Frische Mietverträge

Goldgräberstimmung am Frankfurter Büromarkt

Von Rainer Schulze, Frankfurt
 - 12:08

Ernüchternd. Mit diesem Wort lassen sich die Folgen des von den Briten beschlossenen Austritts aus der Europäischen Union („Brexit“) auf den Frankfurter Büromarkt zusammenfassen. Zwar haben gut zwei Dutzend Finanzinstitute angekündigt, ihre Mitarbeiterzahl zu vergrößern, auch haben Banken schon zusätzliche Büroetagen in Frankfurter Hochhäusern gemietet. Das fällt angesichts der großen Zahl an Büroflächen, die im vergangenen Jahr neu vermietet wurden, aber kaum ins Gewicht. 711000 Quadratmeter meldet das Maklerhaus JLL – ein neuer Rekord. Und das fast ohne Brexit. „Bisher gibt es durch den Brexit keine wesentlichen Effekte“, sagt Markus Kullmann, der für JLL das Vermietungsgeschäft leitet.

Das hatten sich die Makler im Grunde anders ausgemalt. Noch vor einem Jahr äußerten viele von ihnen hohe Erwartungen. Frankfurt werde ein Profiteur des Brexit sein, prophezeiten sie. Aber der erhoffte Umzug internationaler Finanzinstitute aus London an den Main lässt auf sich warten, zumindest im großen Stil. Stattdessen bescheren hiesige Unternehmen wie die Deutsche Bahn und die Bundesbank dem Frankfurter Markt mit ihren frisch abgeschlossenen Mietverträgen über 85.000 beziehungsweise 44.000 Quadratmeter schöne Nachrichten. Und auch der Anteil der Co-Working-Spaces, wie der Trend zum Teilen von Büroflächen genannt wird, übertrifft mit 46000 Quadratmetern den der vom Brexit getriebenen Vermietungen (bis zu 30000 Quadratmeter) bei weitem.

Wie zur Jahrtausendwende

Dass die Zahl der Brexit-Flüchtlinge bisher übersichtlich ist, lässt sich daher verschmerzen. Kullmann schwärmt von einem „phänomenalen Jahr“ und gesteht: „Das hatten wir so nicht erwartet.“ Zu Beginn des Jahres rechnete er noch mit einem durchschnittlichen Wert, also rund 500000 Quadratmetern. Besonders im vierten Quartal überschlugen sich dann die Ereignisse. Allein in den Wochen vor Weihnachten wurden fast 300.000 Quadratmeter neu vermietet. Kullmann dämpft für 2018 allerdings die Erwartungen. Ähnliche Sondereffekte wie zuletzt ließen sich nicht wiederholen.

Auch andere Maklerhäuser sind in Hochstimmung. „Der Frankfurter Büromarkt hat sich in lange vergessene Höhen aufgeschwungen“, teilt das Unternehmen Blackolive mit und spricht von einer „Goldgräberstimmung wie zur Jahrtausendwende“. Die Leerstandsquote lag damals zwischen ein und zwei Prozent und führte zu einem Bauboom, von dem sich der Frankfurter Markt bis heute nicht erholt hat. Die überdurchschnittlich hohe Vermietungsleistung im vergangenen Jahr lässt den Leerstand, der auf dem Frankfurter Markt traditionell besonders hoch ist, jedoch abermals schrumpfen. Inzwischen liegt er bei 6,8 Prozent der Gesamtfläche und damit auf dem Niveau des Jahres 2002. Moderne Hochhäuser wie der Taunusturm und das Hochhaus Winx sind nahezu voll vermietet.

Große und moderne Flächen in der Innenstadt werden rar. Die Projekte, die in diesem und im nächsten Jahr fertig werden, gehen zur Neige. Dann allerdings wird sich die Reserve wieder füllen. Mit den Projekten Marienturm, Omniturm, Global Tower und dem Hochhaus-Ensemble Four sind gleich fünf Bürohochhäuser im Bau, die von 2019 an auf den Markt kommen. Rund 250000 Quadratmeter sind laut JLL bisher nicht vermietet.

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Allerdings können und wollen sich nicht alle Unternehmen die teuren Hochhausmieten leisten. Die Spitzenmiete im Bankenviertel ist im vergangenen Jahr laut JLL von 37 auf 38 Euro je Quadratmeter gestiegen. Laut Colliers, einem anderen Maklerhaus, übertrifft sie sogar die 40-Euro-Marke. Die Durchschnittsmiete liegt jedoch weitaus niedriger, derzeit beträgt sie etwas mehr als zwanzig Euro pro Quadratmeter. Kullmann wünscht sich daher mehr Häuser, die zu einem Durchschnittspreis vermietet werden. Er glaubt, dass auch weniger zentrale Lagen wie das Mertonviertel und der Kaiserlei eine Zukunft haben.

Nur knapp an einem Rekordwert vorbeigeschrammt ist im vergangenen Jahr der Investmentmarkt. Gewerbeimmobilien im Wert von 7,1 Milliarden Euro wechselten den Besitzer, darunter der Tower185, das Geschäftshaus Upper Zeil, der Büroturm T8 und das Japan-Center. „Wegen des extrem niedrigen Zinsniveaus ist die Nachfrage nach Immobilien ungebrochen“, sagt Christian Lanfer von JLL. Er rechnet in diesem Jahr mit einem ähnlichen Ergebnis.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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