Drachen steigen lassen

Abenteuer im Herbstwind

Von Daniela Biehl
 - 17:22

Ein kalter Wind weht über den Alten Flugplatz in Bonames. Darian zieht sich den Reißverschluss seiner Jacke bis oben zu und lächelt. „Heute Morgen dachte ich, das klappt nie. Da war so wenig Wind“, sagt der Siebenjährige und blickt gen Himmel. Dort, über der früheren Landebahn, fliegt sein Drachen. Es ist das erste Mal, dass Darian versucht, die thermischen Kräfte auszunutzen. Sein grüner Dinosaurier, der in der Luft die Zähne fletscht, hat in der vergangenen Stunde schon einige Turbulenzen überstanden.

„Wir wollten ihn über den Boden fliegen lassen und Loopings drehen“, erzählt Darians Vater, Marc Shirmohammadi. „Aber der Wind war so stark, dass es Darian fast die Leine aus den Händen gerissen hat.“ Der Siebenjährige, der seinen Dino wieder einfangen konnte, wischt sich mit der Hand über die Stirn. Einen Drachen steigen zu lassen ist schweißtreibende Arbeit, will er sagen. „Und ein Abenteuer. Man weiß nie, was passiert.“

„Und das nicht nur im Herbst“

Auch im nahe gelegenen Tower-Café sei das Drachensteigenlassen immer wieder ein Gesprächsthema, wie Inhaberin Andrea Sachs sagt: „Und das nicht nur im Herbst.“ Denn im Lokal kann man sich ganzjährig welche ausleihen. Sachs sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, hinter der Bar, es ist ihr Lieblingsplatz. Von hier aus hat sie alles im Blick. Sie sieht die Kinder, die draußen auf der Landebahn skaten, die Radfahrer und Spaziergänger. Und manchmal auch ganze Familien, die Drachen steigen lassen. „An sonnigen Wochenenden sind Dutzende hier“, sagt Sachs. Doch an diesem Tag Ende September ist Darian der Einzige mit einem Drachen. Und Sachs gesteht: „Ausgeliehen werden die Drachen nicht mehr so oft wie früher.“

Manche vermuten, dass Drohnen die neuen Drachen sind, schließlich gibt es von ihnen laut Schätzung der Deutschen Flugsicherung inzwischen rund 400.000. Café-Inhaberin Sachs hat noch nicht erlebt, dass eine Familie mit Drohne zum Ausflugsziel an der Nidda gekommen ist, aber dort wäre der Einsatz auch gar nicht erlaubt. „Das ist Landschaftsschutzgebiet.“ Nicht zuletzt würde das Überfliegen die Vögel am Alten Flugplatz irritieren. Sachs glaubt auch nicht, dass Kinder wirklich gerne mit Drohnen spielen. „Die brauchen doch Bewegung und wollen toben. Das können sie, wenn sie einem Drachen hinterherrennen – aber nicht, wenn sie still stehen und eine Drohne fliegen lassen.“

Auch für Jan Machacek vom Drachenclub Aiolos in Rodgau gibt es nichts Besseres als Drachensteigenlassen. „Drohnen sind inzwischen stark reglementiert“, sagt er. Für das Fliegen über öffentlichen Plätzen oder Wohngebieten brauche man Genehmigungen. „Da ist man mit Drachen einfach freier.“ Machaceks Leidenschaft fürs Drachenfliegen reicht weit zurück. „Das war vor dreißig Jahren, dass ich angefangen habe, das zu lieben“, sagt er.

Ein Gefühl von Freiheit

Machacek war acht Jahre alt, mit seinen Eltern im Urlaub an der Nordsee, als er sich einen kleinen bunten Drachen aus Papier bastelte. „Einem großen Sturm hätte er nicht standgehalten“, sagt er. Bei ihm selbst reichte damals schon ein Windhauch, um das Gefühl auszulösen, er könne vom Boden abheben. „Das war ein Gefühl von Freiheit“, erinnert sich Machacek und lacht. „Und jetzt, dreißig Jahre später, habe ich einen ganzen Anhänger voller Drachen.“ 50 Stück, alle selbst gebaut, viele von ihnen zeigen Tiermotive, vom Adler bis zum Kugelfisch. „60 Arbeitsstunden pro Drache werden es schon gewesen sein“, schätzt Machacek. Er mache das gerne, es sei nämlich seine Art, anderen eine Freude zu machen.

Mit den Fluggeräten fährt der Aiolos-Club von einem Drachenfest zum anderen, immer auf der Suche nach Menschen, die man noch fürs das Hobby begeistern könne. Das nächste Ziel ist das Grüngürtel-Windfest auf dem Heiligenstock, das morgen, am Tag der Deutschen Einheit, von 14 bis 17 Uhr stattfindet. In den vergangenen Jahren sind je nach Wind und Wetter um die 1000 Drachenflieger gekommen. „Ich habe auf dem Windfest schon junge Erwachsene, Mitte 20, Anfang 30, getroffen, die nach Youtube-Anleitungen ihre Drachen selbst gebastelt haben“, sagt Barbara Clemenz vom Verein Umweltlernen, der das Fest organisiert und am Tag selbst noch Bastelstationen anbietet, damit jeder versuchen kann, ein individuelles Fluggerät herzustellen und zum Fliegen zu bringen. Clemenz ist überzeugt, dass „Drachensteigen noch immer ein Trend ist“.

Quelle: F.A.Z.
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