Die neueste Altstadt der Welt

Von MATTHIAS ALEXANDER, RAINER SCHULZE, HELMUT FRICKE (Fotos)

09.05.2018 · In sechs Jahren hat sich Frankfurt eine neue Altstadt gebaut. 35 Häuser geben dem Herzen der Metropole ein historisches Gesicht. Jetzt ist das Quartier für alle offen.

Das schönste Flüchtlingsheim

Von MATTHIAS ALEXANDER
Markt 5: Die „Goldene Waage“ ist das prächtigste Haus in der Altstadt.

Dieses Haus war eine einzige Provokation, und als solche haben sie die alteingesessenen Frankfurter auch empfunden: Da kommt ein Flüchtling daher, kauft sich das beste Grundstück am Platze und baut darauf das prächtigste Wohn- und Geschäftsgebäude, das die Stadt je gesehen hat. Er hielt die Bauvorschriften zwar ein, nahm aber deutlich Anleihen am architektonischen Geschmack seiner Heimat. Alles an diesem Haus sagte: Bescheidenheit mag in Frankfurt eine Zier sein, aber das ist die falsche Haltung; wer seinen Reichtum nicht in architektonische Prachtentfaltung investiert, lebt verkehrt.

Die Rede ist von der „Goldenen Waage“, die in den Jahren 1618 und 1619 gegenüber vom Domturm am Eingang zum Krönungsweg errichtet wurde. Eine prominentere Lage war nicht denkbar. Wenn der frisch gekrönte deutsche König und römische Kaiser aus dem Kirchenportal trat, um mit seinem Gefolge den Weg zum Festmahl im Römer anzutreten, dann stand man an den Fenstern der „Goldenen Waage“ in der ersten Reihe.

Bauherr war Abraham van Hamel, der wie viele andere als Religionsflüchtling aus den spanischen Niederlanden nach Frankfurt gekommen war und offenbar einen größeren Teil seines Vermögens mit in die neue Heimat hatte nehmen können. Der selbstbewusste Mann war Gewürz- und Farbenhändler und zugleich Zuckerbäcker und auch nach seiner Übersiedelung nach Frankfurt geschäftlich erfolgreich.

Die „Goldene Waage“ war, lässt man den Fassadenschmuck beiseite, der in manchem Detail an Bauten in Abrahams Heimat Antwerpen Anleihe nahm, ein klassisches Kaufmannshaus. Im mehr als fünf Meter hohen Erdgeschoss befand sich eine Kontorhalle, die nachts mit Klappläden geschlossen wurde. Darüber lagen Wohngeschosse. Im Hinterhaus befanden sich Produktionsräume und Kammern für das Gesinde. Der Bau wurde bekrönt von einem „Belvederchen“, einer Dachterrasse, von der aus der Blick über die Dächer der Altstadt ging.

Die Stadt erwarb das Haus 1889 und baute es zur Außenstelle des Historischen Museums um. Die Frankfurter hatten da längst ihren Frieden mit dem auffälligen Bau gemacht, der nun eine Touristenattraktion war. Als 2005 die Debatte um die Bebauung des Dom-Römer-Areals begann, war die „Goldene Waage“ unter den historischen Gebäuden dasjenige, dessen Wiederaufbau oberste Priorität hatte.

Nun ist das Werk beinahe vollbracht. Da der Innenausbau noch nicht vollendet ist, müssen sich die Besucher der neuen Altstadt noch bis zum Jahresende gedulden, bis sie die „Goldene Waage“ besichtigen können. Das war nicht von Anfang an so geplant, vielmehr haben sich die Arbeiten wegen des gewaltigen Aufwands verzögert. So hat sich das für den Bau verantwortliche Architektenbüro Jourdan & Müller Steinhauser intensiv mit der Baugeschichte des Hauses beschäftigt; wo die Quellen schwiegen, wurde mit Analogieschlüssen gearbeitet. So ist Bürogründer Jochem Jourdan beispielsweise nach Belgien gefahren, um dort Häuser aus der Entstehungszeit der „Goldenen Waage“ in Augenschein zu nehmen und Rückschlüsse für Details der Frankfurter Bauaufgabe ziehen zu können. Und an die Handwerker wurden höchste Ansprüche gestellt, etwa an die Stuckateure, die die bedeutenden Stuckdecken wiederhergestellt haben.

