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Ehrenamtliche Brandschützer

Alarmsignale von der Feuerwehr

Von Ralf Euler
 - 20:18

Die SPD im Landtag löste Ende vergangenen Jahres Alarm aus. Die freiwilligen Wehren in Hessen drohten mangels Nachwuchs personell auszutrocknen, warnte der Abgeordnete Dieter Franz. In einer flammenden Rede wies er darauf hin, dass die Mitgliederzahl der hessischen Jugendfeuerwehren seit 2009 von 28.300 auf 24.800 gesunken sei. Dass es in absehbarer Zeit zu personellen Engpässen kommen könne, lasse sich auch an den sinkenden Zahlen der Einsatzkräfte ablesen, die in Hessen zwischen 2009 und 2016 von rund 74.400 auf gut 72.000 gefallen seien. Vor 20 Jahren waren es sogar noch etwa 78.500 Feuerwehrleute gewesen.

Bisher könnten die Wehren diesen Rückgang kompensieren, indem sich die verbliebenen Mitglieder stärker engagierten. „Auf Dauer kann das aber keine Lösung sein“, sagte Franz. Schon heute gebe es in vielen Kommunen Probleme die sogenannten Tagesbereitschaften zu besetzen, weil nicht mehr genügend Feuerwehrleute ihren Arbeitsplatz am Wohnort hätten. Der Sozialdemokrat sprach von einer alarmierenden Entwicklung, die auf längere Sicht die Einsatzfähigkeit der Brandschützer in Frage stelle. Zwar seien alle Vereine und Organisationen, die auf bürgerschaftliches Engagement angewiesen seien, mit Nachwuchsproblemen konfrontiert. Die sinkenden Mitgliederzahlen bei den Feuerwehren seien aber ein besonders Problem, weil diese einen gesetzlichen Auftrag zum Schutz der Bevölkerung hätten.

„Immenses Problem“ in Rheinland-Pfalz

Ralf Ackermann kennt die Zahlen. Dennoch mahnt der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes zu Gelassenheit, denn glücklicherweise sei in Hessen frühzeitig gegengesteuert worden. 72.000 Einsatzkräfte und rund 500.000 fördernde Mitglieder in 26.000 Freiwilligen Feuerwehren, 26.000 Jugendfeuerwehrangehörige in mehr als 2000 örtlichen Gruppen, 9600 Kinder in 781 Kindergruppen und 57 Werksfeuerwehren und sechs Berufsfeuerwehren. Von einem „Rückzug der Aktiven“ könne in Hessen keine Rede sein, auch wenn es in einigen Kommunen Probleme gebe. Die Zahl der Jugendfeuerwehrleute steige nach Jahren mit sinkenden Zahlen sogar wieder.

In Rheinland-Pfalz ist das anders. Frank Hachemer, Präsident des dortigen Landesfeuerwehrverbandes und Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, sieht die anhaltend sinkende Zahl von Feuerwehrleuten in seinem Heimatland – binnen zehn Jahren von mehr als 60.000 auf heute nur noch 51.000 – als ein „immenses Problem“, für das er keine Lösung sehe. „Die Zahlen werden weiter sinken.“ Schuld an der Entwicklung ist vor allem der demographische Wandel; junge Menschen zieht es zum Studieren oder Arbeiten in die Städte, und die, die auf dem Land bleiben, interessieren sich nicht mehr für Feuerwehrarbeit.

