<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Im Gespräch: Robert Treutel

„Es war mir total unangenehm“

 - 20:31

Herr Treutel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, als Bodo Bach die Menschen am Telefon auf den Arm zu nehmen?

Wie fast alles in meinem Leben war auch das nicht geplant, es ergab sich einfach. Als ich bei Radio FFH arbeitete, hieß es, wir brauchen auch Unterhaltung. Die Telefon-Comedy ist ja ein bewährtes Format und funktioniert weltweit. Ich habe es einfach ausprobiert, und es kam bei den Hörern gleich gut an.

Aber wie kamen Sie auf die Idee, sich so blöd zu stellen?

Mein Umfeld ist eher bürgerlich-einfach. Mein Vater war Autoschlosser und hat sich zum Kameramann beim Hessischen Rundfunk hochgearbeitet, übrigens zu einem sehr guten Kameramann. Aber er war geradeaus und hat zum Beispiel immer gesagt: „Man soll keine Symphonien spielen, wenn man keine Noten lesen kann.“ Insofern kann ich mit einer schlichten Rolle auch ganz gut leben, ich bin keiner, der sich verstellt. Und ich finde es bei der Telefon-Comedy, die ja heute nur noch ein Teil meiner Arbeit ist, eigentlich sehr schön, dass ich meinem Gegenüber am Ende der Leitung das Gefühl gebe, er sei überlegen.

Die stöhnen innerlich auf und denken: „Gott, ist der blöd!“ Wenn Sie etwa einen Rucksack reklamieren, aus dem die Flüssigkeit heraustropft, obwohl der 24 Liter Fassungsvermögen hat.

Ja, indem ich mich schwächer stelle, macht der andere die Tür auf.

Sie sind als Bodo Bach ja sogar sprachprägend geworden. Ihre Eingangspassage “Isch hätt‘ da gern mal e Problem“ ist in die Alltagssprache eingegangen. Stolz drauf?

Ja, sehr. Wenn man bedenkt, wie viele tolle Sätze schon gesprochen worden sind, dann ist es doch schön, wenn „Ich hätt‘ da gern mal e Problem“ Allgemeingut wird. Wenn Sie mich fragen wollten, wie ich darauf gekommen bin – reine Bauchsache, ich bin kein Systematiker.

Die Bezeichnung „Telefonterrorist“ gefällt Ihnen nicht?

Überhaupt nicht, die finde ich unpassend. Denn ich habe nie jemandem weh getan.

Und die Angerufenen, die manchmal ja auch nicht wirklich sonderlich schlau wirken, hatten nie Einwände, dass Ihr Gespräch auch über den Äther gehen sollte?

Dadurch, dass ich nur die Vornamen nenne oder die Haus- und Firmennamen ausgeblendet werden, wird die Sache rechtssicherer. Die allermeisten Angerufenen freuen sich aber, finden es lustig und kämen nie auf die Idee, einen Anwalt zu bemühen.

Sie wären selbst beinahe Jurist geworden, neun Semester haben Sie immerhin auf dem Buckel. Warum haben Sie das Studium aufgegeben?

Wissen Sie, ich hatte das Pech, ein ziemlich guter Schüler zu sein, hatte aber keine klare Einzelbegabung und also kein „natürliches“ Berufsziel. Man wird nach dem Abi aus der Schule – in meinem Fall war es die Wöhlerschule hier in Frankfurt – entlassen und weiß eigentlich gar nicht, wohin die Reise gehen soll. Da sagte mein Freund Peter Nägele: „Du, wir studieren Jura, da müssen wir uns noch nicht für irgendwas entscheiden“, denn Juristen können bekanntlich fast alles, sie können Richter werden, aber auch Opernhaus-Intendanten, Anwälte, Gefängnisdirektoren, Konzertveranstalter oder Unternehmenschefs.

Aber das Studium sagte Ihnen nicht zu?