Von einer Rekonstruktion sprechen die Beteiligten dennoch nicht mehr. Vielmehr ist wie im Fall der anderen 14 historischen Häuser, die wiederaufgebaut werden, von einem „schöpferischen Nachbau“ die Rede. Baurechtlich handelt es sich um Neubauten, die heutigen Anforderungen an Statik, Brandschutz oder Energieeinsparung gerecht werden müssen. So dürfen nach der Bauordnung tragende Mauern nicht aus Naturstein bestehen. Das bedeutet, dass die Architekten im Sockelgeschoss hinter der Sandsteinfassade eine Betonwand verstecken mussten.

Grafik: Levinger, Giesel

Ein zeitloses Kaufhaus

Von RAINER SCHULZE
Markt 30: Ein Neubau mit Charakter

Das Glockenspiel der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg stimmt „Die güldne Sonne“ an. Deren Strahlen tauchen die Fassaden der Neubauten am Krönungsweg in ein helles Morgenlicht und bringen auch die rostbraune Fassade des „Alten Kaufhauses“ zum Leuchten. An einigen Stellen blitzen die Putzkörner grell auf, als hätte jemand einige Pailletten untergemischt.

Das „Alte Kaufhaus“, wie der Neubau mit der Adresse Markt 30 nach seinem Vorgängerbau heißt, ist eines der besten Gebäude in der Altstadt. Die Fassade ist klar gegliedert und formal reduziert bis zur Askese. Das Baseler Architekturbüro Morger und Dettli hat die Urform des Hauses entworfen: spitzer Giebel, drei bündig eingelassene Fenster, ein Eingang mit Windfang. Das Gebäude fügt sich in seine Umgebung ein und hebt sich doch auch ein wenig ab von seinen Nachbarn am Krönungsweg. Es steht selbstbewusst in dieser Reihe und strahlt eine strenge Würde aus. Auf seiner Nordseite – das Haus hat zwei Adressen – wurde im Erdgeschoss eine Spolie verbaut. Das barocke Erdgeschoss des Gartenhauses Schillerstraße 13 wurde 1906 abgebrochen und am Liebieghaus ausgestellt, als Beispiel guter Handwerkskunst aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Jetzt ist das fünf Meter breite und dreieinhalb Meter hohe Sandsteinportal in die Altstadt zurückgekehrt. Allerdings nicht an seinen historisch angestammten Ort, sondern an die Gasse Hinter dem Lämmchen.

Auch künftig wird man unter dem alten Bogen wieder ein Geschäft betreten. Im Erdgeschoss ziehen eine Drogerie und eine Bäckerei ein. In den oberen Etagen wird es Wohnungen geben. Dem Gebäude ist seine zeitgenössische Handschrift abzulesen. Und doch zeichnet es sich durch eine „Architektursprache der datierbaren Zeitlosigkeit aus“, wie die Architekten ihr Bauwerk beschreiben. Die Fassadenmotive seien vertraut und aus dem Repertoire einer jahrhundertealten, städtischen Hausbautradition übernommen, fein interpretiert und nuanciert.

Angeblich ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn neue Gebäude schnell Spitznamen bekommen. Bedeutet dies doch, dass der Betrachter etwas mit ihnen assoziiert. Architektur will die Menschen bewegen, was mehr kann man sich als Architekt also wünschen. Einige Spitznamen sind allerdings weder einfallsreich noch schmeichelhaft oder gar zutreffend. Sie sind einfach nur dumm. So wird das „Alte Kaufhaus“ in einem Internetforum als „Hundehütte“ geschmäht. Das zeugt von Ignoranz und von blinder „Früher war alles besser“-Mentalität. Und überhaupt: Seit wann wohnen Hunde mehrstöckig?

