Frankfurter Gutleutviertel

Techno und Kunst statt Industrie

Von Theresa Weiß und Helmut Fricke (Fotos), Frankfurt
 - 09:25

Als Peter Peters Anfang der neunziger Jahre die Druckfarben-Fabrik seines Vaters erbte, war er nicht besonders glücklich darüber. Er hatte sich sein Leben als Kleinkünstler und Musiker eigentlich anders vorgestellt. Frei und flexibel. Und dann das – er hatte eine kleine Chemiefabrik am Bein, die sich eigentlich nicht mehr rentierte. Ein paar Jahre lang versuchte er, das Werk auf dem sogenannten „Milchsackgelände“ am Leben zu halten. 1999 gab er auf.

Was wie das Ende einer traurigen Geschichte klingt, war der Anfang eines ganz neuen Kapitels im Frankfurter Gutleutviertel. Denn der industriell geprägte Stadtteil gewann an dem Tag, als das Farben-Werk geschlossen wurde, einen Ort, an dem bis heute Kunst und Kultur blühen.

Ziemlich glücklich mit dem Erbe

Dass es dazu kam, ist vielleicht ein kleines Wunder. Denn um die Jahrtausendwende stand Peters das Wasser bis zum Hals: Er meldete für die alte Fabrik Insolvenz an, das Verfahren wurde jedoch eingestellt – es gab zu wenig, was überhaupt etwas wert gewesen wäre. Das Fabrikgelände gehörte ihm als Erben des Druckfarbenherstellers Carl Milchsack, der von 1928 an auf dem Areal produziert hatte, doch die Gebäude waren verfallen. Geld, das er hätte investieren können, hatte Peters nicht. Er wusste nur: „Bloß nicht verkaufen!“ – denn er wollte nicht, dass das Gelände an „eine Heuschrecke“ geht, die damit spekuliert, wie er sagt. Nur überleben – und das Milchsackgelände nicht verlieren, das war sein Plan. Doch wer mietet eine Halle auf einem heruntergekommenen Fabrikgelände?

Peters hatte Glück: Jungen Künstlern und Techno-Fans gefiel es im Gutleutviertel. Die günstigen Mieten und der abgerockte Charme der Fabrik zogen die Kreativen an, die auch selbst mit anpackten und Teile der Gebäude renovierten. Zuerst kam das „Spaceplace“, ein Techno-Klub, der eine große Halle auf Peters Gelände mietete. Es folgten das Theater Landungsbrücken und der Nachfolger des „Spaceplace“, das „Tanzhaus West“ sowie der Klub „Dora Brillant“. Seit gut 17 Jahren ist auch eine Bildhauer-Werkstatt für straffällige Jugendliche auf dem Gelände untergebracht. Aber auch einen Bootsbauer hat es schon auf dem Milchsackgelände gegeben, ein Geschirrlieferservice und eine Autowerkstatt sind noch heute Mieter von Peters. Der findet es praktisch, so verschiedene Leute auf dem Gelände zu wissen. Alle verständen sich prima, meint er: „Der Geschirrlieferservice kümmert sich auch um Veranstaltungen auf dem Gelände und die Klubs spielen erst abends, wenn im Theater nichts mehr los ist.“ Dann hopsen junge Menschen zu Techno-Beats durch die Nacht und hängen im Hinterhof ab, um sich bei einer Zigarette eine Pause vom Tanzen zu gönnen. Peters findet das super. Es fehle nur noch ein Café auf dem Gelände, damit auch tagsüber mehr Menschen kämen.

Peters beschreibt seine Kulturfabrik als „magisches Theater“: „Es ist ein Ort, an dem ich immer wieder was erlebe, was so wirkt, als sei es extra für mich inszeniert worden“, sagt er und strahlt. Inzwischen ist er nämlich ziemlich glücklich mit seinem Erbe.

Alles soll dennoch seine Ordnung haben

Das Milchsackgelände ist so beliebt, dass er von den Mieteinnahmen mittlerweile leben kann. Wenn jemand ausziehen würde, gäbe es sofort einen Nachmieter, denn Peters hat inzwischen sogar eine Warteliste. Für etwa fünf Euro je Quadratmeter vermietet Peters seine Hallen und Werkstätten. Die Lofts im Vorderhaus – „die Filetstücke“ – kosten etwa doppelt so viel. Dort hat sich neben einigen Ateliers sogar Coca-Cola niedergelassen: In einem „Event-Loft“ empfängt der Konzern seine Gäste in Frankfurt. Die günstigen Mieten und die Lage überzeugen die Mieter. Trotzdem fühlt sich niemand gestört, wenn die Bässe durch die Nacht dröhnen oder die jugendlichen Bildhauer tagsüber auf die Steine eindreschen, aus denen sie Kunst machen wollen, denn das Gutleutviertel ist kein klassisches Wohngebiet.

