F.A.Z.-Leser helfen

Eine Zuflucht für die vergessenen Kinder

Von Martina Propson-Hauck
 - 11:40

Im Discounter steht am Ausgang ein ziemlich kräftig aussehender Mann und beobachtet die Kassen aufmerksam. Sicherheitsdienst. Vor dem Eingang bieten ein Mann und eine Frau ein paar Habseligkeiten an einem improvisierten Flohmarkttisch feil. An der Trinkhalle ein paar Schritte weiter lehnen drei Männer am Stehtisch, vor sich ein paar Bierflaschen. Sie schweigen sich an, wirken müde. Im Friseursalon beugen vier junge Männer in Reihe die Köpfe ein wenig, damit die Rasur im Nacken auch gelingt. Sie schauen hoch, alle haben den exakt gleichen Haarschnitt. Die As-Salam-Moschee des islamischen Kulturvereins ist nur wenige Schritte entfernt, sie liegt im oberen Teil des sogenannten Kleinen Zentrums der Nordweststadt und ist verschlossen.

Das Ladenzentrum zwischen Thomas-Mann-Straße und Praunheimer Weg hat bessere Zeiten gesehen. Jetzt wirkt es wie ein massives Betonschiff, in dem sich Sozialeinrichtungen gegenüber der Moschee in ehemaligen Ladenlokalen aneinanderreihen. Drum herum wogt ein graues Meer von Hochhäusern. In den sechziger Jahren, als die Trabantenstadt entstand, sollte das Kleine Zentrum den Anwohnern den täglichen schnellen Einkauf ermöglichen, als Ergänzung zum großen Nordwestzentrum. Heute erzählt es stumm die Geschichte eines langsamen Verfalls. Ohne den Discounter gäbe es hier gar keine Einkaufsmöglichkeit mehr, ohne Moschee, Schülerladen, russische Samstagsschule, Nachhilfeangebot, Kunstschule und Jugendclub erschiene das Ganze wie eine Geisterstadt.

Ein bunteres Leben in der Arche

Zwischen Discounter, Friseur, Moschee und Trinkhalle liegt die Arche, eine Einrichtung des christlichen Kinder- und Jugendwerks. Nach und nach strömen am Mittag Kinder mit Ranzen und Rucksäcken dorthin, am Tresen gibt es Nudeln mit Sauce. Ein Stockwerk höher kicken ein paar Jungen in einem Raum mit Polstern an den Wänden. Erhan Dogukan steht vor Fotos, die Jugendgruppen beim Snowboarden und Kanufahren zeigen. „Da bin ich“, sagt der Fünfzehnjährige und zeigt auf ein Foto. Die Fenster sind fast zugehängt mit Fotos von Sportklamotten, Rucksäcken, Kopfhörern und Skateboards. Jedes Kind habe zu Weihnachten einen Wunsch frei, den Spender erfüllten, erläutert Julia Hildebrandt, die die Einrichtung leitet. Sonst werden die Wünsche der Kinder, die hierherkommen, eher selten wahr. Die Eltern leben von staatlicher Unterstützung, manche haben mit sich selbst und ihren Problemen so viel zu tun, dass für die Kinder keine Zeit bleibt. Schon gar nicht Geld für Wünsche.

Hinter der Tür zu dem Stillarbeitsraum kleben Mädchen im Grundschulalter bunte Glitzersticker auf Pappschachteln, einige machen ihre Hausaufgaben, eine ehrenamtliche Betreuerin erklärt. Die Sonne scheint, die meisten zieht es nach draußen mit Bällen und Inlineskates. Unten füllen zwei Fünfzehnjährige den inzwischen fast leeren Essraum der Arche mit Kichern und Lachen. Eine der beiden Freundinnen hat im Drogeriemarkt gerade eine Tüte voll Windeln für den kleinen Bruder gekauft. Yusra findet es normal, sich darum zu kümmern. Sonst muss sie morgens doch immer das nasse Bett abziehen. Sie ist 15, besucht die Realschule und möchte vielleicht noch das Fachabitur machen, um einmal Sozialarbeit studieren zu können. Aber im Moment findet sie die Schule anstrengend. Ist das nicht vielleicht doch Zeitverschwendung? Zu Hause kümmert sie sich um die kleinen Geschwister. Früher war sie nach der Schule immer in der Arche, jetzt brauche sie mehr Ruhe bei den Hausaufgaben, sagt sie.