In der Altstadt wurden 20 Neubauten errichtet. Es hätten ruhig noch ein paar mehr sein dürfen – sofern sie diese Qualität erreicht hätten. Auch das „Neue Paradies“ am Hühnermarkt, das verschieferte Wohnhaus Markt 10 und das Haus „Zu den drei Römern“ gehören in diese Reihe zeitgenössischer Formen, die zeigen, wie man heute in einer sensiblen Umgebung bauen kann.

Das neue Viertel aus der Vogelperspektive

Video: Helmut Fricke, Johannes Krenzer

Eine Galerie der Baugeschichte

Von RAINER SCHULZE

Entlang des historischen Krönungswegs stehen 18 Altstadthäuser. Nur sechs von ihnen wurden rekonstruiert. Ein Spaziergang bietet deshalb einen Überblick über das Bauen in unterschiedlichen Epochen. Es gibt Licht und Schatten, bessere und schwächere Gebäude. Aber dank klarer Gestaltungsregeln fügen sich die Bauten doch zu einem Ensemble zusammen.

  • Markt 40: Das Haus „Zu den drei Römern“ am Zugang zum Römerberg ist ein zeitloser Auftakt zur neuen Altstadt. Es wurde von dem Architekturbüro Jordi & Keller entworfen.
  • Markt 38 und 36: Das Gebäude „Stadt Mailand“ (links) wurde von Michael Landes entworfen. Von Dreibund Architekten stammt dagegen das „Goldene Haupt“.
  • Markt 34 und 32: Zwei weitere Neubauten am Krönungsweg – ihre Architekten heißen Francesco Colloti (links) und Tillmann Wagner Architekten, die die „Goldene Schachtel“ entworfen haben.
  • Markt 30 und 28: Das „Alte Kaufhaus“ (links) macht nicht auf alt. Der Neubau von Morger + Dettli grenzt an die erste Rekonstruktion: Das Haus „Würzgarten“ stammt aus dem 16. Jahrhundert.
  • Markt 17: Das „Rote Haus“ auf der Südseite des Krönungswegs wurde rekonstruiert. Einst verkauften an diesem Ort die Frankfurter Metzger im offenen Erdgeschoss ihre Waren.
  • Markt 15: In das rekonstruierte „Neue Rote Haus“, dessen Fassade weiß ist, soll ein Metzger einziehen. Der Vorgängerbau stammte aus dem 16. Jahrhundert.
  • Markt 13: Die „Grüne Linde“ ist eine weitere Rekonstruktion. In das schon früher als Gasthaus genutzte Gebäude soll in den nächsten Monaten eine Weinbar einziehen.
  • Markt 9 und 11: „Kleiner Vogelsang“ heißt dieses Gebäude. Der Neubau auf der Südseite des Krönungswegs wurde von Dreibund Architekten entworfen und soll eine Töpferei beherbergen.
  • Markt 8, 10 und 12: Neben dem U-Bahn-Zugang (rechts) liegen an der Nordseite des Krönungswegs zwei weitere Neubauten. In den Erdgeschossen sind ein Modegeschäft und ein Café geplant.
Grafik: Levinger, Giesel


Es ist ein Auftakt nach Maß. Wer vom Römerberg aus die neue Altstadt betritt, der läuft auf ein Gebäude zu, dessen Baujahr nicht leicht zu datieren ist. Links davon zweigt die Gasse „Hinter dem Lämmchen“ ab, rechts geht es auf den „Krönungsweg“. Das Haus „Zu den drei Römern“ steht an dieser Kreuzung und hat deshalb gleich drei Schauseiten. Es trägt eine anspielungsreiche Fassade, die von dem Architekten Marc Jordi entworfen und von Handwerkern kunstvoll gestaltet wurde. Im Obergeschoss der Giebelseite erinnert eine Spolie an Dieter Bartetzko, den 2015 verstorbenen Architekturkritiker dieser Zeitung, der sich als Mitglied des Gestaltungsbeirats für den Bau der Altstadt starkgemacht hat.