Von seiner Kommandozentrale im Dachgeschoss des Vorderhauses überblickt Peters die gesamte Kulturfabrik – er schaut aber auch in den einzelnen Halle gern einmal nach dem Rechten. Zum Beispiel bei Niko Neuwirth. Der Fotograf ist seit etwa sieben Jahren Mieter auf dem Milchsackgelände und betreibt das „Studio 294“, in dem fotografiert und gemalt wird. Es gibt Ausstellungen und Konzerte, an den Wänden hängen Bilder von Neuwirth. Auf den ersten Blick könnte das Studio auch ein gemütliches Wohnzimmer sein: Auf der Küchenzeile stehen drei verschieden große Kaffeebereiter aus Aluminium, und ein Sofa in der Ecke sieht aus, als hätte hier schon so mancher Künstler genächtigt. Als Peters an diesem Tag beim „Studio 294“ vorbeischaut, schaut er gleich nach den Renovierungsarbeiten auf der Toilette. Prüfend klopft er auf den neuen Luftabzug. Neuwirth grinst. Obwohl Peters ein „echt entspannter Vermieter“ ist, will er doch, das alles seine Ordnung hat.

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Das hat ihn manchmal schon Nerven gekostet. „Stellplatz- und Toilettenverordnungen können einem schon das Leben schwer machen“, sagt Peters. Aber er baut das Gelände trotzdem immer weiter aus: Bald wird er zusammen mit dem Theater und dem Tanzhaus renovieren, um die Kanalisation auf den neusten Stand zu bringen und einige Hallen zu modernisieren. Die Halle, in der früher der Bootsbauer werkelte, bekommt einen neuen Eingang, andere Hallen bekommen neue Dächer. Das ist teilweise wirklich nötig. Vor etwa vier Jahren war zum Beispiel die größte Halle auf dem Gelände, in der sich das Theater Landungsbrücken befindet, plötzlich einsturzgefährdet. Die Statikerin, die damals für die Renovierung des Hallendachs zuständig gewesen war, hatte sich verrechnet – und die Nagelbinder, die das Dach trugen, brachen wie Streichhölzer. „Zum Glück haben wir das rechtzeitig gemerkt“, erzählt Peters.

„Ich könnte mir vorstellen, hier noch ein Wohnprojekt einzurichten“

Kleine Dramen gibt es auf dem Milchsackgelände mit seinen verwinkelten Hallen und Höfen immer wieder einmal: Wer mit Peters durch die ehemalige Fabrik streift, bekommt zu jedem Stein eine Geschichte erzählt. Zum Beispiel zu den roten Pflastersteinen, die plötzlich in der Mitte eines Hofes zwischen den grauen auftauchen. „Hier hatten wir einen Wasserrohrbruch und wussten nicht, wo das Leck war“, sagt Peters. Er habe so lange gebuddelt, bis er es gefunden hatte – da war leider schon der halbe Hof umgegraben.

Peters lässt sich von solchen Episoden nicht entmutigen. Er findet seine Kulturfabrik gelungen, wie sie ist, auch mit unebenem Boden und alten Fenstern. Irgendwie passt sie auch zu ihm, schließlich ist er selbst Künstler. Ab und zu tritt er im Stalburg Theater auf, außerdem schreibt er Gedichte und musiziert.

Peters ist mittlerweile 64 Jahre alt, ein Drittel seines Lebens hat er sich um seine Kulturfabrik gekümmert. An Ruhestand denkt er nicht: „Ich könnte mir vorstellen, hier noch ein Wohnprojekt einzurichten“, sagt er zum Beispiel, wenn er nach seinen Plänen für die Zukunft gefragt wird. Eines ist Peters jedenfalls klar: Dass er damals nicht verkauft hat, sondern ein Biotop für Kultur und Kunstszene geschaffen hat, war die richtige Entscheidung. Reich wird er damit vermutlich nicht mehr. Will er auch gar nicht, meint er und schmunzelt. Dann macht er sich bereit für den Abend. Im Theater Landungsbrücken ist mal wieder was los, die Probe läuft schon den ganzen Nachmittag. Auch Vermieter Peters will vorbeischauen. Er ist eben mittendrin.

Quelle: F.A.Z.
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