Ich habe mir neun Semester lang nicht eingestanden, dass es im Grund nicht mein Metier war. Ich war nicht faul, habe brav alle Scheine gemacht, aber dann kam die Nacht, an der ich über einer Hausarbeit saß. Und da habe ich plötzlich meine Bücher zugeklappt und am nächsten Morgen meinen Freund Peter angerufen: „Ich bin raus.“

Und dann wurden Sie Radiostar?

Erst mal Aufnahmeleiter. Damit hatte ich ja nebenher im Studium schon angefangen. Bei „Einer wird gewinnen“ war ich oft dabei.

Wie war der Hans-Joachim Kulenkampff? Für Jüngere: Er war der seinerzeit höchst populäre Moderator der beliebten TV-Show „Einer wird gewinnen“.

Der war auch noch total nett, wenn die Kamera aus war. Er war authentisch und hatte etwas Eigenes: Charakter, Charisma, Charme und Witz. Die heutige Moderatorengeneration ist mir zu glatt. Ein Kerner oder ein Pilawa verstehen zwar ihren Job, aber sie sind als Personen nicht erkennbar und damit beliebig austauschbar.

Wie sind Sie denn dann zum Radio gekommen, in Ihrem Fall zum WDR?

Natürlich wieder mal durch Zufall. Nach dem Abbruch des Studiums suchte ich einen Job, fuhr – ich war ja nebenher Kabelhelfer und Aufnahmeleiter gewesen – nach Wiesbaden zur Arbeitsvermittlung für Fernseh- und Bühnenschaffende. Da saßen zwei nette Damen. Die fanden mich auch gut, hatten aber keinen Job. Und dann traten Gott, der Zufall oder wer immer dafür zuständig ist in mein Leben.

Die Formulierung lässt auf einen gewissen Leidensdruck schließen?

Ja, klar. Ich war geknickt wegen des abgebrochenen Studiums. Doch am nächsten Tag klopfte, wie gesagt, das Schicksal an die Pforte, es kam ein Anruf von den Damen aus Wiesbaden. Sie hatten etwas für mich in Köln. Dort wurde für vier Wochen ein Aufnahmeleiter gesucht.

Spielfilm?

Nee, „Ein Unfall ist kein Zufall.“ Das lief sonntags mittags im Fernsehen, drei Minuten, und warnte die Menschheit vor Unfällen im Haushalt: Rasenmäher sollte man nur dann vom Gras befreien, wenn der Motor ausgeschaltet ist, Fensterputzen im vierten Stock mit Austritt auf die Fensterbank ist nicht empfehlenswert – solche Sachen. Wir brauchten 50 Wohnungen, sechzig Gärten, und ein paar Straßen mussten auch gesperrt werden. Da habe ich mich reingekniet, habe alles organisiert und wir waren vier Tage vor dem vereinbarten Drehschluss fertig.

Jetzt waren Sie aber immer noch kein Radiostar.

Gemach. Weil ich meinen Job gut gemacht hatte, bot mir die Produzentin Gisela Marx eine Aufgabe beim WWF-Club an. Das war eine Fernsehsendung, live, freitags, mit Jürgen von der Lippe, Marijke Amado und Frank Laufenberg, hohe Quote. Ich wurde dort Aufnahmeleiter, also Organisator, habe dafür gesorgt, dass Herr Lindenberg oder Herr Belafonte eine Garderobe hatten und das Tier ordentlich versorgt wurde, das der Zoodirektor immer mitbrachte, ich hatte mit der Sendung inhaltlich aber nichts zu tun. Nun kamen einige Gäste dieser Sendung aber noch nicht zur Generalprobe.

Zum Beispiel der Zoodirektor.

Richtig, denn die Zeit wäre für das Tier zu lang gewesen. Nun mussten aber die Kamera eingerichtet und das Licht gesetzt und die Zeit genommen werden – da habe ich mich neben Jürgen von der Lippe gesetzt und habe den Zoodirektor gespielt. Der Jürgen hat mich dann Sachen über Tiere gefragt und ich habe geantwortet. Das muss ziemlich unterhaltsam gewesen sein, jedenfalls haben die Schulklassen, die bei der Generalprobe dabei waren, sich gut amüsiert. Der Unterhaltungschef Hans-Joachim Hüttenrauch nahm immer die Generalprobe ab, und dem habe ich auch gefallen. Der vermittelte mich an Wolfgang Neumann, der im WDR-Radio eine Hitparade moderierte. Der suchte eine Urlaubsvertretung.