Am gegenüberliegenden Ende des Krönungswegs hat das Büro Jordi & Keller ein zweites Altstadthaus entworfen. Das Gebäude mit der Adresse Markt 8 steht neben dem Haus am Dom und beherbergt den Abgang zur U-Bahn-Station Dom/Römer. Die Architekten haben Betonteile des 2010 abgerissenen Technischen Rathauses in die Fassade des Gebäudes eingefügt, das direkt gegenüber der „Goldenen Waage“ steht. So wirken die Altstadthäuser wie ein großes Palimpsest, in das die Spuren ganz unterschiedlicher Vergangenheiten eingeschrieben wurden. Die Altstadt löst mit den Gebäuden an ihren beiden Eingängen einen Anspruch ein: Sie soll nicht dem Vergangenen huldigen, sondern das Heutige mit einbeziehen.

Aber zurück zum Auftakt am Römerberg. Geht man an den „Drei Römern“ vorbei den Krönungsweg entlang, so passiert man rechts die Pergola, die den Höhensprung zum Schirnplateau ausgleichen und an den historischen Verlauf der Gasse erinnern soll. Linker Hand stehen einige Neubauten von unterschiedlicher Qualität. Michael Landes hat seinem Haus „Stadt Mailand“ eine stark gegliederte Steinfassade gegeben, die dem Hausnamen Ehre macht. Daneben steht ein Neubau von Dreibund Architekten, dessen postmodern wirkende Obergeschosse auch gut an die Saalgasse passen würden. Es schließt sich das wohl schwächste Gebäude in der Altstadt an, ein mit Holzlamellen verkleideter Neubau, der leider ziemlich billig wirkt und ein wenig an skandinavische Wohnhäuser erinnert. Die Qualität steigt mit der „Goldenen Schachtel“ (Tillmann Wagner Architekten) wieder langsam an und erreicht mit dem „Alten Kaufhaus“ einen Höhepunkt. Es ist eine lange Strecke bis zur ersten Rekonstruktion, dem „Haus Würzgarten“, das aus dem 16. Jahrhundert stammt. Dann ist die Ecke zum Hühnermarkt erreicht.

Auf der anderen Seite des zentralen Platzes in der Altstadt geht es hinter dem sensationellen „Neuen Paradies“ weiter mit einem zweiten Neubau von Dreibund Architekten, dem die Verwandtschaft anzumerken ist. Sein Nachbar Markt 10 ist ein Geheimfavorit vieler Architekturfreunde. Von Ey Architekten haben dem Wohnhaus eine plastische Schieferfassade gegeben. Dann folgt jener U-Bahn-Zugang, der eingangs erwähnt wurde.

Der Krönungsweg hat auch eine Südseite, die aber wegen der Schirn-Rotunde nur unvollständig aufgebaut werden konnte. Hinter der Pergola, die als Platzhalter an die fehlenden Gebäude erinnert, beginnt die Südseite mit dem „Roten Haus“, unter dessen offenem Erdgeschoss einst Metzger ihre Waren anboten. Die Rekonstruktion hat viel Kritik auf sich gezogen, weil die Balkenlage offenbar fehlerhaft berechnet wurde. Dem Laien fällt das nicht auf, weil die Fassade verputzt wurde. Auch die beiden Nachbargebäude, das gotische „Neue Rote Haus“ und die barocke „Grüne Linde“, wurden rekonstruiert. Daneben stehen zwei Neubauten. Das pittoreske Haus „Kleiner Vogelsang“ erinnert mit seiner in zwei Hälften gegliederten Fassade an ein aufgeschlagenes Buch. das Nachbargebäude Markt 7 hat eine dienende Funktion: Es ist ein Treppenhaus zur Erschließung der „Goldenen Waage“. In dem nur wenige Meter tiefen Gebäude sowie in einem Raum der „Goldenen Waage“ wird künftig die Sammlung des Stoltze-Museums präsentiert.

