Holocaust-Überlebender

Zwei Engel unter Teufeln

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
 - 14:16

Nach Auschwitz und Dachau, nach dem Massaker auf dem Bahnhof im oberbayerischen Poing, nach einem Schuss in den Hals und einer Typhuserkrankung hat der von amerikanischen Soldaten befreite Laszlo Schwartz ein neues Leben in Amerika angefangen.

„Vergiss, was dir passiert ist“, sagten seine Cousinen, die 1939 noch aus Ungarn in die Vereinigten Staaten hatten emigrieren können. Und Leslie Schwartz, wie er sich jetzt nannte, hat seine Leidensgeschichte vergessen. Oder vielmehr: verdrängt.

Denn die Erinnerung ist immer da gewesen. Es hat aber 67 Jahre gedauert, bis der Holocaust-Überlebende Leslie Schwartz sie zum ersten Mal öffentlich darlegen konnte. Das Berichten hat ihn innerlich befreit und ihm gutgetan, weshalb er während der vergangenen vier Jahre rastlos in Amerika und in Deutschland als Zeitzeuge aufgetreten ist. Am Dienstagabend zum Beispiel in der Bildungsstätte Anne Frank.

Seine Familie wurde auf der Rampe im KZ getrennt

Leslie Schwartz hat als Jugendlicher schreckliche Dinge erlebt. Wie mehr als 400.000 weitere ungarische Juden wurden er und seine Familie im Frühjahr 1944 nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen nach Auschwitz deportiert. Der Vierzehnjährige musste erleben, wie die Familie auf der Rampe getrennt wurde: Seine Mutter und seine beiden Schwestern schickten die Mörder ins Gas, er kam in die sogenannte Kinderbaracke. Schwartz’ Glück war, dass er ins KZ Dachau verlegt wurde. In mehreren Außenlagern verrichtete er danach Zwangsarbeit.

Doch auch Hilfe hat der damals Vierzehnjährige erfahren. Frau Riesch zum Beispiel, eine Deutsche, hat dem halbverhungerten Jungen damals im Außenlager Allach, wo er als eine Art Assistent den Oberscharführer zu bedienen hatte, immer Brot zugesteckt.

„Sie war zu mir wie eine Mutter“, sagte der nunmehr Fünfundachtzigjährige in der Anne-Frank-Bildungsstätte. 1972 ist er zum ersten Mal wieder nach Deutschland gefahren, um ebendieser Frau Riesch zum Geburtstag zu gratulieren.

In dem 2012 vom Bayerischen Rundfunk produzierten Dokumentarfilm „Der Mühldorfer Todeszug“ sieht man Schwartz, wie er im bayerischen Poing eine alte Bäuerin umarmt. Deren Mutter hat damals dem jungen KZ-Häftling Milch und Brot gegeben und ihn für kurze Zeit versteckt. Sie war für ihn ein weiterer Engel unter lauter Teufeln.

Am meisten rührt in dem Film jene Szene, in der sich der alte Herr aus Amerika von Schülern des Gymnasiums Markt Schwaben verabschiedet. Sie haben die Geschichte des Todeszuges recherchiert, in dem schätzungsweise 3600 Häftlinge des Außenlagers Mühldorf, darunter Schwartz, in den letzten April 1945 gepfercht und mit dem sie abtransportiert wurden.

In Poing machte der Transport halt, es kam das Gerücht auf, der Krieg sei zu Ende, viele Häftlinge flohen. Bei der Suche nach ihnen erschossen Wachmannschaften etwa 50 Gefangene. Später wurden die etwa 40 bis 60 Waggons des Todeszuges in zwei Züge geteilt, beide wurden von alliierten Tieffliegern beschossen. Die Amerikaner, so sagte Schwartz im Anne-Frank-Haus, hätten offenbar geglaubt, dass es sich um deutsche Munitionszüge handele. Erst als die Insassen Häftlingskleidung auf die Dächer der Züge geworfen hätten, hätten die Piloten ihren Irrtum erkannt. Doch da seien schon viele seiner Kameraden tot gewesen.

„Es ist meine Pflicht, von damals zu erzählen“

Am vergangenen Wochenende war Schwartz dabei, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Feier zur Befreiung des Lagers Dachau vor 70 Jahren den Zeitzeugen für ihr Engagement dankte. Es sei für ihn wunderbar gewesen, so viele Überlebende mit ihren Kindern und Enkeln gesehen zu haben, sagt Schwartz. Er, der alte Herr, setzt auf die Jungen seine ganze Hoffnung. „Es ist meine Pflicht, ihnen von damals zu erzählen“, sagt er.

Seinen Zuhörern in der Bildungsstätte Anne Frank hat Schwartz einige Gedanken zu dem Frankfurter Mädchen vorgetragen, das ob seines im Amsterdamer Versteck geschriebenen Tagebuches nach ihrem Tod weltbekannt geworden ist. Anne Frank sei gerade einmal sieben Monate älter als er gewesen: „Sie kam mit 15 ins Todeslager, ich mit 14.“ Beide seien sie an Typhus erkrankt: „Sie starb, ich überlebte“.

Anne Frank wie auch er hätten ihre Geschichte niedergeschrieben: „Anne schon damals, ich 68 Jahre später.“ Schwartz’ Lebenserinnerung tragen den Titel „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau. Ein Junge erkämpft sein Überleben“, sie sind 2010 im Lit-Verlag erschienen. „Ich habe viel mitgemacht“, sagt Leslie Schwartz, „aber heute fühle ich mich wohl.“ Sein seelischer Heilungsprozess habe begonnen, als er mit den Schülern aus dem Gymnasium von Markt Schwaben über seine Odyssee im Mühldorfer Todeszug gesprochen habe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riebsamen, Hans (rieb.)
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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