Frankfurt
Outplacement

Mit Coach zum neuen Job

Von Marlene Grunert, Frankfurt
© Junker, Patrick, F.A.Z.

Unzufrieden war Sören Elbert schon lange gewesen. Zwölf-Stunden-Tage und Dauerstress in einer Branche, die auf kurzfristige Gewinnmaximierung getrimmt ist, hatten ihn zermürbt. Gut fünfzehn Jahre arbeitete Elbert als kaufmännischer Leiter in verschiedenen Frankfurter Firmen. Zunächst für Private-Equity-Unternehmen und zuletzt für einen amerikanischen Dienstleister, der mit Finanzdaten handelte. Als das Unternehmen verkauft werden sollte und Kündigungen bevorstanden, reichte es ihm. Elbert, ein kurzhaariger Mann Ende vierzig, ging auf seinen Arbeitgeber zu und kündigte an, das Unternehmen freiwillig zu verlassen, sofern man sich über die Art des Abgangs einig werde. Die Personalabteilung machte dem Rheinländer daraufhin gleich mehrere Angebote. Zusätzlich zu einer Abfindung und einer mehrmonatigen Freistellung versprach ihm das Unternehmen die kostenlose Teilnahme an einem Outplacementprogramm, einer Beratung zur beruflichen Neuorientierung. Elbert war zunächst skeptisch: „Ich wusste erst mal gar nicht, was das bringen soll.“

Outplacement kommt aus den Vereinigten Staaten, hat sich längst aber auch in Deutschland etabliert. Immer mehr Unternehmen finanzieren ausscheidenden Mitarbeitern eine professionelle Unterstützung auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Im Gegenzug erwarten sie dafür die Unterschrift unter einen Auflösungsvertrag. Während sich eine solche Berufsberatung noch vor ein paar Jahren an Fach- und Führungskräfte richtete, ist das Phänomen inzwischen verbreitet. „Vor allem bei großen Umstrukturierungen greifen inzwischen viele Unternehmen auf Outplacement zurück“, sagt Manuela Richter. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität des Saarlandes und forscht zu dem Thema. „Outplacement wird in der Regel als Ergänzung oder Alternative zu Abfindungen angeboten.“ Sören Elbert gab sich eineinhalb Monaten nach der Freistellung einen Ruck.

„Ganz viele weinen hier erst mal“

Er suchte die Frankfurter Outplacementfirma SWP auf, bei der sein Arbeitgeber die Beratung gebucht hatte. Mit etwa 17.000 Euro lag die Leistung vom Preis her im Mittelfeld. Elberts Paket beinhaltete eine „Premiumbetreuung“ bis zum Ende der Probezeit in einem neuen Beschäftigungsverhältnis. Mit den Beratern feilte er an seinen Bewerbungsunterlagen und trainierte Vorstellungsgespräche. „Es war gut, einen Sparringpartner zu haben, aber ich war in dieser Hinsicht ein pflegeleichter Kandidat“, sagt Elbert. Menschen, die über Jahrzehnte hinweg für dasselbe Unternehmen tätig waren und gar nicht mehr wissen, worauf es im Bewerbungsverfahren ankommt, haben es da schwerer. Für Elbert waren andere Fragen wichtiger. „Es ging darum, was mir eigentlich im Leben wichtig ist“, erzählt er.

Jahrelang sei er die Karriereleiter hinauf gestiegen und habe immer mehr Geld verdient. Mit jedem Schritt sei aber auch der Druck gewachsen. „Irgendwann habe ich den Lohn vor allem als Schmerzensgeld empfunden.“ Bedingungslos habe er nicht mehr Karriere machen wollen. „Das habe ich zwar schon vor dem Outplacement gespürt, aber es tat sehr gut, das noch mal mit Hilfe von Experten analytisch herauszuarbeiten.“ Die Sitzungen hätten ihm geholfen, die „Work-Life-Balance“ stärker in den Blick zu nehmen. Obwohl die Umbruchphase ein gewisses Risiko geborgen habe, sei er nie nervös geworden. „Ich wurde psychologisch bei der Stange gehalten.“ SWP-Geschäftsführerin Gabriele Reiser sieht darin eine Hauptaufgabe. Am Anfang gehe es oft darum, die Mandanten zu stabilisieren, sagt sie. Denn die große Mehrheit scheide, anders als Elbert, unfreiwillig aus dem Arbeitsverhältnis. „Ganz viele weinen hier erst mal.“ Da müsse Aufbauarbeit geleistet werden – in einzelnen Fällen grenze das an psychologische Betreuung.