Mehr Platz und Personal für 250 Kinder nötig

Auch deswegen wollen die Mitarbeiter der Arche ihr Angebot für Jugendliche gern ausbauen, Platz schaffen, damit die Großen nicht von den Kleinen gestört werden. Dieses Vorhaben soll mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt werden. 60 bis 70 Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren kommen am Tag, insgesamt 250 Kinder. Julia Hildebrandt wünscht sich auch einen Leseraum, in dem die Kinder ein wenig mehr „runterkommen und sich zurückziehen können“. Wenn die Neuntklässler Praktikumsberichte schreiben müssen, bleiben die Betreuer auch länger da, um jedem helfen zu können, sonst ist um 17 Uhr Schluss. Mittlerweile sei die Hälfte der Arche-Kinder im Teenie-Alter. Um die Öffnungszeiten aber verlängern zu können, brauche es mehr Personal. Mehr Zeit für die Begleitung von Hausaufgaben, aber auch, um das ganz normale Leben zu erklären, Werte zu vermitteln, „was wir für wichtig erachten über den Tag hinaus“, sagt Hildebrandt.

Ein Jugendlicher hat gerade ein durch Unterstützung der Betreuer mühsam ergattertes Praktikum bei der Deutschen Bank einfach abgesagt. Ein Bekannter des Vaters bescheinige ihm ein Praktikum, ohne dass er anwesend sein müsse. In der Zeit könne er dann doch in einer Bäckerei richtig Geld verdienen. In einer Welt des täglichen Überlebenskampfes denkt man eher selten an Perspektiven und Karrieremöglichkeiten. Dass ein unbezahltes Praktikum Türen öffnen kann und deshalb dem schnellen Geld in einem perspektivlosen Hilfsjob vorzuziehen ist, müssen die Mitarbeiter der Arche geduldig in vielen Gesprächen vermitteln.

„Man wird so herzlich aufgenommen“

„Ich komme immer gern her, man wird so herzlich aufgenommen, und die Erzieher haben immer ein Lächeln im Gesicht“, sagt Yusra. In der Arche habe sie immer einen Ansprechpartner gefunden, erläutert das Mädchen mit dem streng gebundenen grauen Kopftuch. Sie ist gläubige Muslima. Dass in der Arche manchmal auch christliche Geschichten aus der Bibel erzählt werden, findet sie „nicht schlimm, das war immer sehr interessant“. Seit einiger Zeit trifft sie sich mit Freunden am liebsten im Nordwestzentrum, „bei McDonald’s, dann sitzen wir da auf Treppen rum und reden“. Anschließend geht es meist in die Buchhandlung, nicht der Bücher wegen, sondern weil es dort kostenloses W-Lan gibt. „Wir gucken dann lustige Videos auf den Smartphones“, bis sie rausgeschmissen würden, weil sie zu laut seien.

Manchmal stehen direkt vor den Fensterscheiben der Arche auch Drogendealer. Julia Baumgart holt dann nicht die Polizei, sondern redet deutlich mit ihnen, verlangt mit Nachdruck, dass „ihre“ Arche-Kinder unbehelligt bleiben, und sie verschwinden. Die Polizei ist für sie nur ein letzter Ausweg. Wo es Drogen im Viertel gibt, wissen viele Jugendliche sowieso. Baumgart will sie so stark machen, dass sie diese Ecken einfach meiden.

