Frankfurt
S-Bahn-Werkstatt des RMV

Großklinik für Züge

© Helmut Fricke, F.A.Z.

So eine S-Bahn ist ein wahres Schwergewicht. 115 Tonnen bringt der 70 Meter lange Zug auf die Waage. Selbst die vereinte Riege der Olympia-Gewichtheber dürfte sich an einem solchen Koloss verheben. Die Bahn setzt deshalb in ihrer S-Bahn-Werkstatt am Frankfurter Hauptbahnhof mechanische Gewichtheber ein. Fünf Hebebühnen stemmen die 115 Tonnen in die Luft – ohne Ächzen und Stöhnen.

Jetzt, da die S-Bahn aufgebockt ist, können die Mechaniker ihre Radsätze austauschen. Das ewige Rollen auf den Schienen hat Spuren hinterlassen auf den Rädern, Rillen haben sich in den Stahl gefressen. Unter der Aufsicht des Gesellen Martin Riedel lösen der Auszubildende Lukas Riegler und sein Kollege Patrick Jaroszewicz, der schon 2014 ausgelernt hat, die verschlissenen Radsätze aus ihrer Halterung und ersetzen sie durch neue. Spätestens alle fünf Jahre ist ein solcher Austausch notwendig.

Halle vollgestopft mit moderner Technik

Doch auch zwischendurch werden die Räder regelmäßig inspiziert. „Hier läuft es wie in einer Arztpraxis“, scherzt Werkstattleiter Andreas Stickler. Mit Ultraschall wird der Zustand der Radsätze in regelmäßigen Abständen geprüft. So lässt sich schon in einem frühen Stadium feststellen, ob das Rad beschädigt ist und repariert oder ausgetauscht werden muss, damit der Zug nicht auf der Strecke liegenbleibt. Überhaupt verfügt diese Großklinik für Eisenbahnen, als welche man die Werkstatt bezeichnen könnte, über einige fortgeschrittene Diagnosesysteme, die eine zu starke Abnutzung des Materials rechtzeitig anzeigen.

Stickler achtet darauf, dass seinen mehr als 100 Mitarbeitern ausgeklügelte und moderne Technik zur Verfügung steht. So können die Mitarbeiter an mehreren Gleisen auf vier Ebenen an den Bahnen arbeiten: in einer Mittelgrube unter dem Zug, außerdem in einer Seitengrube, auf einem Laufsteg auf Einstiegsebene und auf einer Arbeitsbühne auf der Dachebene. Bücken und Kriechen, wie man das aus so vielen Werkstätten kennt, ist kaum nötig. Auf diese Weise versucht die Bahn, den Verschleiß, dem Techniker normalerweise ob ihrer schweren körperlichen Arbeit ausgesetzt sind, zu vermeiden. „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter auch mit 67 Jahren noch vital sind“, sagt Stickler.

Tatsächlich ist die S-Bahn-Werkstatt, die eigentlich Werkstatt für Elektrotriebfahrzeuge heißt und in der auch einige Regionalzüge gewartet werden, in Technik und Arbeitsorganisation ein Vorzeigebetrieb. Delegationen von Eisenbahnern aus der ganzen Welt sind schon hierhergepilgert, um sich etwas für ihre Unternehmen abzuschauen. In Sankt Petersburg in Russland etwa hat die dortige Bahnverwaltung eine Werkstatt exakt nach dem Frankfurter Vorbild nachgebaut.

2006 hat die Deutsche Bahn AG ihre hiesige Werkstatt in einer alten Posthalle eingerichtet. Die Außenhülle des Gebäudes, das knapp vier Fußballfelder umfasst, blieb bestehen, doch im Innern wurde alles neu gemacht. Nun ist die ganze Halle vollgestopft mit moderner Technik. Sogar das Dach ist etwas Besonderes: Hier erzeugt eine Photovoltaikanlage so viel Strom, dass damit 250 Haushalte versorgt werden könnten.

