Computerkurse

Angst vor dem digitalen Versagen

Von Lukas Schöne, Frankfurt
 - 15:23

Kirsten Marin-Munoz jubelt, als sie auf „Senden“ drückt. Per Mail hat sie sich soeben um eine Stelle als Kosmetikerin beworben. Nachdem sie viele Jahre in der Personalabteilung einer Reinigungsfirma gearbeitet hat, möchte sie sich beruflich neu orientieren. Die passende Qualifikation, andere Menschen schöner zu machen, kann sie vorweisen. Doch fühlte sie sich nicht in der Lage, die Online-Bewerbung für die neue Stelle ansprechend zu gestalten. Deswegen nimmt sie die Hilfe von Martina Peukert in Anspruch. Die IT-Trainerin zeigt ihr, wie sie mit Word umgehen und korrekt formulierte E-Mails samt Anhang verschicken kann. Schließlich ist es schon eine Weile her, dass sich Marin-Munoz auf Jobsuche begeben musste.

65 Euro kostet das private Einzeltraining, es dauert 90 Minuten je Einheit. Marin-Munoz macht den Kurs regelmäßig und findet, dass Geld und Zeit gut investiert sind. Sie freut sich, dass Peukert ihr während des Kurses ein Erfolgserlebnis beschert und sie die Bewerbung sofort abschicken kann. „So macht Lernen doch viel mehr Spaß, weil ich sehe, was ich geschafft habe“, sagt die 47 Jahre alte Frankfurterin. „Ich lasse mir gerne helfen.“

Die Gefahr, abgehängt zu werden

Für viele andere hingegen, die in ihrer Freizeit einen Computerkurs machen, besteht kein Grund, zu jubeln. Oft fühlen sie sich in der digitalen Welt und in ihrem Job abgehängt. Angesichts der vielen technischen Entwicklungen kommen sie nicht mehr hinterher. Den meisten fällt es schwer, über ihre Schwierigkeiten zu reden. Sie denken, dass Wissenslücken im Umgang mit Computer, Smartphone und Tablet sie zum Außenseiter machen könnten.

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Wer trotzdem nachfragt, bekommt entweder keine Antwort oder Sätze wie „Dazu möchte ich nichts sagen“ zu hören. Auch viele PC-Trainer müssen passen, wenn ein Journalist sie darum bittet, eine Unterrichtsstunde begleiten zu dürfen: Die Kunden wollen nicht, dass ihre vermeintlichen Schwächen öffentlich werden. Peukert, die seit 15 Jahren Computerkurse anbietet, sagt: „Viele schämen sich, wenn sie mit dem PC nicht zurechtkommen.“ Das zeige sich auch daran, dass sie kaum noch Kurse mit mehreren Teilnehmern geben könne. „Die meisten wollen lieber alleine unterrichtet werden.“ Dann sei die Hemmschwelle geringer, und die PC-Laien hätten nicht so schnell das Gefühl, sich zu blamieren.

Auf politischer Ebene ist das Thema erkannt. Ende vergangenen Jahres sagte der ehemalige Chef der Arbeitsagentur Frank-Jürgen Weise sinngemäß, Arbeitnehmer sollten sich gut überlegen, ob sie in ihrer Freizeit lieber Computerkurse besuchen oder sich mit PC-Spielen die Zeit vertreiben wollten. Und er warnte vor der Gefahr, in einer digitaler werdenden Arbeitswelt abgehängt zu werden.

