Schüler auf Zeitreise

Klassenfahrt in die DDR

Von Matthias Trautsch
 - 12:55

Gegen 10.30 Uhr erreicht der Frankfurter Reisebus die Grenze. Ein grauer, trutziger Kontrollturm wacht über den Übergang Teistungen, auch bekannt als Duderstadt-Worbis. Der Bus mit den Zwölftklässlern der Max-Beckmann-Schule wird an die Seite gewinkt. Als ein Uniformierter den Bus betritt, wechseln die Schüler beklommene Blicke. Der Stasi-Grenzkontrolleur fordert sie auf, das Gepäck zu öffnen. Mit einer Lampe leuchtet er in eine Tasche und zieht ein buntes Heftchen heraus: eine „Bravo“, Ausgabe 7/1988, auf dem Cover ein Foto der Pet Shop Boys.

Wir schreiben das Jahr 2018, doch die Frankfurter Gymnasiasten befinden sich auf Zeitreise: Sie unternehmen eine Klassenfahrt in die DDR. So haben es die beiden Geschichtslehrer Klaus-Jürgen Wetz und Benedikt Kruse geplant. Mit ihren Schülern wollen sie eine Reise durch das „andere Deutschland“ nachstellen – so, wie sie in den achtziger Jahren tatsächlich stattgefunden haben könnte. Der beschriebene Grenzübertritt ist für Freitag geplant, danach folgen sechs Tage in Weimar, Leipzig, Torgau und Dresden.

„Good Bye, Lenin!“

Es ist wie im Film „Good Bye, Lenin!“, in dem ein Sohn seiner bettlägerigen Mutter vorspielt, der Arbeiter-und-Bauern-Staat existiere weiter, und das mit Vor-Wende-Gurken und selbstgedrehter „Aktueller Kamera“ glaubhaft macht. Der Aufwand, den Wetz und Kruse betreiben, ist nicht geringer. Der Zöllner, der in Duderstadt-Worbis die „systemfeindlichen Presseprodukte“ beschlagnahmt, ist ein Schauspieler. Mit Originaluniform, Kontrolltasche und Stempeln soll er genauso authentisch wirken wie kurz darauf die „Reisebegleiterin des Reisebüros Jugendtourist der Freien Deutschen Jugend“, die die Schüler dazu auffordert, die mitgebrachte D-Mark in Ostwährung umzutauschen.

Wetz, Fachleiter Geschichte an der Beckmann-Schule, hat nichts gegen das Lernen im Klassenzimmer oder Museum, aber er meint auch, dass es sich lohne, neue pädagogische Wege zu gehen. Dazu gehört das „Reenactment“, also die Inszenierung historischer Ereignisse und Situationen. Die deutsch-deutsche Geschichte ist dem Neunundfünfzigjährigen ein Herzensanliegen. Viele der heutigen Jugendlichen wüssten zu wenig darüber, obwohl „die letzten Zuckungen einer Diktatur in Deutschland noch keine drei Jahrzehnte zurückliegen“. Freiheit und Demokratie seien nicht selbstverständlich. Er sei überzeugt, dass junge Leute nur durch „empathische Begegnungen und Erfahrungen“ verstehen könnten, was es bedeute, in totalitären Staats- und Gesellschaftsstrukturen zu leben.

Das Erlebnis muss reflektiert werden

Zu jeder „Reenactment“-Sequenz gehört eine direkt anschließende Besprechung – die Schüler sollen mit den Szenen nicht alleingelassen werden und sie auch nicht als Unterhaltungsprogramm an sich vorüberziehen lassen. So ist zwischen der schikanösen Zollkontrolle und der skurrilen Begrüßung durch die FDJ-Reisebegleiterin ein Besuch im Grenzlandmuseum Eichsfeld geplant, das sich im früheren Hauptgebäude der Zollverwaltung befindet. Dort sprechen die Schüler mit der Geschäftsführerin und nehmen an einer anderthalbstündigen Führung teil.

„Reenactment muss reflektiert werden“, sagt Kruse. Zusammen mit Wetz hat der 34 Jahre alte Lehrer für Geschichte und Latein das Projekt der „Klassenfahrt in die DDR“ entwickelt. Ausgangspunkt sei die Beobachtung gewesen, dass Schüler, die heute zu Studienfahrten nach Weimar oder Dresden fahren, es als völlig selbstverständlich wahrnähmen, dass dies ohne Hindernisse, Zwänge und Vorgaben möglich ist. Ganz anders als vor 30 oder 40 Jahren, als es ebenfalls Klassenfahrten in den Osten gegeben hat.