Vorbei an der „Goldenen Waage“ betritt der Besucher am Ende des Krönungswegs einen Platz, der vom Dom und vom Stadthaus gerahmt wird. Dieses ist eine Art Bürgerhaus, das auch für Veranstaltungen vermietet wird. Es soll zwischen der Kunsthalle Schirn und dem kleinteiligen Ensemble der Altstadthäuser vermitteln. Außerdem liegt unter dem Stadthaus der Archäologische Garten, das steinerne Gedächtnis der Stadt. Die Architektur des Stadthauses stammt von den Büros Meurer und CBA und leitet sich aus der Umgebung ab. Es hat mehrere steil zulaufende Giebel und eine Fassade aus rotem, grau verfugtem Mainsandstein. Ein Säulengang führt in den dämmrigen Archäologischen Garten hinein.

Der Herzmuskel der Altstadt

Von MATTHIAS ALEXANDER

Alle Wege führen zum Hühnermarkt, über den Friedrich Stoltze freundlich wacht. Rekonstruktionen und Neubauten halten sich die Waage.

  • Das Herzdes Herzens: Auf dem Hühnermarkt wird am Ende jeder landen, der die neue Altstadt besucht. Glücklich, wer hier ein Café betreibt.
  • Im Osten mehr Neues: Auf dieser Platzseite überwiegen Neubauten.
  • Im Westen das alte Neue: Rekonstruktionen vereint im Klassizismus
Grafik: Levinger, Giesel


Mit schönen Plätzen ist Frankfurt nicht gerade überreich gesegnet. Der wiederhergestellte Hühnermarkt kommt da gerade recht. An ihm stimmt einfach alles, seine Proportionen, seine Geschlossenheit und seine Funktion als Verbindung zwischen Neugasse, Hinter dem Lämmchen und Krönungsweg. Der Hühnermarkt mit dem hübschen Stoltze-Brunnen (Fremde denken oft, es handele sich bei der Büste um ein Bildnis von Karl Marx) ist gewissermaßen der Herzmuskel der Altstadt. Man muss nur ein paar Schritte gehen, und schon tun sich ganz neue Blickbeziehungen auf. Was den Reiz des mittelalterlichen Stadtgrundrisses ausgemacht hat, ist hier zu erleben.

Es könnte allerdings sein, dass das Plätzchen Opfer seiner eigenen Attraktivität wird. Es ist anzunehmen, dass hier zu fast jeder Tageszeit Trauben von Menschen anzutreffen sind. Die Dichte der Selfiesticks wird so hoch sein, dass ein normales urbanes Leben hier nur bedingt stattfinden kann. Die Bewohner der Altstadt werden damit umgehen müssen – aber sie konnten es sich schließlich vorher denken.

Die Häuser am Hühnermarkt teilen sich in zwei Gruppen. Auf der Westseite finden sich drei sogenannte schöpferische Nachbauten, vulgo Rekonstruktionen. Es handelt sich durchweg um klassizistische Häuser von schlichter Schönheit: das Haus „Schlegel“ mit französischen Fenstern an der Ecke zum Krönungsweg, das schmale Haus „Eichhorn“ in der Mitte und die „Goldene Schere“ an der Ecke zur Gasse Hinter dem Lämmchen. Gestört wird das Bild durch außenliegende Regenrohre, von denen sich nur eines durch ein historisches Vorbild rechtfertigen lässt.

Auf der Ostseite des Hühnermarkts steht mit dem Nachfolger des „Neuen Paradieses“ der vielleicht markanteste Neubau des Dom-Römer-Areals. Er hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem klassizistischen Vorgängerbau, der ziemlich banal ausgefallen war, sondern stellt eine sehr eigenwillige Interpretation der Vorgaben der Gestaltungssatzung dar. Die Architekten haben die Fassade mit Ausnahme des Sockels komplett verschiefert und die Fenster vertieft angebracht. Die Befürworter der Gestaltungssatzung verweisen gern auf dieses Haus, um darauf hinzuweisen, wie viel Spielraum diese Satzung lässt.