Die waren Sie.

Ich habe mich drei Mal zu ihm gesetzt, mir alles angeschaut und dann die Sendung gemacht – heute undenkbar. Ich hatte zwei Plattenspieler zu bedienen, war total aufgeregt und habe zwei Stunden nicht geatmet. Weil ich so zitterte, habe ich den Saphir des Plattenspielers abgebrochen.

Aber sonst lief alles gut?

Mit einer Ausnahme. Jede Hitparade dieser Welt hat ja einen Count Down und endet immer mit dem Nummer-Eins-Hit. Bei meiner ersten Sendung allerdings nicht. Die Zuhörer haben nie erfahren, wer die Hitparade anführte – da kamen nämlich schon die Nachrichten. Ich dachte, jetzt ist es aus mit meiner Radiokarriere. Aber sie haben das beim WDR nicht so tragisch genommen, die zweite Sendung lief dann schon besser. Da habe ich sogar schon geatmet.

Von da an lief es für Sie im Radio?

Ja, ich habe dann im Laufe der Jahre sehr viel für den WDR machen dürfen. Von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre war ich ein sogenannter programmprägender Hörfunkmoderator.

Journalismus hat Sie nie gereizt?

Ich war zu dumm dafür.

Aber nicht doch.

Ja, ich habe da schon Respekt. Vor vielleicht zehn Jahren kam mal eine Anfrage, ob ich ein Mittags- oder Morgenmagazin auf WDR 2 moderieren wolle. Ich hab’s mir nicht zugetraut.

Sie machen heute weniger Radio, sondern Sie touren mit eigenen Programmen durchs Land. Wie groß sind die Säle, die Sie füllen?

Zwischen 300 und 1000. Und mit diesen Zahlen falle ich heute unter Kleinkunst. Die ganz großen Arenen fülle ich nicht. Die Comedians bringen es heute locker auf 2000 bis 4000, das ist ja ein Irrsinn, den Mario Barth da ausgelöst hat.

Verstehen Sie dessen Erfolg?

Mario erreicht vor allen Dingen die junge Zielgruppe. Menschen zwischen 14 und 25 wollen Party. Für die ist eine Massenveranstaltung per se ein tolles Event, dafür sind die auch schon mal zwei Stunden unterwegs. Ich mit meinen 53 Jahren erreiche diese Gruppe nicht mehr, obwohl auch bei mir natürlich junge Leute sitzen.

Beschreiben Sie doch bitte einmal Ihr Publikum. Roland Koch zählt ja auch zu Ihren Fans.

Stimmt, ich bin auch einmal beim Sommerfest in der Hessischen Landesvertretung in Berlin aufgetreten. Also mein Publikum ist erwachsen, so meist ab 40, an Bildungsschichten ist alles vertreten, die meisten kennen mich aus meiner Radiozeit und sind vielleicht ein bisschen enttäuscht, wenn ich nicht den ganzen Abend zum Telefonhörer greife.

Sie telefonieren gar nicht mehr auf der Bühne?

Doch, aber im neuen Programm pro Auftritt nur noch ein- oder zweimal. Das Publikum kann mir eine Nummer geben und mir eine Geschichte erzählen, und dann rufe ich live an. Wenn ich außerhalb Hessens spiele, warten die Leute nicht so sehr auf die Telefon-Nummer. Ich möchte eher davon weg, weil ich auch auf mein anderes Programm stolz bin und weil sich die Telefon-Comedy dann irgendwann auch erschöpft.

Nur nebenbei: Werden Sie auch noch mit siebzig auf der Bühne stehen?

Ich hoffe, nicht. Ich weiß es aber nicht, Sie machen mir gerade Angst.

