Erste-Hilfe-Kurs

Mit beherztem Einsatz Leben retten

Von Bernd Günther
 - 15:16

Lucija geht gleich zur Sache. Die sechzehnjährige Schülerin der Helmholtzschule kniet im Klassenraum auf dem Boden. Sie soll eine Herzdruckmassage ausführen, die bei einem Herzstillstand Leben retten und Schäden am Gehirn und anderen Organen verhindern kann. Die Schülerin positioniert ihre Hände auf der Übungspuppe, legt sie in der Mitte des Brustkorbs in Höhe des Herzens übereinander. Dann stemmt sie sich mit ausgestreckten Armen auf den Kunststoffkörper.

Bis zu sechs Zentimeter tief und am besten 100 Mal in der Minute muss der Brustkorb eingedrückt werden. Wenn das Herz nicht mehr selbsttätig schlägt, kann mit einer solchen Druckmassage das Blut wieder zum Zirkulieren gebracht werden. Nicht nur das Wissen darum, sondern auch die richtige Ausführung, Kraft und Ausdauer sind für den Erste-Hilfe-Einsatz notwendig.

Von den Profis lernen

„Es ist gut, dass ich hier unter Anleitung von Ärzten üben kann“, sagt Lucija. Sie gehört an dem Gymnasium im Ostend zu den rund 200 Mädchen und Jungen der achten und zehnten Jahrgangsstufe, die in dieser Woche im regulären Unterricht an jeweils zweistündigen Reanimationskursen teilnehmen. Angeboten werden diese in Kooperation mit den Universitätskliniken Frankfurt, Gießen und Marburg. „Ein plötzlicher Herzstillstand kann jeden treffen“, sagt Kai Zacharowski, der am Klinikum in Niederrad die Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin leitet.

Jeden Tag gerieten in Deutschland bis zu 250 Menschen in eine lebensbedrohliche Situation, weil ihr Herz plötzlich versage und der Blutkreislauf zum Erliegen komme, erklärt Zacharowski den Schülern. Wer wisse, wie man schnell reagiere, könne Leben retten. Nicht nur das Leben fremder, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit nahestehender Menschen; denn in drei Viertel der registrierten Fälle werde die Erste-Hilfe im Familien- und Verwandtenkreis erforderlich.

Kraftvolles Pressen auf den Brustkorb

Schon nach drei Minuten ohne Blutversorgung trägt das menschliche Gehirn laut Zacharowski bleibende Schäden davon, die über den Notruf 112 verständigten Rettungskräfte träfen jedoch nur selten in weniger als fünf Minuten ein. Ohne eine unverzügliche Herzdruckmassage sei die Wahrscheinlichkeit des Überlebens deutlich geringer.

Zunächst müsse man dabei kontrollieren, ob der Betroffene noch ansprechbar sei und selbständig atme. „Prüfen, rufen, drücken, lautet der helfende Dreiklang“, sagt Zacharowski. Ein Schüler fragt, ob denn auch eine Mund-zu-Mund-Beatmung nötig sei. Weil die meisten Menschen diese nicht effektiv ausführen könnten, hielten Notfallmediziner das heutzutage nicht mehr für notwendig, erwidert der Arzt. Aber auch das bei der Herzmassage notwendige kraftvolle Pressen auf den Brustkorb müssten sich Helfer zutrauen. Die bis zu 1000 Euro teuren Übungspuppen vermittelten einen guten Eindruck vom erforderlichen Kraftaufwand. Durch das Wissen um die richtige Hilfe könnten die Überlebenschancen von Betroffenen verdoppelt bis verdreifacht werden, sagt Zacharowski.

„Auch Schüler sollten befähigt sein, helfen zu können“, meint Schulleiter Gerrit Ulmke. An der Helmholtzschule möchte er die von der Uniklinik organisierten Lehrgänge deshalb möglichst dauerhaft im Unterrichtsplan etablieren. Das Gymnasium, das im Rahmen eines weiteren Pilotprojekts auch eine Schulkrankenschwester beschäftigt und dazu mit der Berliner Charité kooperiert, würde mit den Reanimationskursen ein wichtiges zusätzliches Angebot schaffen, fügte Ulmke hinzu. Mit ihrer Initiative „Schüler retten Leben“ wollen die Universitätskliniken möglichst viele weiterführende Schulen ansprechen. Das Thema „Wiederbelebung bei einem plötzlichen Herzstillstand“ sollte fester Bestandteil des Unterrichts werden, meint Zacharowski.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Günther
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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