„Senckenberg Night“

Klima-Botschafter aus der Kälte

Von Sascha Zoske
 - 09:55

Ein peinlicher Druckfehler hat Thorsten Lumbschs Karriere als Flechtenforscher in Gang gebracht. Weil auf dem Umschlag eines Fachbuchs über diese Gewächse der Name der Autorin falsch geschrieben war, landete das Werk auf dem Wühltisch einer Buchhandlung an der Gräfstraße. Dort erstand es der Schüler Thorsten zum Preis von einer Mark.

Die Welt der Flechten ließ ihn fortan nicht mehr los. Mit 15 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Artikel zum Thema. Heute gilt der Vizepräsident des Chicago Field Museum als führender Flechtenexperte; er war an der Beschreibung von mehr als 280 neuen Arten beteiligt. Am Samstagabend wurde dies nur ein paar Schritte von der Gräfstraße entfernt gewürdigt: Lumbsch erhielt im Senckenbergmuseum, das er als Kind oft besucht hat, den mit 10 000 Euro dotierten Senckenberg-Preis für Naturforschung.

Zum vierten Mal ehrte die Senckenberg-Gesellschaft während eines festlichen Abends Persönlichkeiten, die als Wissenschaftler oder Aktivisten Herausragendes für den Naturschutz leisten. Rund 200 Gäste waren zur „Senckenberg Night“ mit Dinner und Begleitprogramm gekommen; auf der Rednerliste standen unter anderen Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD).

Flechten – Mischlebewesen, die aus Pilzen und Algen bestehen – mögen unscheinbar sein, aber sie spielen in Ökosystemen eine wichtige Rolle, wie Lumbsch und Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger im Pressegespräch vor der Preisverleihung deutlich machten. Für den Menschen sind sie als Lieferanten von Wirkstoffen, aber auch als Bioindikatoren interessant. Die Luftverschmutzung und der dadurch verursachte „saure Regen“ etwa haben im vergangenen Jahrhundert den Flechten stark zugesetzt. Es gebe auch einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen ihrem Absterben und der Zahl der Todesfälle durch Lungenkrebs, erläuterte Lumbsch. „Flechten sind sozusagen die Kanarienvögel im Kohlenschacht.“

Isländisches Moos in Deutschland

Der globale Temperaturanstieg wiederum wirkt sich nach den Worten des Professors auf die Verteilung der Flechtenarten aus. Wärmeliebende Vertreter aus dem Süden siedelten sich in Deutschland an, dafür würden solche verdrängt, die an kühleres Klima angepasst seien – etwa das Isländische Moos, das zur Herstellung von Hustenmitteln genutzt wird.

Spektakuläre, medienwirksame Bilder produziert der Wandel der Flechtenflora nicht. Insofern hat Lumbsch es schwerer, auf die Folgen ökologischer Veränderungen aufmerksam zu machen als der Polarforscher Arved Fuchs. Weil er seit langem mit Wort und Tat für den Schutz arktischer Landschaften eintritt, wurde Fuchs in der „Senckenberg Night“ mit dem Preis für Natur-Engagement geehrt. Auch diese Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert.

In 92 Tagen durch die Antarktis - an Ruhestand ist nicht zu denken

Arved Fuchs hat in 92 Tagen die Antarktis durchquert und mit seinem Segelschiff den Nordpol umrundet. Aber wie der 2014 mit dem Senckenberg-Preis bedachte Bergsteiger Reinhold Messner sieht er sich nicht nur als Abenteurer, sondern mehr und mehr als Ökobotschafter. Er hat ein „Climate Education Camp“ gegründet, in dem ausgewählte Jugendliche die Folgen der Erwärmung in der Arktis an Ort und Stelle studieren können – um anschließend selbst als Naturschutz-Multiplikatoren zu wirken.

Fuchs sagte, er habe sich noch in den neunziger Jahren nicht vorstellen können, dass der Mensch das Klima beeinflusse. Jetzt sehe er sich als „Zeitzeuge“, dessen Aufgabe es sei, den Wandel der Polarregionen zu dokumentieren. Man müsse „in den Köpfen der Menschen Bilder generieren“ und sie so dazu bringen, Druck auf die Politik auszuüben. Nüchtern vorgetragene wissenschaftliche Erkenntnisse allein reichten hierfür nicht aus.

Demnächst wird Fuchs 65 Jahre alt, aber für Botschafter seines Schlages gibt es keine Ruhestandsgrenze: Für Ende Mai plant er schon die nächste Arktis-Expedition.

Quelle: F.A.Z.
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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