„Die Bundis kommen"

Wetz und Kruse haben die Berichte von Lehrern und die Ratgeber aus jener Zeit gesichtet, zum Beispiel das Handbüchlein „7 Tage DDR“ und die Reisetipps des damaligen Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen. Ein anderes Buch heißt „Die Bundis kommen – Jugend erlebt die DDR“. „Bundis“ hießen die Bundesrepublikaner im ostdeutschen Jargon. Auch einen Zwölf-Millimeter-Film von 1986 haben die beiden Lehrer im Archiv gefunden und digitalisieren lassen. Er dokumentiert die seinerzeitige Reise einer Heppenheimer Klasse in den Osten und soll auf der jetzt bevorstehenden Studienfahrt angeschaut werden.

Wichtiger noch als das Archivmaterial war nach Wetz’ Worten der Austausch mit Gerhard Dotzauer, der von 1982 bis 2005 Studienleiter an der Beckmann-Schule war. In den achtziger Jahren ging er mit den Schülern auf Klassenfahrt in die DDR, heute ist er pensioniert, aber dem Oberstufengymnasium als Vorsitzender des Fördervereins und auch sonst verbunden. „Der Austausch mit ihm hat uns sehr geholfen“, sagt Wetz.

Im Herbst 2016 riefen er und Kruse eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben, seitdem traf sich ein Kreis von etwa 20 Jugendlichen alle zwei Wochen außerhalb des normalen Unterrichts, um sich mit der deutschen Teilung sowie den gesellschaftlichen und politischen Strukturen in der DDR auseinanderzusetzen und sich so auf die Studienfahrt vorzubereiten. Mit der konkreten Organisation hätten sie sich ein Jahr beschäftigt, rund 700 Telefonate geführt und an die 80 Beteiligte eingebunden, sagt Wetz. Unter anderem das Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Wiesbaden und die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Max-Beckmann-Schule hätten die Fahrt finanziell ermöglicht.

Das ganze Ausmaß unmenschlicher „Umerziehung“

Herausgekommen ist ein dichtes Programm, zu dem etwa die Unterbringung in einem typischen DDR-Jugendgästehaus, ein Rundgang durch Weimar mit einer „Stadtbilderklärerin“ (der Ausdruck „Führer“ war als faschistisch verpönt) und ein Abendessen in der Gaststätte „Kollektiv“ gehören. „Dort gibt es dann Jägerschnitzel, das heißt: panierte Jagdwurst mit Pilzsauce“, sagt Wetz. Im Schulmuseum Leipzig nehmen die Jugendlichen an einer Unterrichtsstunde mit den Schulbüchern der achtziger Jahre teil und erleben, wie Mitschüler unter Druck gesetzt werden, die nicht zur Jugendweihe, sondern zur Konfirmation gehen.

Das ganze Ausmaß unmenschlicher „Umerziehung“ zeigt die Gedenkstätte „Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“. Dort, wo früher unangepasste Jugendliche seelisch und körperlich gebrochen wurden, sprechen die Schüler mit Zeitzeugen, die bis heute mit den Folgen zu kämpfen haben. Im bewusst gewählten Kontrast dazu steht die nächste Station in der Dresdner Jugendherberge, wo eine Begegnung mit linientreuen Mitgliedern und Funktionären der FDJ geplant ist – ganz so, wie es bei Klassenfahrten in den achtziger Jahren vorgeschrieben war. Allerdings stecken diesmal in den Blauhemden Schüler, die ebenfalls eine Rolle spielen. Es sind Gymnasiasten der Ernst-Moritz-Arndt-Schule aus Rügen. Sie haben sich, genauso wie die Frankfurter „Bundis“, mit historischen Quellen auf das Rollenspiel vorbereitet. Nun versuchen sie, die Westler von den Vorzügen des Sozialismus zu überzeugen und systemkritische Fragen abzuwehren.

Auch wenn der Aufwand dieser Studienfahrt über das, was sonst im Schulalltag leistbar ist, weit hinausgeht, sehen Wetz und Kruse in ihrem Projekt eine Art Modell, von dem andere profitieren könnten. Ein Beispiel dafür hat Wetz selbst geliefert. Vor zehn Jahren begab er sich mit seinen Schülern per Fahrrad auf Spurensuche entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Aus den Erlebnissen entstand unter anderem eine 80 Seiten starke Broschüre, die in einer Auflage von 500 Stück an andere Schulen ging. Und als er bei einem Workshop auf Rügen über die Radtour sprach, entstand der Kontakt mit der Lehrerin, die mit ihren Schülern jetzt als FDJ-Gruppe nach Dresden fährt.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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