Den umgekehrten Weg sind die Architekten des sich nördlich anschließenden Hauses „Kleines Seligeneck“ gegangen. Obwohl es sich um einen Neubau handelt, orientiert er sich sehr eng am klassizistischen Vorgänger. Genauer gesagt, an seinem Vorvorgänger, denn unter den Nationalsozialisten war hier ein Neubau in einem banalen Heimatschutzstil entstanden, an den anzuknüpfen nicht nur aus politischen Gründen inopportun erschien. Allerdings vermag auch der neue Platzhalter nicht zu überzeugen; er ist in seiner Bescheidenheit, die sich auch darin ausdrückt, dass er einen Schritt weit hinter die Nachbarn zurücktritt, fast unsichtbar.

An der nordöstlichen Ecke des Hühnermarkts findet sich der interessante Fall eines Übereckhauses, des Hauses „Schildknecht“. Auch hier lehnt sich der Neubau in der Typologie eng an den Vorgänger an; da er dabei auf die Wellengiebel aus der Renaissance zurückgreift, entwickelt er mehr Präsenz.

Ihm zur Linken steht mit dem Haus „Zur Flechte“ wiederum eine Rekonstruktion. Ursprünglich handelte es sich um ein gotisches Haus, das im 18. Jahrhundert im Stil des Barocks umgebaut wurde, wie überhaupt fast jedes Haus in der Altstadt aus Elementen verschiedener Epochen bestand. Diese Vielschichtigkeit hat sich beim Wiederaufbau nicht rekonstruieren lassen.

Ein versteckter Winkel

Von RAINER SCHULZE

Vier Rekonstruktionen auf einen Streich: An der Gasse Hinter dem Lämmchen ist eine ganze Häuserreihe wieder aufgebaut worden. Ein Museum zieht ein.

Hinter dem Lämmchen 8: In das Haus „Klein Nürnberg“ zieht die Paulsgemeinde ein. Im Erdgeschoss gibt es eine Halle mit Kreuzgewölbe.

Es ist eine versteckte Adresse. An keiner Stelle ist die Altstadt so verwinkelt wie an der Gasse Hinter dem Lämmchen. Hier, an der schmalen Straße parallel zum Krönungsweg, lagen einst die besonders prächtigen Messehöfe. Der schönste von ihnen, das „Goldene Lämmchen“, wurde ebenso rekonstruiert wie der benachbarte Hof „Klein Nürnberg“. Auch die Fachwerkhäuser „Alter Esslinger“ und „Junger Esslinger“ wurden wieder aufgebaut. Das gesamte Areal war bis 2010 mit dem Technischen Rathaus überbaut. Damit die Straße nicht als Sackgasse wahrgenommen wird, erhält der angrenzende Kunstverein einen neuen Zugang.

Die vier Gebäude an der Nordseite der Gasse sind überaus reich verziert. Das Haus „Klein Nürnberg“ war ursprünglich Teil eines größeren Ensembles, des Nürnberger Hofs, der als Messehof genutzt wurde. Im Erdgeschoss des prächtigen Renaissancebaus aus dem 16. Jahrhundert befand sich einst unter einem Kreuzgewölbe eine große Halle. Dieser Raum wurde wiederhergestellt und soll der Paulsgemeinde, die das Gebäude künftig nutzen wird, für Versammlungen und Empfänge dienen. Die Baugeschichte des benachbarten „Hauses zum Goldenen Lämmchen“ lässt sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen. An der Fassade des früheren Messehofs prangt das namensgebende goldene Lamm. Außerdem zierte das Gebäude eine große Madonnenfigur mit Krone, die aus Nussbaumholz nachgebildet und auf einer Konsole an der südwestlichen Hausecke wieder angebracht wurde. Besonders prächtig und für die Besucher der Altstadt auch zugänglich ist der Innenhof. Über den Laubengängen des „Goldenen Lämmchen“türmt sich dramatisch ein mehrgeschossiger verschieferter Giebel.