„Wir besitzen den modernsten Fahrzeugpark der Republik“

Die Techniker können in der riesigen Halle an 14 Zügen gleichzeitig arbeiten: Im hinteren Teil der Halle werden Reparaturen und größere Arbeiten an den Zügen ausgeführt, im vorderen Teil nehmen die Mitarbeiter die Routineinspektion vor, die für jede Bahn alle vierzehn Tage ansteht, oder sie beseitigen kleinere Mängel wie klemmende Türen. Für die Beseitigung von Graffitis hat man hier ein ganz eigenes Trockenverfahren entwickelt.

Etwa 30 Fahrzeuge werden pro Tag durch die S-Bahn-Werkstatt geschleust und wieder in Schuss gebracht. Pro Kalendertag, muss man sagen, denn hier wird in drei Schichten rund um die Uhr gearbeitet. Nachtarbeit ist allein schon deshalb notwendig, weil die Bahnen während des Tages für den regulären Verkehr benötigt werden. Die Nachtschicht ist, das berichtet Stickler, bei vielen durchaus begehrt, weil dafür Zuschläge gezahlt werden.

Morgens um 5 Uhr sieht man in der Halle fast keine Bahnen mehr. Schließlich will die Bahn im Berufsverkehr so viele Züge wie möglich auf die Strecke schicken. Vor allem im S-Bahn-Netz müssen die Räder rollen, denn die S-Bahnen bilden das Rückgrat des Regionalverkehrs im Rhein-Main. Mehr als 40000 Kilometer legen die S-Bahn-Züge am Tag zurück, das ist mehr als eine Erdumrundung. An die tausend Fahrten legt die Flotte von 191 Fahrzeugen am Tag zurück. Im Jahr befördern die S-Bahnen etwa 150 Millionen Fahrgäste auf ihren neun Linien.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

„Wir besitzen den modernsten Fahrzeugpark der Republik“, sagt Stickler. Tatsächlich hat die Bahn, nachdem sie den vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ausgeschriebenen S-Bahn-Verkehr 2014 für 15 beziehungsweise 22 Jahre gewonnen hatte, vertragsgemäß mehr als 90 Züge gekauft und etwa 100 ältere modernisiert. Auf den Linien S1, S7, S8 und S9 fahren die neuen Fahrzeuge des Typs ET430, auf den Linien S2, S3, S4, S5 und S6 die modernisierten Züge. Sie alle werden in der Frankfurter S-Bahn-Werkstatt in regelmäßigen Abständen auf Vordermann gebracht.

„Sicherheit ist bei uns das A und O“, sagt Werkstattleiter Stickler. Nur einmal hat es in der Geschichte der hiesigen S-Bahn ein schweres Unglück mit 17 Toten gegeben, nämlich 1990, als bei Rüsselsheim wegen der Unachtsamkeit eines Lokführers zwei S-Bahnen zusammenstießen. Seither läuft der S-Bahn-Verkehr faktisch unfallfrei, was zweifellos mit ein Verdienst der Techniker in der Werkstatt am Hauptbahnhof ist.

Nur eine Entwicklung macht dem Werkstattleiter und der Bahn Sorgen – das Gewinnen von Nachwuchstechnikern. Die jungen Leute fangen nicht mehr so gerne wie früher eine technische Ausbildung an, lieber wollen sie studieren und dann einen Bürojob finden. Die Bahn sucht permanent ausgebildete Elektriker, Monteure und ähnliche Fachkräfte. Sie bildet auch aus, allein ihre Tochter DB Regio, die die S-Bahn-Werkstatt betreibt, hat zurzeit in Hessen 16 Azubis unter Vertrag. Der Auszubildende Lukas Riegler hat seine Entscheidung für die Bahn bisher nicht bereut. „Ich mag Züge“, sagt er und schraubt weiter am Radsatz einer S-Bahn herum.

Hans Riebsamen

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
RMV