichtig, das Gedächtnis zu erhalten.

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Ein zusätzlicher Standort hätte auch seinen Reiz

Auch Loebe hat in dem „halben Leben“, das er in diesen Gemäuern verbracht habe, ein emotionales Verhältnis zu dem Gebäude entwickelt. „Ein Theater ohne die Städtischen Bühnen an diesem Platz ist kaum vorstellbar“, sagt er. Einen Neubau wünscht sich Loebe jedenfalls nicht, selbst wenn dort eine „Bernd-Loebe-Piazza“ entstehen könnte, wie ein Mitarbeiter ihm vorgeschlagen habe. Pauly hält wenig von der Idee, dass die Oper ihr altes Stammhaus wieder nutzen könnte, sollte ein Auszug aus der Theater-Doppelanlage nötig sein. „Wir haben ein tolles Konzerthaus. Und das ist die Alte Oper“, sagt er und verweist auf 450 000 Besucher im Jahr. Wichtiger noch als das Gebäude sei für eine Kulturinstitution die „innere Identität eines Hauses“, die sich über das Programm und die Partnerschaft zur Künstlern bilde.

Sind sich also alle einig? Beinahe. Als einziger verweigert sich Wentz dem Konsens. Der frühere Stadtrat sieht sich als „Mahner in der Wüste“ und kritisiert, dass sich alle Dezernenten ohne Kenntnis der Sachlage schon auf eine Sanierung festgelegt hätten. Diese Haltung rügt er als „selbstzufriedene Mutlosigkeit“. Die Sanierung könne mehr als fünf Jahre in Anspruch nehmen. Für diesen Zeitraum müssten Ausweichspielstätten gefunden werden. Als Alternative könne jedoch an einem besonderen Ort in der Stadt, etwa auf dem Kulturcampus, ein neues Theater gebaut werden. Das hätte aus stadtplanerischer Sicht seinen Reiz, findet Wentz. „Städte werden interessanter, je weiter verteilt die kulturellen Einrichtungen sind.“ Am Willy-Brandt-Platz könne dann eine Einrichtung verbleiben. Und auf dem restlichen Grundstück könne die Stadt ein Museum bauen.

Soll alles bleiben, wie es ist?

Weber und Loebe halten nichts davon, die „Theaterehe“ zu zerreißen. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, wie Weber sagt. „Wir empfinden uns als ein Haus“, pflichtet Loebe bei. Wentz meint, dass bei einem Umzug während der Bauzeit diese Ehe ohnehin in die Brüche gehe. Loebe und Weber hoffen jedoch, dass sowohl die Oper als auch das Theater während der Sanierung am Willy-Brandt-Platz bleiben können. Das hält der frühere Planungsdezernent Hans-Erhard Haverkampf, der sich aus dem Publikum zu Wort meldet, für realistisch. Die Doppelanlage könne kontinuierlich bei laufendem Betrieb saniert werden. Abgesehen davon sei es eine „absurde Idee“, die Alte Oper wieder als Oper zu nutzen, denn sie habe weder eine Hinterbühne noch Werkstätten. Auch der Architekt Christoph Mäckler hält eine Sanierung bei laufendem Betrieb für machbar. „Das Haus hat eine Geschichte. Nur weil ein paar Wasserrohre ausgetauscht werden müssen, muss man es nicht abreißen.“

Weber kritisiert, dass eine „Scheindiskussion“ geführt werde. Er appelliert, zunächst die Machbarkeitsstudie abzuwarten, deren vorläufige Ergebnisse er relativ genau kenne. Es sei zu diesem Zeitpunkt richtig, den Standort zu erhalten. Die Ingenieure sind mit ihren Berechnungen allerdings noch nicht fertig. Bisher ist erst die Bestandsaufnahme beendet. Auch Hartwig mahnt, die Ergebnisse abzuwarten: „Eine seriöse Debatte kann dann erst beginnen.“ So sind sich am Ende zumindest alle darüber einig, dass zunächst die Fakten feststehen müssten. „Aber es gibt Leute, die wollen die Diskussion abkürzen und sich vorab darauf festlegen, dass alles so bleiben soll, wie es ist“, sagt Wentz. Das will auch die Mehrheit der Zuhörer, wie eine Blitzumfrage zeigt.

Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch
Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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