In den beiden angrenzenden Häusern in Richtung Hühnermarkt wird künftig das Struwwelpeter-Museum sein neues Domizil haben. Der Name der beiden Häuser „Alter Esslinger“ und „Junger Esslinger“ geht auf die schwäbische Herkunft der Familie zurück, die sie einst erbaut hatte. Der „Alte Esslinger“ war ein prächtiger Renaissancebau aus Fachwerk. Drei Stockwerke standen auf einem steinernen Erdgeschoss. Ein verschiefertes Zwerchhaus mit Wellengiebel zierte das Gebäude.

  • Hinter dem Lämmchen 6: Der Innenhof des „Goldenen Lämmchen“ ist besonders sehenswert. Über den Laubengängen steigt ein verschieferter Giebel empor.
  • Hinter dem Lämmchen 4: Der „Alte Esslinger“ ist ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert. Es beherbergt künftig das Struwwelpeter-Museum.
  • Hinter dem Lämmchen 2: In dem Eckhaus am Hühnermarkt wohnte einst Goethes Tante Melber. Auch hier zieht das Struwwelpeter-Museum ein.
  • Bunter Schmuck: Viele Häuser in der Altstadt waren einst reich verziert. Dieser Kragstein befindet sich an dem Haus „Klein Nürnberg“.
Grafik: Levinger, Giesel


Im Eckhaus „Junger Esslinger“ wohnte einst Johann Wolfgang von Goethes Tante Johanna Melber. Der Dichter selbst zog vorübergehend hierher, als sein Elternhaus am Hirschgraben umgebaut wurde. Seine Erinnerungen an das dichte Treiben auf dem Hühnermarkt und den Laden, den sein Onkel und seine Tante betrieben, schildert er in „Dichtung und Wahrheit“: „Hier sahen wir nun dem Gewühl und Gedränge, in welches wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergnüglich aus den Fenstern zu; und wenn wir uns im Laden unter so vielerlei Waren anfänglich nur für das Süßholz und die daraus bereiteten braunen gestempelten Zeltlein vorzüglich interessierten, so wurden wir doch allmählich mit der großen Menge von Gegenständen bekannt, welche bei einer solchen Handlung aus- und einfließen.“ Das Haus „Junger Esslinger“ hatte über dem gotischen Erdgeschoss zwei Wohngeschosse. Darüber schloss das Mansarddach mit einem breitem Zwerchhaus an. Das Struwwelpeter-Museum wird durch die gotische Eingangshalle im Erdgeschoss des „Jungen Esslinger“ betreten. Der Umbau für das Museum wird sich noch einige Monate hinziehen. Erst zum Jahresende soll es fertig sein.

Die modernere Seite der Altstadt

Von MATTHIAS ALEXANDER

Das Häuserensemble an der Braubachstraße hat nicht der Krieg, sondern der Bau des Technischen Rathauses zerstört. Nun ist es wiederhergestellt worden.

  • Braubachstraße 31: Der Entwurf des „Glauburger Hofs“ stammt vom Dresdner Büro Knerer + Lang. Die Fassade besteht aus Sichtbeton.
  • Braubachstraße 29: Dieser Bau stammt von Bernd Albers (Berlin). Gegenüber dem ähnlich gestalteten Vorgängerbau ist ein Hauptgeschoss hinzugekommen.
  • Braubachstraße 27: Eckert Negwer Suselbeek (Berlin) hat das Haus entworfen. Vom Vorgänger hat er beispielsweise das steile Mansarddach übernommen.
  • Braubachstraße 25a: Das Haus wurde von Bernd Albers (Berlin) entworfen und ist eigentlich der Neugasse zuzurechnen. Der Vorgänger hieß „Goldenes Kreuz“.
  • Braubachstraße 23: Das von den Leipziger Architekten Eingartner Khorrami entworfene Haus wirkt wie aus einem Stück Sandstein gemeißelt.
  • Braubachstraße 19: Bei diesem Bau handelt es sich um die Rekonstruktion eines Hauses aus dem 18. Jahrhundert, das Teil der Rebstockhofs war.
  • Braubachstraße 21: Dieses Laubenganghaus wurde in der Debatte um die neue Altstadt etwas verkürzt als der eigentliche Rebstockhof bezeichnet.
  • Braubachstraße 23a: Der von Meurer Architekten entworfene Bau hat kein historisches Vorbild, sondern dient der städtebaulichen Arrondierung der Altstadt.
Grafik: Levinger, Giesel