Ein Zuhause, das oft nicht als solches bezeichnet werden kann

„Sind wir die Armen?“, fragen die Kinder, denen nicht entgeht, wenn sich Medienvertreter in mehr oder weniger großen Zeitintervallen einmal wieder an sie erinnern. Sie sind die Armen, die Verwahrlosten, die, deren Zuhause nicht wirklich so bezeichnet werden kann. Manche sind dunkelhäutig, tragen Rastazöpfchen, andere Kopftuch. „Julia, Julia“, schallt es im Minutentakt. Immer wieder kommt ein Kind und holt sich ein paar Streicheleinheiten ab. Auch Ann-Marie, die schon 18 ist, aber so zart wie manche Elfjährige, mit rauher Schale, cooler Strickmütze, unter der die großen braunen Augen manchmal etwas verstört hervorgucken. Kurz bevor sie gehen will, hängt sie sich mit ihren dünnen Armen um Julias Hals, verharrt dort, sagt „tschüs“ und geht. Niemand fragt, wohin. Sie sei ziemlich oft umgezogen in jüngster Zeit, berichtet sie. Immer mit Freunden. Von Eltern sagt sie nichts.

„Manche Jugendliche erzählen uns, sie wären schon tot, wenn sie uns nicht gehabt hätten“, sagt Hildebrandt. Regelmäßig Essen zu bekommen ist für manche überlebensnotwendig. Manchmal schaltet sie auch das Jugendamt ein, wenn Kinder sagen, dass sie nicht mehr nach Hause wollen. Dann rollt die Verwaltungsmaschinerie an, Pflegefamilie, Heim. Einige gehen dann doch wieder zurück zu den Eltern, sind Hildebrandt gram, fühlen sich ausgehorcht. Deshalb erzählt hier auch niemand gern Fremden etwas von zu Hause, von den Eltern, von Schwierigkeiten. Zu Julia, Daniel und den anderen Betreuern haben sie alle oft über Jahre sehr viel Vertrauen entwickelt. Vertrauen braucht Zeit, viel Zeit. Und gute Nerven.

Das Viertel hält zusammen

Hildebrandt sagt: „Wir nehmen jeden so an, wie er ist.“ Auch wenn jemand sehr schwer zu ertragen ist, aufgedreht, laut, provokant. Wenige Minuten zuvor gingen ein paar Gläser zu Bruch, ein Fußball verfehlt nur knapp den Kopf der Fotografin. Einige klauen manchmal ein paar Süßigkeiten im Discounter nebenan. Der Marktleiter sei cool und sehr in Ordnung, sagt Hildebrandt. Er frage zuerst die Erzieher nach ihrer Einschätzung, wenn er mal wieder jemanden erwischt hat. „Wir überlegen dann, ob jemand vielleicht geschickt wurde von den Älteren und sprechen mit dem Betroffenen.“ Die Eltern werden informiert, aber niemand holt gleich die Polizei. Das Viertel hält zusammen, das spüren die Kinder und fühlen sich in dieser Arche sehr wohl.

„Das Christentum ist unsere Motivation, aber wir missionieren niemanden“, sagen Hildebrandt und Schröder. Nirgends hängen Kreuze, es wird nicht gebetet. Es gibt aber ein freies Angebot für alle Kinder, in dem die beiden von ihrem Glauben erzählen. Mindestens 90 Prozent der Kinder sind Moslems. „Wir haben auch einige sehr religiöse muslimische Kinder, die fragen nach, warum ich so vieles falsch mache, Schweinefleisch esse, kein Kopftuch trage“, sagt Hildebrandt. Manche fragten irgendwann auch, warum sie sich ihnen jeden Tag aufs Neue wieder freundlich zuwende, obwohl sie ihre Geduld manchmal bis zur Erschöpfung ausreizten. „Wenn wir dahin kommen, ist alles erreicht.“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“:

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für ein Projekt, bei dem Jugendliche durch die Arche Frankfurt-Nordweststadt auf dem Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben unterstützt werden, und zugunsten eines Kinderheims in der Ukraine, das vernachlässigte, wohnungslose und missbrauchte Kinder aufnimmt.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten:

- Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

- Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00

Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

Quelle: F.A.Z.
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