Ist Ihnen eine Telefon-Nummer noch nie missraten?

Doch. Das war in Mainz, da bin ich über das Ziel hinausgeschossen. Da meldete sich ein junger Mann aus dem Publikum und sagte, sein Freund wisse noch nicht, dass dessen Freundin schwanger sei. Den habe ich dann angerufen, und der war zu recht sauer.

Das war Ihnen unangenehm?

Es war mir total unangenehm. Ich habe dem Publikum auch gesagt, dass ich mir jetzt total blöd vorkam und nicht einfach so weitermachen konnte. Das hat man mir auch abgenommen, und es ging dann wieder. Aber das ist mir unvergessen peinlich.

Und wenn Sie gemeinsam mit jemand anderem auftreten, der mehr Beifall als Sie bekommt – sind Sie dann eifersüchtig?

Überhaupt nicht. Ich hatte ja kürzlich ein gemeinsames Programm mit Johannes Scherer. Da hatte der Johannes einige umjubelte Passagen, darüber freue ich mich. Ich spiele seit ein paar Jahren Golf und freue mich über jeden guten Schlag des Mitspielers. Allerdings kann ich schon mal ausflippen, wenn mir ein Schlag oder mehrere Schläge danebengehen. Ich neige zum Jähzorn.

Werden Sie dann aggressiv?

Nur mir selbst gegenüber.

Wen aus Ihrem Metier finden Sie gut oder bewundern ihn gar?

Ich finde sehr viele gut, eigentlich alle, die ehrliche Arbeit abliefern. Helge Schneider beispielsweise ist ein sehr ehrlicher Arbeiter und überdies ein ausgezeichneter Musiker. Er ist übrigens auch ein Beispiel dafür, dass man als Künstler immer auch den richtigen Zeitpunkt erwischen muss.

Wieso?

Als er noch ein No Name war, habe ich ihn für die damalige Kölner Kneipe meiner Frau für 150 Mark engagiert. Nach zehn Minuten hatte er die Kneipe leergespielt. Die Leute dachten: Der hat ja ein Rad ab. Vielleicht zwei Jahre später haben ihn alle dafür geliebt. Mit der gleichen Kunst hat er Säle gefüllt und erfolgreiche Filme gedreht.

Kann man sich mit Helge Schneider überhaupt normal unterhalten?

Sehr gut sogar. Unterschätzen Sie ihn nicht.

Sind Sie mit Quatsch, Comedy und Kleinkunst eigentlich wohlhabend geworden?

Nein, ich bin verheiratet, habe zwei Söhne, wir geben das Geld schnell und gern aus. Das hat auch einen ernsten Hintergrund: Meine Frau hat ihre Mutter in frühen Jahren verloren, sie will einfach im Hier und Jetzt leben und sich keine Zukunftsgedanken machen.

Ihre Schlagfertigkeit ist angeboren?

Ja, ich habe wohl so einen gewissen Mutterwitz in die Wiege gelegt bekommen. Ich war ja nie hübsch. Wenn ich eine Party besuchte, haben sich die Mädels nicht nach mir umgedreht. Aber ich konnte immer gut reden und habe es auf diese Weise zum Erfolg gebracht.

Bei der Damenwelt.

Damit das hier auch mal festgehalten wird.

Wie viele Abende sind Sie von daheim fort?

Ich komme im Jahr so auf 100 bis 120 Auftritte, fahre aber immer zurück zu meiner Familie. Ich mag keine Hotels und fahre gern Auto, da kann ich gut nachdenken.

Denken Sie dann auch über sich selbst nach?

Ja klar, ich bin im Grunde ein ziemlicher Grübler. Der es auch immer allen recht machen will. Wenn mir jemand sagt, meine Show habe ihm nicht gefallen, würde ich ihm am liebsten sagen: „Hier hast du dein Geld zurück, wir bleiben aber Freunde, ja?“

Die Fragen stellten Werner D’Inka
und Peter Lückemeier.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAuslandssemesterBrettspielHessischer RundfunkJürgen von der LippeMario BarthWDRWiesbaden