Der Bau der Braubachstraße war ein Akt der Barbarei. In den Jahren von 1904 bis 1906 wurde sie durch das Häusergewirr der Altstadt geschlagen. Mehr als hundert Gebäude, darunter einige von großer historischer Bedeutung, fielen den Spitzhacken der Bauarbeiter zum Opfer. Es gab Proteste von Bewohnern und Historikern, doch der Magistrat unter Oberbürgermeister Franz Adickes blieb bei seiner Linie.

Seine Haltung war durchaus nachvollziehbar. Die Altstadt war mit modernen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen und drohte ökonomisch immer stärker abgehängt zu werden. Zugleich waren die Lebensverhältnisse in vielen Häusern prekär. Der Bau der Braubachstraße sollte beide Missstände heilen helfen.

Bei der Anlage der Straße gaben sich die Stadtväter große Mühe. Sie wurde gemäß den Grundsätzen des Städtebauers Camillo Sitte als langgestreckte S-Kurve angelegt, um die Fassaden der Häuser besser zur Geltung zu bringen. Und für die viergeschossigen Neubauten, die zu beiden Seiten entstehen sollten, wurde ein aufwendiger Fassadenwettbewerb ausgeschrieben.

Die Häuser an der Braubachstraße sind Zeugnisse einer architekturgeschichtlichen Übergangszeit: Sie sind stilistisch nicht mehr dem Historismus zuzuordnen, aber auch noch nicht der Moderne. Es waren Elemente des Jugendstils, des Expressionismus und des Neobarocks zu erkennen, gleichzeitig aber auch das Bemühen um eine schlichte Formensprache. Dass eine neue Zeit heraufzog, war auch an der Tatsache abzulesen, dass die Fassade des 1913 errichteten „Glauburger Hofs“ in Sichtbeton ausgeführt wurde.

Anders als die Altstadthäuser, die überwiegend aus Holz gebaut waren, überstanden die steinernen Gebäude an der Braubachstraße den Bombenkrieg zumindest so weit, dass sie rasch wieder aufgebaut werden konnten. Das Ensemble blieb auf diese Weise weitgehend intakt. Erst der Bau des Technischen Rathauses schlug eine große Lücke in die Fassadenreihe. 1970 wurden zugunsten des Betonbaus vier Häuser auf der Südseite der Braubachstraße abgerissen, drei von ihnen stammten aus den Jahren 1911 bis 1913, das vierte war 1940 fertiggestellt worden.

Mit der neuen Altstadt wird nun nicht nur an das gotische, mittelalterliche Frankfurt angeknüpft, sondern auch an die großzügiger angelegte Stadt der Vormoderne. Die Häuser an der Braubachstraße zählen zweifellos zu den besonders gelungenen Baugruppen der Altstadt. Ihre Architekten entwarfen durchweg im Geist ihrer Vorgänger, die einen sehr frei, die anderen originalgetreuer. So haben sich die Architekten des neuen „Glauburger Hofs“ während der Überarbeitung ihres Entwurfs dem Vorbild immer mehr angenähert. Eigenwilliger, aber im Ergebnis genauso überzeugend ist das Haus Braubachstraße 23, dessen plastische Fassade komplett aus Sandstein besteht.

Auch der Rebstockhof hat die Adresse Braubachstraße, gehört aber baugeschichtlich zur historischen Altstadt. Um den Wiederaufbau des Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert mit der markanten doppelstöckigen Holzgalerie ist lange gerungen worden. Um ihm eine Fassung zu geben und einen Übergang zum gegenüberliegenden „Haus am Dom“ zu schaffen, ist eigens ein Neubau entstanden. Mit seinem Torbogen stellt er gleichzeitig eine Sichtbeziehung zwischen Braubachstraße und Krönungsweg her.

Quelle: F.A.Z.