Kiste auf Römerberg

Hölzerner Sarg der Gerechtigkeit

Von Hans Riebsamen
 - 10:01

Chinesen, Japaner, Amerikaner, aber auch Sachsen, Schwaben, Pfälzer, kurzum, die halbe Welt steht auf dem Römerberg und fotografiert die Kiste. Der sparsame Schwabe vermutet natürlich hämisch, dass den verschwenderischen Frankfurtern das Geld für eine richtige Skulptur ausgegangen ist. Der Sachse fragt erstaunt: „Nu, was is’n des für’n Gelummbe?“ „German modern art“, weiß der Amerikaner. Der geschichtsbewusste Japaner wiederum stellt sich verwirrt die Frage, ob die Deutschen ein altes Kaiserdenkmal schamhaft unter der Kiste versteckt halten. Der Chinese fragt gar nichts, sondern stellt sich wohlgelaunt im Reisekollektiv vor der Kiste auf und lässt einen Passanten auf den Auslöser der Kamera drücken.

Freilich weiß auch der gemeine Frankfurter nicht so genau, was sich in der Kiste versteckt, die seit einem Jahr auf dem Sockel des Gerechtigkeitsbrunnens thront. Stand da nicht früher so eine halbnackte weibliche Figur mit einer Waage in der Hand? Ach ja, Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit. In Frankfurt nicht wie überall sonst mit verbundenen Augen, sondern mit wachem Blick auf die Realität und das Rathaus Römer. Wahret Recht und Gesetz, mahnt sie die Stadtoberen. „Stark im Recht“, heißt denn auch der Wahlspruch Frankfurts seit fast 200 Jahren.

Nicht nur Justitia ist verschwunden

Nun ist Frau Gerechtigkeit verschwunden. Die Kiste wird umstanden von Tannen, seliger Weihnacht Pracht. Bald jedoch kommt die FES, packt die Christbäume auf ihre Wagen und macht aus den grünen Zweigen Kompost. Dann sieht jeder, dass noch etwas fehlt, nämlich das Gitter des Gerechtigkeitsbrunnens.

Das steht oder liegt in der Werkstatt für Schmiedekunst von Ralf Gerhardt in Knau. Der Thüringer Meister saniert das verrostete Eisen, bessert Fehlstellen aus und pinselt den vier Frankfurter Adlern wieder Gold auf die Federn. Vielmehr: Das hätte er eigentlich längst tun sollen. Denn so haben es die „Freunde Frankfurts“, die bei ihm die Reparatur des umrandenden eisernen Zaunes in Auftrag gegeben haben, den Frankfurtern versprochen: „Anfang Oktober 2017 wird unsere Justitia auf den Sockel springen, um sich, beschützt von dem in altem Glanz wiederhergestellten Gitter, feiern zu lassen.“

Eine einsame Stehparty

Bisher feiert Frau Gerechtigkeit aber nur eine einsame Stehparty in der dunklen Kiste. Jedenfalls gehen wir davon aus, dass sie in der Kiste steckt, die mittlerweile von gewiss hundertausend Touristen abfotografiert worden ist und von noch einmal so vielen als Hintergrund für ein Selfie genutzt wurde.

Die schnöde Kisterei empört jeden ordentlichen Frankfurter, besonders aber den Künstler Uwe Grodd und den Ausstellungsmacher Robert Bock. Was sollen denn die Besucher der Mainmetropole denken, wenn aus der Mitte des Römerbergs, sozusagen aus dem Nabel der Stadt, eine hölzerne Kiste gen Himmel zeigt, fragten sich schockiert die beiden patriotischen Ästheten.

Lieber ein richtiges Kunstwerk

Am liebsten hätten Grodd und Bock auf den Sockel des Justitiabrunnens ein richtiges Kunstwerk gestellt, ein provokantes möglichst, zum Beispiel einen Stinkefinger. Aber Kunst im öffentlichen Raum ist erfahrungsgemäß immer mit Ungemach verbunden, zum Beispiel mit Behörden, die überzeugt werden wollen und Genehmigungen, ohne die in einem wohlgeordneten Stadtwesen nichts geht, erteilen müssen.

Deshalb machten die beiden besagten Männer der Kunst immer mehr Abstriche von ihrer Idee eines autonomen Werkes und näherten sich Schritt für Schritt der tristen Kistenrealität an. Nun bleibt die Kiste stehen, aber das dort angeklebte kleine Plakat der „Freunde Frankfurts“, das auf die heroischen Anstrengungen dieser Förderer der Stadt hinweist, soll nun in einer lesbaren, weil vergrößerten Form die eine der vier Seiten der Kiste schmücken.

Auf einer anderen Seite wird besagtes Plakat mit einer englischen Botschaft den Fremden Kunde geben vom Fehlen des Gitters. Schließlich lebt Frankfurt, wie wir seit Oberbürgermeister Peter Feldmanns Predigten wissen, von seiner Internationalität. Auf der dritten Kistenseite prangt bald ein Code, den Smartphone-Nutzer abscannen können, wonach sich auf ihrem Bildschirm eine Seite öffnet, die die Justitia in ihrer ganzen Schönheit zeigt.

Und die vierte Seite? Die ist für dann doch für die Kunst reserviert. In Grün-Blau-Orange wird darauf folgender Satz des Schriftkünstlers Grodd zu lesen sein: „Justitia: work in progress“. Der Fortschritt des Sanierungswerks wird sich aber noch einige Monate hinziehen, denn nun werden überdies die Sandsteinstufen des Brunnens erneuert. Frühestens im Mai, eher später, werden die Arbeiten abgeschlossen sein, und die Kiste kann verschwinden. Bis dahin werden die Touristen aus China, Japan und Amerika geduldig weiter den hölzernen Sarg der Gerechtigkeit fotografieren und sich ihre Gedanken machen – oder auch nicht.

Quelle: F.A.Z.
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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