Oft ist die Beratung Folge einer Kündigung

Doch dafür sind Outplacementberater nicht ausgebildet. Besonders hilfsbedürftige Mandanten schickt Reiser deshalb zunächst zum Therapeuten. Die Diplom-Kauffrau war selbst 14 Jahre lang Personalleiterin gewesen, als ihr gekündigt wurde. Reiser nahm daraufhin selbst an einem Outplacementprogramm teil und entdeckte in der Beratung eine neue Leidenschaft. Sie ließ sich, wie sämtliche Outplacementberater, an einem Privatinstitut zum Coach ausbilden; die Berufsbezeichnung ist ungeschützt. Etwa die Hälfte der Outplacementcoaches hat selbst Erfahrung mit Kündigungen gemacht, wie Manuela Richter von der Universität des Saarlandes herausgefunden hat. „Outplacement funktioniert nur, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihnen Respekt entgegengebracht wird. Es hilft, wenn ein Berater die Situation selbst kennt.“ Den Eindruck hat auch Reiser, die eine gewisse Skepsis gegenüber ihrer Branche nachvollziehen kann: „Wir leben schließlich davon, dass anderen gekündigt wurde.“ Doch fassten die meisten Mandanten schnell Vertrauen.

Für eine umfassende Persönlichkeitsanalyse sei das unerlässlich, erläutert die Beraterin. In der Analyse definiere sie mit den Mandanten deren Ziele. „Wir entwickeln Kompetenz“ – so nennt sie das. Regelmäßig gewönnen die Mandanten Erkenntnisse. Eine Frau, die 25 Jahre lang als Chemielaborantin tätig war, wolle nun auf einem Pferdehof arbeiten. Solche krassen Umbrüche gebe es aber nicht oft, gibt Reiser zu. Wie Sören Elbert, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist es vielen Arbeitnehmern unangenehm, über ihr Outplacement zu sprechen. Schließlich ist in den meisten Fällen die Beratung die Folge einer Kündigung. „Darüber redet unsere Gesellschaft nicht gern. Versagen, Schmerz und Trennung sind immer noch Tabuthemen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Manuela Richter. Diese Beobachtung teilt SWP-Geschäftsführerin Reiser.

Positiv in den Jobwechsel

Ein Mandant sei nach dem Aus am Arbeitsplatz monatelang jeden Tag mit Köfferchen und Laptop in die Kantine des Unternehmens gegangen, damit die Nachbarn nichts von der Kündigung mitbekommen. Outplacementberatungen sollen dem Stigma, das mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verbunden ist, bestenfalls entgegenwirken. Dass die Unternehmen dabei auch andere Motive verfolgen, hält Manuela Richter für akzeptabel. Anders als in den Vereinigten Staaten, wo Outplacement oft nur angeboten werde, um die Mitarbeiter einfacher loszuwerden, sei das Angebot hierzulande immer auch Ausdruck sozialer Verantwortung, meint sie. Selbst wenn Unternehmen dabei auch ihr Image im Blick hätten und Kosten eines etwaigen Rechtsstreits vermeiden wollten, hält sie Outplacement für einen Schritt in die richtige Richtung. Richter sagt: „Es geht um eine neue Trennungskultur.“

Sören Elbert arbeitet inzwischen in einem universitätsnahen Institut und empfindet die Atmosphäre im öffentlichen Dienst als angenehm. „Ich bin aus dem turbokapitalistischen Umfeld in den Non-Profit-Sektor gegangen“, sagt er. Elbert genießt die geregelten Arbeitszeiten und ein Management, das trotz allen Anspruchs nicht „so ad-hoc-getrieben“ sei. Obwohl er 30.000 Euro weniger im Jahr verdiene, habe sich die Umorientierung für ihn gelohnt. Elbert schließt nicht aus, dass er zu diesem Wechsel auch allein imstande gewesen wäre. Ermutigt habe ihn die Beratung aber allemal. „Ich bin danach außerdem so positiv wie noch nie in den Jobwechsel gegangen.“

Quelle: F.A.Z.
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