In Hessen sind schon vor 20 Jahren die ersten Kampagnen zur Nachwuchswerbung angelaufen, berichtet Ackermann. „Abenteuer und Nervenkitzel“ wird da versprochen. „Es sind nicht die Bequemsten, nicht die Langsamsten und nicht die Leisetreter, die den Weg zur Feuerwehr finden“, wirbt das hessische Innenministerium. Nicht zuletzt dank guter PR sei der über Jahre hinweg anhaltende Mitgliederrückgang inzwischen gestoppt worden, sagt Feuerwehrpräsident Ackermann. In den Jugendwehren, für Mädchen und Jungen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren, sei im vergangenen Jahr ein Zuwachs von rund 1000 Mitgliedern zu verzeichnen gewesen, nach anhaltenden Rückgängen in den Jahren zuvor. Die für Sechs- bis Zehnjährige geschaffenen 781 Kinderwehren mit fast 10.000 Mitgliedern hätten sich zum Erfolgsmodell entwickelt. „Wer so früh zu uns kommt, bleibt in der Regel auch.“

Reizvolle Aufgabe mit hoher Belastung

Rund 70.000 Mal jährlich rücken die Wehren in Hessen zum Einsatz aus, in einem Drittel der Fälle zu Bränden. Manche freiwillige Feuerwehr im Süden des Landes kommt nach den Worten von Ackermann jedes Jahr auf 500 oder 600 Alarmierungen. Eine enorme Belastung, eine extreme Herausforderung, aber auch eine außergewöhnlich reizvolle Aufgabe. „Die Attraktivität der Feuerwehrarbeit muss in den Vordergrund gerückt werden“, meint Ackermann. In der Feuerwehr werde schließlich einiges geboten: technische Ausbildung, Gemeinschaftsgefühl, Teamgeist und die Möglichkeit, anderen zu helfen.

Technisch sind die hessischen Wehren gut aufgestellt. Von der Ausstattungsoffensive, die das Land im vergangenen Jahr gestartet habe, profitierten auch kleine Wehren auf dem Land. In diesem Jahr wird das Land die Wehren mit rund 27 Millionen Euro fördern, fünf Millionen mehr als im Vorjahr. Des Geld steht vor allem für Einsatzfahrzeuge und Feuerwehrhäuser zur Verfügung. Technische Ausstattung, Feuerwehrhäuser und Fahrzeuge – im Vergleich mit anderen Ländern nehme Hessen in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle ein, sagt Ackermann.

Für alle, die sich wieder mehr Menschen in der Feuerwehr wünschen, heißt es letztlich auch: mehr Frauen und mehr Migranten. Der Frauenanteil unter den Brandschützern stagniert bei zehn Prozent. „Es können gern mehr sein“, sagt Ackermann und verweist auf eine entsprechende Werbekampagne unter dem Motto „Starke Frauen schminken sich auch mal mit Asche“. Bei den Jugendfeuerwehren ist immerhin schon jedes vierte Mitglied ein Mädchen.

Die Freiwillige Feuerwehr Bad Nauheim wurde dieses Jahr mit dem Integrationspreis des Innenministeriums und des Landesfeuerwehrverbandes ausgezeichnet, weil sie zu den ersten gehörte, die sich um die Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund bemühten. Bereits in den achtziger Jahren absolvierte dort der erste Migrant einen Grundlehrgang und blieb der Feuerwehr bis Ende der neunziger Jahre treu. Damals etwas Besonderes, ebnete dies den Weg für eine weiterreichende Integration. Heute haben acht der 160 Einsatzkräfte einen Migrationshintergrund und stammen aus fünf Nationen.

Die Feuerwehr Rüsselsheim hat das Konzept „Integration 2.0“ entwickelt, bei dem zwei interkulturelle Berater der Wehr Migranten gezielt für die Mitarbeit werben. In einem zweiten Schritt sollen die neuen Feuerwehrleute mit Migrationshintergrund bei der Brandschutzaufklärung in Flüchtlingsunterkünften mitwirken, um dort glaubwürdiger zu informieren und gleichzeitig für die Feuerwehr, die in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge noch mit der Polizei und dem repressiven Staat gleichgesetzt wird, zu werben. Im Vogelsbergkreis wird versucht, Zugewanderten die typisch deutsche Verbindung von Feuerwehr und Ehrenamt während des Sprachunterrichts in Integrations- und Orientierungskursen näherzubringen.

Quelle: F.A.S.
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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