„Dann war ihm das Ganze sogar vor mir peinlich“

Tatsächlich ist die Zahl der Kunden, die privat einen Computerkurs belegen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie IT-Trainerin Peukert berichtet. Mehr als 50 Neukunden habe ihr Unternehmen in Frankfurt jedes Jahr zu verzeichnen. Manchmal erlebt sie Seltsames. Peukert erzählt, dass ein Kunde nur einmal zu ihr kam und sich danach nie wieder blicken ließ. „Dann war ihm das Ganze sogar vor mir peinlich.“ Deshalb sei es wichtig, dass sich Trainer und Schüler von Anfang an gut verstünden. Bei Kirsten Marin-Munoz und ihr scheint das der Fall zu sein. Während Peukert letzte Tipps zur Bewerbung gibt, lachen die beiden viel. Sie duzen sich. Peukert sagt: „Es mag banal klingen, aber Vertrauen aufzubauen ist wichtig.“ Das Ganze sei für viele ein sensibles Thema. Es koste sie Überwindung, bei Schwierigkeiten mit dem Computer um Rat zu fragen.

Ähnlich äußert sich Ronit Rozenek, die seit 2013 eine Computerschule in Heddernheim betreibt. „Es gibt Leute, die haben Angst davor, mit anderen im Kurs zu sein.“ Daher biete sie Einzelunterricht an. Sie hat schon erlebt, dass Kunden zu ihr kamen, weil sie sich vor ihren Kindern und Verwandten keine Blöße geben wollten. „Für viele Menschen ist das eben eine neue Welt.“ Und wenn sie dann auch noch feststellten, dass der Umgang mit dem PC für andere selbstverständlich sei, fühlten sich manche dumm.

„Das ist natürlich Quatsch“, sagt Rozenek. Ihrer Erfahrung nach zieht sich die Angst vor dem digitalen Versagen durch fast alle Altersgruppen. Zu ihr kommen Rentner, aber auch Studenten, die kurz vor einem Praktikum noch schnell die EDV-Kenntnisse erwerben wollen, die sie in ihrem Lebenslauf längst angegeben haben. Ehemalige Führungskräfte müssen Dinge lernen, die vorher eine Sekretärin für sie erledigt hat. Auch Erzieherinnen gehören zum Kundenkreis. Rozenek sagt: „Auch da muss man heutzutage eine Excel-Tabelle anlegen können.“

Meist ist ein konkretes und akutes Problem der Anlass

Excel ist ein Programm, bei dem längst nicht nur Erzieherinnen Nachholbedarf haben. Eine Frau, die bei Rozenek Einzelstunden nimmt, macht sich unter Anleitung ihrer Trainerin mit den Funktionen vertraut: Spalten löschen, Zeilen einfügen, Berechnungen anstellen. Seit einem Monat nimmt sie einmal in der Woche Unterricht, ihren Namen möchte aber auch sie lieber nicht nennen. Sie nennt Wohnimmobilien und ein Hotel ihr Eigen und braucht Excel für die Buchführung. Sie schäme sich zwar nicht dafür, dass sie den Kurs mache. Aber es müsse ja nicht jeder wissen. „Ich fühle mich alleine wohler als in einem Kurs mit mehreren.“ So könne sie das Tempo bestimmen.

In Seminaren, die ein Unternehmen für Mitarbeiter organisiert, wäre das undenkbar. Dort sei das Potential, sich unter den Kollegen beschämt zu fühlen, besonders groß, sagt Martina Peukert. Das führe dazu, dass viele Arbeitnehmer, die es eigentlich nötig hätten, an freiwilligen internen Schulungen nicht teilnähmen. „Sie versuchen, einfach so weiterzumachen und sich nichts anmerken zu lassen.“ Erst wenn sie im Berufsalltag vor dem Scheitern stünden, meldeten sie sich bei ihr.

„Meist ist ein konkretes und akutes Problem der Anlass, dass mich Menschen aufsuchen.“ Peukert berichtet von einem Kunden, der immer heimlich zu ihr komme. Niemand dürfe erfahren, dass er private Nachhilfe am Computer nehme. In seinem Betrieb habe er lange verbergen können, dass ihm viele Arbeitsschritte Probleme bereiteten. Als das nicht mehr ging, bat er sie, seine „Unzulänglichkeiten“ diskret zu behandeln.

Quelle: F.A.Z.
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